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Aktien - die Aussichten für 2022 Bei Anlegern steigt der Angstpegel

Auch eine Glaskugel hilft nicht: Aktienkurse entwickeln sich zufällig, sagen Wissenschaftler. Vorhersagen über künftige Kurse lassen sich daher nicht treffen. Foto: Frank Rumpenhorst

Auch eine Glaskugel hilft nicht. Oder doch?

(Foto: dpa-tmn)

Die Corona-Rally ist ins Stottern gekommen. Omikron, rasant gestiegene Inflationsraten und Probleme bei den chinesischen Immobilien-Projekt-Entwicklern sorgen für Unsicherheiten. ntv.de hat mit drei Finanzmarkt-Experten die Aussichten für das kommende Jahr diskutiert.

ntv.de: Wie schätzen Sie generell die Aussichten für die Aktienmärkte im Jahr 2022 ein?

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Marco Herrmann ist seit 1992 für renommierte Banken und Fondsgesellschaften tätig. Seit 2010 verantwortet er als Geschäftsführer die Anlagestrategie der FIDUKA.

Marco Herrmann: Wir sehen ein gemischtes Bild: Negativ sind eine weniger expansive Geldpolitik und voraussichtlich steigende Anleiherenditen. Dem gegenüber steht ein weiterhin über dem Trend liegendes Wirtschaftswachstum und damit verbunden eine sehr gute Ertragslage bei den meisten Unternehmen. Ausgehend von einem vergleichsweise hohen Kurs/Gewinnverhältnis von knapp über 20 für 2022 an der New Yorker Leitbörse ist eine Bewertungsausweitung dort sehr unwahrscheinlich. Die Kurse sollten also bestenfalls mit den Unternehmensgewinnen zulegen können.

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Reinhard Pfingsten arbeitet bei der Bethmann Bank als Chief Investment Officer und ist Mitglied im Management Team des globalen Investment Centers der ABN Amro Gruppe.

Reinhard Pfingsten: Wir starten mit einer leichten Übergewichtung von Aktien in das Jahr 2022 und erwarten eine moderate einstellige Wertentwicklung für die Anlageklasse im neuen Jahr. Kommunikationsfehler in der Geldpolitik könnten zum größten Risikofaktor für Aktienanlagen werden. Doch die amerikanische Notenbank Fed hat in den vergangenen Quartalen sehr aktiv und marktschonend kommuniziert.

Michael Wittek: Wir gehen ebenfalls von einem positiven Aktienjahr aus. Aber die Schwankungen werden voraussichtlich zunehmen. Aktienanleger brauchen also wieder bessere Nerven.

ntv.de: Bei den Risiken müssen wir sicherlich zuerst über Corona sprechen. Die Aktienmärkte scheint das derzeit kaum zu interessieren - zu Recht?

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Michael Wittek ist Portfoliomanager bei Albrecht, Kitta & Co. Vermögensverwaltung und ist für die Anlagestrategie der Vermögensverwaltung verantwortlich.

Wittek: An der Börse rücken die politischen Maßnahmen jedenfalls mehr und mehr in den Hintergrund. Neue, aggressivere Virusvarianten werden aber weiterhin ein Unsicherheitsfaktor bleiben.

Pfingsten: Das sehe ich ähnlich. Die Effekte einer vierten Welle dürften nur geringe und temporäre Effekte mit sich bringen, solange insbesondere in Asien und in den USA keine neuerlichen Lockdowns verhängt werden. Dies ist vorerst jedoch nicht zu erwarten. Auswirkungen auf die Märkte wären insbesondere bei einer Verschärfung der Lieferkettenprobleme mit folglich weiter steigenden Inflationszahlen zu befürchten.

ntv.de: Sind denn erneut Störungen in den Lieferketten zu befürchten? Man merkt es ja mittlerweile im Alltag, dass es immer wieder bestimmte Produkte in den Geschäften nicht gibt.

Herrmann: In den zurückliegenden Wochen gab es erste Entspannungssignale von den großen Containerhäfen. Auch die Frachtraten fallen allmählich. Solange aber China eine Null-Toleranz-Linie fährt und immer wieder Fabriken und Häfen nach einem Corona-Ausbruch schließt, werden Logistikprobleme an der Tagesordnung bleiben.

Wittek: Wir sind da etwas optimistischer und gehen davon aus, dass die Lieferengpässe in den nächsten Monaten abnehmen. Die Unternehmen haben sich mittlerweile auf die Situation eingestellt. Zudem wurden zum Beispiel in Asien viele Halbleiterfabriken wieder hochgefahren, was für Nachschub sorgt.

ntv.de: Eine Folge von Corona war ja auch, dass die Reedereien Schiffe verschrottet haben und Hafenarbeiter ihre Jobs verloren. Wie lange meinen Sie, dass es dauert, bis sich die Transportkapazitäten wieder auf das Vorkrisen-Niveau erholt haben?

Pfingsten: Entsprechende Engpässe können sich bis in das 3. Quartal 2022 hineinziehen und würden einer noch längeren Abarbeitung bedürfen, sollten Virusmutationen im Winter 2021/22 die Lage auf globalen Rohstoffmärkten weiter verschärfen.

Herrmann: Das Hauptproblem sind die langen Warteschleifen vor den Häfen. Diese bauen sich allerdings zurzeit glücklicherweise etwas ab. Genaue Prognosen traut sich derzeit kaum jemand abzugeben. Deswegen finde ich die Aussage von Herrn Pfingsten mutig.

ntv.de: Kommen wir zur Inflation. Die ist sowohl in Deutschland als auch in den USA auf ein Niveau gestiegen, das es zuletzt vor rund 30 Jahren gab. Haben wir das Top schon erreicht oder kommt da noch mehr?

Wittek: Viel mehr wird da nicht kommen. Wir gehen davon aus, dass wir zwar über den jahrelang vorherrschenden Inflationsraten vor dem Ausbruch der Pandemie liegen werden. Die aktuell vorliegenden Zahlen sollten jedoch nicht mehr übertroffen werden.

Pfingsten: Ja genau. Wir sehen im späteren Jahresverlauf schon allein basisbedingt eher rückläufige Zahlen, aber gehen von einer strukturell höheren Inflation aus. Gründe hierfür sind die Demografie mit einem geringeren Anteil der "arbeitenden" Bevölkerung, die Deglobalisierung und Entflechtung der Beziehungen von China und den USA sowie der Kampf gegen den Klimawandel. Das alles unterstützt die Inflation.

Herrmann: Dazu kommen noch die massiv verteuerten Importpreise und die steigenden Löhne - Stichwort Mindestlohn - sowie die Preise für Dienstleistungen, die überall zu beobachten sind.

ntv.de: So oder so, die meisten Marktteilnehmer gehen davon aus, dass sich die Inflation im nächsten Jahr wieder zurückbildet. Die Frage ist aber, steht eine zwei, eine drei oder sogar eine vier vor dem Komma?

Herrmann: Wir gehen in den kommenden Jahren von einer Inflationsrate in Deutschland von zwei bis drei Prozent aus.

Wittek: Wir rechnen mit einer drei vor dem Komma.

Pfingsten: Hier muss regional unterschieden werden: Wir erwarten für 2022 in den USA eine Gesamtinflation von 3,2 Prozent. In der Eurozone dürfte die Inflation auf 1,7 Prozent zurückgehen.

ntv.de: Im Gegensatz zur amerikanischen Fed, die Mitte Dezember das Ende der Anleihekäufe und erste Zinserhöhungen angekündigt hat, will Christine Lagarde, die Präsidentin der EZB, 2022 zwar die Anleihekäufe ebenfalls drosseln, hält aber in Europa Leitzinserhöhungen für "sehr unwahrscheinlich". Hält sie das durch?

Pfingsten: Mit einem Abebben der inflationären Entwicklung in der Eurozone unter die Zielmarke von zwei Prozent im Jahr 2023 wird die EZB-Präsidentin Argumente erhalten, an einer expansiven Geldpolitik weiter festzuhalten. Wir rechnen auf Sicht der kommenden zwei Jahre nicht mit Zinsanhebungen im Euroraum.

Herrmann: Der Druck auf die EZB wird sicherlich steigen. Aber nach mehr als zehn Jahren Verfehlen des eigenen Inflationsziels hat die Notenbank bereits kommuniziert, auch für längere Zeit ein Überschießen der Teuerungsrate über die Zwei-Prozent-Marke zu tolerieren.

ntv.de: Wenn die Fed bei der Geldpolitik die Zügel anzieht und die EZB tatsächlich die Füße weitgehend stillhält, müsste das eigentlich für europäische Aktien sprechen, die außerdem noch sehr viel günstiger als amerikanische Papiere bewertet sind.

Wittek: In der Tat sind europäische Aktien zum Teil deutlich preiswerter als die US-Aktien. Dies könnte zu einer Outperformance von europäischen Aktien führen. Allerdings sind amerikanische Big Techs wie Apple oder Microsoft in Europa nicht zu finden. Laufen diese 2022 wieder so gut wie 2021, haben die USA doch wieder die Nase vorn.

Herrmann: Insbesondere ein stärkerer US-Dollar spielt den Europäern in die Karten. Ausschlaggebend wird aber die Ertragskraft der Unternehmen sein, und die war bei den Amerikanern in den vergangenen Jahren deutlich höher - zum Jahresende 2021 dürften die US-Konzerne das Ertragsniveau von vor der Corona-Pandemie (2019) um 25 Prozent übertroffen haben, Europa liegt bestenfalls auf dem Vor-Corona-Niveau. Für ein Abkoppeln von der Leitbörse braucht es schon mehr.

ntv.de: Kommen wir zur Black Box China. Für wie gefährlich halten Sie die Schieflagen bei den Immobilien-Projekt-Entwicklern wie Evergrande und Co.?

Pfingsten: Die Einflüsse auf den Bankensektor außerhalb Chinas dürften begrenzt bleiben. Dennoch wird ein Abschwung des Immobilienmarktes 2022 negativ auf das Wirtschaftswachstum der Volksrepublik wirken. Nach acht Prozent Wachstum im Jahr 2021 dürfte das chinesische BIP 2022 nur noch um 5,3 Prozent zulegen.

Wittek: Wir erwarten auch eher Entwarnung. China wird unseres Erachtens die Immobilienfirmen einigermaßen kontrolliert abwickeln. Derzeit besteht für europäische Anleger womöglich das größere Risiko darin, in China nicht investiert zu sein als dort Geld zu verlieren.

ntv.de: Letzte Frage zum Schluss. Zu welchen Regionen und Branchen raten Sie für das kommende Jahr? Bitte möglichst konkrete Antworten.

Wittek: Wir sehen den gesamten asiatischen Bereich als sehr interessant an. Bei der Branchenallokation favorisieren wir Industrieaktien.

Pfingsten: Wir starten vorerst mit einer neutralen Gewichtung der Regionen. Bei den Branchen bleiben wir bei einer zyklischen Ausrichtung und gewichten Grundstoffe, Industriewerte und zyklische Konsumwerte über. Angesichts der anstehenden Zinswende in den USA haben wir auch eine Präferenz für den Finanzsektor, der von einer steigenden Zinsstrukturkurve profitieren dürfte. Strukturelle Trends lassen uns darüber hinaus den Gesundheitssektor in einer übergewichteten Positionierung halten.

Herrmann: Zu den wichtigsten Investmentthemen zählen für uns weiterhin der Technologiesektor mit einer Bandbreite von Computerchips über Digitalisierung & Künstliche Intelligenz bis hin zur Automatisierung & Robotik. Ein vergleichsweise neues Megathema stellt der Klimaschutz dar. Zuletzt wurden immer ehrgeizigere CO2-Einsparziele verkündet, die nur mit immensen Investitionen zu erreichen sind und somit über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, überdurchschnittliches Wachstum versprechen. Vorsicht ist allerdings in den Bereichen "Wasserstoff" und "E-Mobilität" angebracht. Dort ist bereits eine Kursblase entstanden, die stark an die TMT-Blase um das Jahr 2000 erinnert.

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Quelle: ntv.de

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