Ratgeber
Donnerstag, 09. Juni 2016

Immobilienkredite mit Auflagen : Wie Brüssel die Bürger ums Eigenheim bringt

Ein Gastbeitrag von Max Herbst

Wer erwachsene Menschen jegliche Verantwortung abnimmt, tut ihnen in der Regel keinen Gefallen. Bestes Beispiel: Die Wohnimmobilienkreditrichtlinie der EU. Statt Bauherren zu helfen, bewirkt sie genau das Gegenteil.

Sind die zu erwartenden Rentenbezüge eher dürftig, ist die Finanzierung tot.
Sind die zu erwartenden Rentenbezüge eher dürftig, ist die Finanzierung tot.(Foto: imago/Jochen Tack)

Selten war eine Binsenweisheit so brisant wie diese. Der Spruch, dass „gut gemeint“ und „gut gemacht“ nichts miteinander zu tun haben, mag abgegriffen sein. Doch er charakterisiert die jüngste Brüsseler Gesetzesvorgabe, die EU-Richtlinie zur Wohnimmobilienfinanzierung, ausgesprochen treffend. Obschon man in Europas Hauptstadt die besten Intentionen hatte – unbedarfte Verbraucher sollten beim Hauskauf besser geschützt werden – machen die Richtlinie und ihre Umsetzung durch den deutschen Gesetzgeber den Immobilienerwerb nicht einfacher, sondern schwieriger.

Der Grund für dieses unerfreuliche Ergebnis liegt vor allem in einer weit verbreiteten Fehlinterpretation des Begriffes "Verbraucherschutz". Die Politik scheint einen Zustand anzustreben, in dem erwachsene Privatpersonen im Geschäftsleben nur noch ein Minimum an Verantwortung tragen, während die Risiken und Eventualitäten auf die Banken, Unternehmen und Geschäftsleute abgewälzt werden. Das kann auf Dauer nicht gut gehen.

Verschobene Perspektive

Auch wenn in der Vergangenheit viele berechtigte Gründe zur Bankenkritik gab, muss man den Geldhäusern doch auch einige Verdienste zugestehen. Zum Beispiel, dass sie vor der Vergabe eines Darlehens meist sehr erfolgreich die Kreditwürdigkeit ihrer (potenziellen) Kunden geprüft haben.  Der EU ging das aber nicht weit genug. Vielmehr zog sie die Arbeitsweise der Banken in Ländern mit lockerer Kreditvergabe als Maßstab für die Verschärfung heran. Mit einem überdimensionierten Regelwerk will sie auch noch dem letzten geldgierigen Kreditverkäufer das Leben schwermachen. Eigentlich ein hehres Ansinnen. Doch statt gezielt gegen schwarze Schafe vorzugehen – etwa durch eine verbesserte Aufsicht –, bringen die Brüsseler Bürokraten lieber eine Richtlinie auf den Weg, die alle Darlehensgeber an die Kandare legt.

Max Herbst ist Inhaber der FMH-Finanzberatung, die seit 1986 unabhängige Zinsinformationen erstellt.
Max Herbst ist Inhaber der FMH-Finanzberatung, die seit 1986 unabhängige Zinsinformationen erstellt.

Auch die deutsche Umsetzung trägt eindeutig die Handschrift ehemaliger Verbraucherschützer. Die Risiken der Kreditvergabe liegen dank ihrer fast ausschließlich bei den Geldhäusern. Das klingt erst einmal gut. Nur leider scheinen die Verfasser vergessen zu haben, dass auch der umfassend geschützte Verbraucher darauf angewiesen ist, einen Geldgeber zu finden, der ihm einen Kredit gewährt. Das aber dürfte angesichts der ungerechten Risikoverteilung immer schwieriger werden – und die bereits bestehende Zweiklassengesellschaft bei der Vergabe von Darlehen weiter forcieren.

Verdammt zum ewigen Mieten

Problemlos mit frischem Geld eindecken können sich auch in Zukunft jene Menschen, die geerbt haben, gut verdienen – oder beides. Wer hingegen mühselig gespart und mit Mitte vierzig ein Eigenkapital von 100.000 Euro zusammengekratzt hat, braucht angesichts der aktuellen Immobilienpreise (und dank der neuen Richtlinie) gar nicht mehr bei einer Bank vorsprechen. Grund: Wegen der Vorgaben aus Brüssel hat der Banker zu klären, ob die Finanzierung über die gesamte Laufzeit sicher ist. Konkret müsste unser Sparer also auch seine zu erwartenden Rentenbezüge offenlegen. Sind die – wie meist – eher dürftig, ist die Finanzierung tot.

Ein Lob an die Verbraucherschützer in den Ministerien, die den Otto Normalverbraucher damit vor den bösen Banken geschützt und dafür gesorgt haben, dass ihm kein gefährlicher Kredit genehmigt wird. Zwar kann er sich nun auch kein eigenes Häuschen mehr kaufen und seinen Kindern etwas vererben. Aber ein allumfassender Verbraucherschutz hat nun mal seinen Preis.

Die Grenzen der Freizügigkeit

Verfehlt hat die Richtlinie auch ihr zweites Ziel, einheitliche Finanzierungsmodalitäten innerhalb er EU zu schaffen. Auf den ersten Blick sieht es zwar so aus, als hätten Kunden in Spanien oder Polen nun ähnliche Probleme mit neuen Krediten wie die Deutschen. Abgesehen davon, dass das zynisch ist, stimmt es auch nur bedingt: Erstens, weil der deutsche Gesetzgeber mal wieder ganz besonders viel Verbraucherschutz auf die EU-Vorgaben draufgesattelt hat (andere Länder waren da schlauer). Und zweitens, weil die angeglichenen Bedingungen spätestens dann nicht mehr greifen, wenn ein Grenzgänger finanzieren will. Dann nämlich muss der Banker bereits heute die Auswirkungen möglicher künftiger Währungsschwankungen auf das Einkommen des Grenzgängers in die Risikobewertung einstellen. Ein deutscher Kunde mit Haus in Deutschland, der aber in der Schweiz oder in Polen arbeitet wird zur Blackbox – und lässt die Banken vielfach abwinken.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Für Kunden bedeutet die neue Rechtslage einen deutlichen Mehraufwand. Wer finanzieren will, sollte schon vor dem Gespräch wissen, wie. Erhält er einen Vertrag, kommt dieser zudem mit jeder Menge Papier daher, weil die Banken sich absichern wollen. Das alles ist unerfreulich. Doch es gibt auch Hoffnung.

Die Erfahrung lehrt, dass der Markt sich auch an schlecht gemachte Regelungen gewöhnt. Das wird auch hier der Fall sein – vermutlich sogar schon in wenigen Monaten. Bis dahin aber bleibt die Unsicherheit bei Kunden und Geldgebern. In jedem Fall ist es eine gute Zeit für die großen Vermittler, die meist 50 bis 100 Banken im Angebot haben und leichter einen Anbieter finden, der bereit ist, die Finanzierung durchzuführen. So ersparen sich Bauherren wenigstens eine zusätzliche Mühe: das Klinkenputzen bei potenziellen Geldgebern.

Quelle: n-tv.de