Fußball

6 Dinge, gelernt am 13. Spieltag Bayern bald ohne Neuer, Tuchel ratlos

138b0ca44cb50f2143a90e0e664c4ceb.jpg

Einen Torwart brauchen die Bayern nicht - laut Statistik!

(Foto: imago/Ulmer)

Die Normalität kehrt schnell zurück in die Fußball-Bundesliga, im Guten wie im Schlechten. Für Passspielfanatiker Josep Guardiola eröffnen sich ungeahnte Möglichkeiten, der BVB rätselt, und Kaiser Franz … ach, Kaiser Franz.

1. Die Normalität kommt manchmal zu schnell

Der Terror hat den Fußball nicht gestoppt, aber verzögert. Um 15 Minuten. Der erste Pfiff dieses 13. Spieltags der Fußball-Bundesliga ertönte mit einer Viertelstunde Verspätung, die Sicherheitsvorkehrungen um das Hamburger Volksparkstadion hatten Zeit gekostet. Als die Zuschauer auf den Plätzen und die Teams auf dem Rasen waren, ruhte das Geschehen erst einmal – für die erste von neun Gedenkminuten an einem Wochenende, das den Fußball nach den Attacken von Paris und der Länderspielabsage von Hannover zurück in die Normalität führen sollte. Und das auch tat, im Guten wie im Schlechten.

In den Stadien werde das Unbeschwerte fehlen, vermuteten die Kollegen von "Zeit Online" vor einigen Tagen. Sie irrten. Gleich nach dem ersten Tor am Freitag präsentierte Pierre-Michel Lasogga sein T-Shirt. Darauf keine politische Botschaft, sondern er selbst, als Superman: ein kleiner Seitenhieb auf den Batman-Fimmel seines Widersachers vom BVB, Pierre-Emerick Aubameyang. Im Interview nach dem Spiel amüsierten sich Lasogga und Kollege Lewis Holtby königlich über das Späßchen. Ganz unbeschwert. So wie auch Ibrahima Traoré jubelte, der Gladbacher Stürmer, der in einem Vorort von Paris aufwuchs. Seine Familie kam extra aus Frankreich, um ihn spielen zu sehen. "Ich wollte sie auf andere Gedanken bringen", sagte Traoré nach dem Sieg. "Ich glaube, wir hatten alle Spaß."

Die Rückkehr zur Normalität ging also schnell auf dem Rasen – daneben leider auch. Vor der Partie griffen offenbar Anhänger der Borussia einen Zug mit Gästefans an, die Polizei musste eingreifen. Noch schlimmere Szenen gab es in Gelsenkirchen: Rund 200 Bayern-Fans stürmten ein Schalker Kassenhäuschen und lösten eine Massenschlägerei aus. "Es ist mir und uns allen absolut unerklärlich, wie man sich gerade in diesem Moment, nach den furchtbaren Ereignissen von Paris, so respektlos gegenüber der Gesellschaft und dem Fußball zeigen kann", sagte Bayerns Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge. Schwer zu erklären allerdings auch, warum sein Kollege Matthias Sammer die Anschläge nutzte, um im ZDF die Affäre um die Vergabe der WM 2006 kleinzureden: "Wir müssen ein paar Dinge aufklären, das ist richtig. Es ist aber nichts passiert, was im Ansatz damit vergleichbar ist, was in der letzten Woche geschehen ist", sagte er allen Ernstes. Für einige Funktionäre wird es also offenbar höchste Zeit, dass wieder Normalität einkehrt – und sie nur noch über Fußball reden.

2. Manuel Neuer sitzt bald auf der Bank

Gute Nachricht für Josep Guardiola: Er kann noch einen Mittelfeldmann in seine Passmaschine einbauen. Er muss dafür nur einen völlig überflüssigen Spieler auf die Bank setzen: Welttorhüter Manuel Neuer. Die Statistik besagt nämlich, dass der Rekordmeister selbst dann Spitzenreiter wäre, wenn jeder Schuss, der auch wirklich auf das Bayern-Tor kam, zu einem Treffer geführt hätte. Es wäre nur konsequent und keine große Überraschung, wenn Guardiola die Konsequenzen daraus zieht. Vielleicht fragen die Münchner einfach bei der DFL an, ob sie nach der guten alten Bolzplatzregel mit fliegendem Torwart spielen dürfen – und schon laufen sie im 3-4-3-1 auf.

Gut möglich, dass auch Manuel Neuer irgendwo seinen Platz findet, seine Passquote von 91 Prozent überzeugt mehr als seine Reflexe am Samstagabend in Gelsenkirchen. Da ließ der Nationaltorhüter beim Stand von 1:0 für den Tabellenführer einen haltbaren Ball von Max Meyer passieren und den Schalkern damit lange die Chance auf eine Überraschung. Das profane 2:1 durch Javier Martinez (nach dem Muster Flanke-Kopfball-Tor) und das entscheidende 3:1 durch Thomas Müller (nach dem Muster Müller-Tor) sorgten dann aber doch noch für den "Kampfsieg" (Arjen Robben) und einen, gähn, neuen Rekord der Bayern: Zum ersten Mal hat eine Bundesliga-Mannschaft nach 13 Spielen 12 Siege eingefahren.

3. Der BVB ist noch nicht bereit

"Nur noch fünf Punkte Rückstand", das schrieben tatsächlich einige nach dem 11. Spieltag, als die Bayern gegen Frankfurt erstmals Punkte ließen und der BVB den Abstand auf den Tabellenführer, nunja, verkürzte. Seit Freitag, 22.39 Uhr heißt es für die Spannungs-Prediger wohl endgültig: Titelkampf abhaken und brav die Rekorde der Bayern vermelden. Da hatte Schiedsrichter Felix Zwayer abgepfiffen, der BVB 3:1 beim schnörkellosen HSV verloren und Ernüchterung sich breitgemacht im Lager der Schwarz-Gelben: "Von der ersten Minute an war es offensichtlich, dass uns jegliche Körpersprache und jegliche Einstellung gefehlt haben", räumte Trainer Thomas Tuchel ein. "Dafür habe ich keine Erklärung, ich habe es auch nicht kommen sehen." Sein Team konnte mit den 64 Prozent Ballbesitz nichts anfangen, kombinierte technisch anspruchsvoll bis hochnäsig, aber komplett ungefährlich. In der Defensive erwischten die Leistungsträger einen gebrauchten Tag: Torwart Roman Bürki verursachte den unnötigen Elfmeter vor dem 1:0, Shootingstar Julian Weigl ließ vor dem 2:0 Torschütze Holtby ungedeckt und das 3:0 erzielte Mats Hummels gleich selbst. Außenverteidiger Marcel Schmelzer wollte das Positive sehen: "Es ist gut, dass wir so einen Denkzettel bekommen haben." Für den BVB vielleicht. Nicht aber für die Liga.

4. Der VfB muss eine Entscheidung treffen

Alexander Zorniger am Donnerstag im Interview mit dem "Kicker": "Wir sind weit genug, diesen Stil zu spielen." Alexander Zorniger am Samstag nach dem 0:4 gegen Augsburg: "Wir waren überhaupt nicht in der Lage auch nur annähernd das zu spielen, was wir wollen." Zwischen diesen beiden Sätzen liegen nur zwei Tage - oder eigentlich nur 90 Minuten. Wobei, ganz genau genommen sogar ganze 26 Minuten. In der 27. Minute stand es 0:2 und VfB-Trainer Zorniger nahm seinen Innenverteidiger Toni Sunjic vom Platz. Die erste große Korrektur und auch sie fruchtete nicht. Keine zehn Minuten später erzielte der FCA das 0:3. Schon zur Halbzeit verließen die ersten Stuttgarter Fans das Stadion. Die, die blieben, verhöhnten ihr Team in der zweiten Hälfte mit der La-Ola-Welle. So schlimm steht es um den VfB, der sich nach zwei Heimsiegen in Folge auf einem guten Weg wähnte – und sich nun mal wieder fragt, ob die Spieler versagt haben oder Trainer Zorniger sein Team überfordert. Sportdirektor Robin Dutt sparte seinen Coach von der Kritik aus: "So eine Situation wie gestern werden wir kein weiteres Mal von den Spielern dulden." Geht das nächste Spiel beim BVB auch verloren, dürfte der Trainer jedoch auch intern in den Mittelpunkt der Diskussion rücken. Die patentierte Notlösung wird so oder so nicht greifen: Der zweifache Retter Huub Stevens sitzt ja schon in Hoffenheim auf der Bank.

5. Favres Erben mischen die Liga auf

imago18851006h.jpg

Gute Vorarbeit geleistet, Lucien Favre!

(Foto: imago/Sven Simon)

Bleiben wir bei Stevens: Noch läuft seine Interims-Mission im Kraichgau ohne Erfolg. In vier Spielen unter dem Feuerwehrmann hat die TSG noch keinen Treffer erzielt, jedenfalls keinen ins gegnerische Tor. Im Berliner Schneetreiben flockte Eugen Polanski einen Kopfball in den eigenen Kasten - die Entscheidung in einem Spiel, über das man nicht nur aus Witterungsgründen einen besonders dicken Wintermantel des Schweigens hüllen sollte. Die Herthaner brachten das Kunststück fertig, als erstes Team seit dem HSV 2006 ein Spiel zu gewinnen, obwohl sie nur einen einzigen Torschuss abgegeben hatten. Den Minimalisten aus der Hauptstadt war es egal, sie stehen nun auf Rang vier und dürfen sich ersten Europapokal-Träumen hingeben. Das war zuletzt unter Lucien Favre der Fall, den der heutige Coach Pal Dardai als Vorbild bezeichnet: "Ich habe von ihm sehr viel gelernt, besonders im taktischen Bereich." So profitiert die Hertha noch heute vom Schweizer, der den Verein im September 2009 verließ.

Diese Geschichte wiederholt sich nun so ähnlich in Mönchengladbach. Ebenfalls im September warf Favre nach einem Fehlstart hin – aus heutiger Sicht sein letzter Geniestreich. Er hinterließ eine intakte Mannschaft, die nur entfesselt werden musste. Den Job übernahm André Schubert, der sich mit dem mühsamen 2:1 gegen Hannover in die Geschichtsbücher einträgt: Es war der siebte Sieg im achten Spiel (dazu noch ein Remis), damit hat Schubert den Rekord des legendären Udo Lattek eingestellt – und seine Mannschaft bis auf einen Punkt hinter die Hertha geführt.

6. Auch Lichtgestalten verglühen

Mit der Erinnerung ist das so eine Sache. Es wird Männer in Dortmund geben, die sich daran erinnern können, in der wievielten Minute Lars Ricken im Champions-League-Finale 1997 gegen Juventus Turin eingewechselt wurde, an das Datum ihres Hochzeitstages aber nicht. Jo mei, würde Kaiser Franz da sagen. Man muss halt Prioritäten setzen. So wie er selbst. Franz Beckenbauer hat abgespeichert, was er am 6. Juli 2000 gemacht hat: Am Zürichsee spazieren gegangen, mit seinem Kumpel Fedor Radmann geplaudert, die WM nach Deutschland geholt. Dieser Schuldschein über zehn Millionen Franken aber, von dem weiß er nichts mehr.

Der Emir von Katar? Das war ein Jagdfreund vom Egidius Braun, daran erinnert sich der Kaiser. Aber dass die deutsche Regierung Waffen an Saudi-Arabien geliefert hat, davon hat er noch nie gehört. Von den Treffen mit Jack Warner, Anfang der 2000er, kann er Geschichten erzählen, jo mei, glaubt ihr’s denn. Aber diesen Brief an Warner, nein, den hat er nicht gelesen. Nur unterschrieben. Das kann schon sein. Das Treffen mit Theo Zwanziger am Flughafen in Frankfurt, es ist erst zwei Jahre her - was da gesprochen wurde? "Keine Ahnung."

"Verdrängen Sie Dinge? Selektive Erinnerung kann ja auch eine Gnade sein", fragen die Journalisten der "Süddeutschen Zeitung", im Interview mit Franz Beckenbauer zur WM-Affäre. Und der Kaiser? Stimmt zu: "Verdrängen …, vielleicht. Vielleicht ist das gar nicht so schlecht."

Quelle: ntv.de