Fußball

6 Dinge, gelernt am 33. Spieltag Tuchel sarkastisch, RB und FCB orgiastisch

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Bombastische Stimmung: Mit einer riesigen Choreo feierte Schalke den Uefa-Cup-Sieg 1997.

(Foto: AP)

Moment, verweile doch, du bist so schön. Am 33. Spieltag legt die Fußball-Bundesliga ein Spektakel hin. Bayern bosst Emporkömmling Leipzig nieder, der HSV lebt noch - und Mario Gomez? Lächelt sich durch den Abstiegskampf.

1. Die Bundesliga hört auf, wenn’s am Schönsten ist

Um 16.46 Uhr brachen die Dämme. In Wolfsburg schoss Mario Gomez das 1:1, doch die Kollegen vom Bezahlfernsehen kamen gar nicht dazu, die Wiederholung zu zeigen. Tor in Leverkusen, rief schon der nächste Kommentator. Und dann: Tor in Bremen! Tor in Mainz! Tor in Leipzig! Fünf Treffer auf fünf Plätzen innerhalb von wenigen Sekunden. Und das war nur der Auftakt für eine packende letzte halbe Stunde, in der vier Mannschaften noch eine Führung verspielten. Zwei Partien kippten sogar völlig – in Mainz und in Leipzig, wo sich die Rich Kids von RB einen packenden Schaukampf mit dem Festgeldkonto-Rekordmeister lieferten, mit dem besseren Ende für die Bayern. 4:5 in bester Mia-san-Mia-Manier, mit Treffer acht und neun nach Ablauf der regulären Spielzeit, das ist ewiger Rekord. Man stelle sich vor, es wäre an diesem Tag wirklich um etwas gegangen. Immerhin hält das Spektakel nun den Saisonbestwert für die meisten Tore in einem Spiel - der gesamte Spieltag war mit 37 Treffern der torreichste der Saison.

Vielleicht hört die Liga aber auch gar nicht auf, wenn’s am Schönsten ist – vielleicht ist es einfach so schön, weil die Saison endet - das Wetter ist prächtig, tränenreiche Abschiede verdienter Helden und bombastische Choreos wärmen das Herz, statt Samstagabend 18.30 Uhr Wolfsburg gegen Augsburg und Sonntag Darmstadt gegen Hertha gibt’s alle neun Spiele am einzig wahren Bundesligatag um 15.30 Uhr, und im Angesicht von nur noch zwei verbleibenden Partien rafft sogar der HSV sich zu so etwas wie einer Leistung auf. Hach, könnte doch immer Saison-Endspurt sein …

2. Die Bayern haben einen ernsthaften Konkurrenten mehr

Es hatte nur bis zum fünften Duell gedauert, bis der Lehrling den Maestro zum ersten Mal schlagen konnte. Es war im Finale der Canadian Open 2007, als der damals erst 20-Jährige Novak Djokovic zum ersten Mal als Sieger gegen Roger Federer den Court verließ. Damals war der Schweizer 11-maliger Grand-Slam-Gewinner, Nummer 12 holte er sich einen knappen Monat später mit einem hart erkämpften Triumph gegen Djokovic im Endspiel der US Open – der Auftakt zu einer Rivalität, die dem Tennis einige seiner besten Momente schenkte. Schon das nächste Aufeinandertreffen bei einem Grand Slam gewann Djokovic, seitdem standen sie sich noch 13 mal auf der größten Bühne gegenüber, die Bilanz lautet 9:6 für den Serben.

Die Bilanz von RB Leipzig gegen den FC Bayern München weist noch keinen Erfolg auf, nicht einmal einen Punkt, aber sie haben ja auch erst zum zweiten Mal gegeneinander gespielt an diesem Samstagnachmittag, an dem der Rekordmeister beim irren 4:5 klarstellte, wer die beste Mannschaft in Deutschland ist. Das erkannte auch RB-Trainer Ralph Hasenhüttl an, nicht ohne stolz anzufügen, dass sein Team lange Zeit wie der Sieger ausgesehen hatte. In der Hinrunde hatten sich die Jungbullen in München noch am Nasenring durch die Allianz-Arena ziehen lassen, nun schnupperten sie schon am Sieg.

Und was kommt jetzt? "Sie haben eine fantastische Zeit vor sich. Sie sind jung, talentiert und motiviert", sagte Bayern-Coach Carlo Ancelotti. Er vergaß: mit unendlichem Kreditrahmen ausgestattet. All das klingt nach besten Voraussetzungen für eine Rivalität, die der Liga herausragende Momente und mehr Spannung als in den letzten fünf Spielzeiten beschert.

3. Der BVB schleppt sich durch

Eine echte Konkurrenz hätte den Bayern auch in Dortmund erwachsen können – stattdessen steht die Borussia kurz vor der Implosion. Trainer Thomas Tuchel demontiert und so gut weg, die Juwele Pierre-Emerick Aubameyang und Ousmane Dembélé auf dem Zettel europäischer Topvereine. Wie ein Zehnkämpfer in den 1500-Meter-Lauf schleppt sich der BVB in seine beiden Endspiele um Champions-League-Gruppenphase und DFB-Pokal: Nur noch durchkommen und dann ab ins Sauerstoffzelt. Gewinnen sie sowohl gegen Werder Bremen als auch gegen Eintracht Frankfurt, dürfen sie sich trotz aller Misstöne im Klub wenigstens über eine erfolgreiche Saison freuen. Doch zu allem Überfluss hat sich beim 1:1 in Augsburg Mittelfeldmann Julian Weigl das Sprunggelenk gebrochen, ein Ausfall, der "nicht zu ersetzen ist", wie Tuchel mit betretener Miene kundtat. Aufheitern konnte ihn die Frage, ob nun mehr Ruhe einkehren könnte, bot sie ihm doch Zuflucht in den Sarkasmus: "Es wird auf jeden Fall ruhiger, weil es nicht lauter werden kann." Das kann aber schnell vorbei sein, bei einem Patzer gegen Werder am nächsten Wochenende droht der Gang in die Playoffs zur Königsklasse – Hoffenheim zog durch das vogelwilde 5:3 in Bremen nach Punkten gleich und empfängt Augsburg.

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Die letzten beiden Spiele der Saison muss der BVB ohne Julian Weigl bestreiten.

(Foto: imago/Krieger)

In Berlin spielen die Dortmunder nicht nur um den DFB-Pokal, sondern auch Schicksal: Holt der BVB den Pott, zieht der Siebtplatzierte der Bundesliga in die Europa League ein. Aktuell steht dort der 1. FC Köln, der vor dem Derby in Leverkusen offenbar sämtliche im Dom verfügbare Kerzen angezündet hatte: 27 zu 7 Torschüsse für die Hausherren drücken den Spielverlauf besser aus als das Endergebnis, dementsprechend erleichtert war Timo Horn über das 2:2: "Das war ein glücklicher Punkt. Es grenzt an ein Wunder, dass wir mit dem 1:0 in die Pause gehen." Weil der SC Freiburg nach dem 1:1 gegen Ingolstadt nur zwei Punkte entfernt auf Rang 6 liegt und am letzten Spieltag zu den Bayern muss, ist das viel größere Wunder in greifbarer Nähe: Mit einem Heimsieg gegen die geretteten Mainzer winkt die erste Europapokal-Qualifikation seit 25 Jahren. Egal, was Dortmund in Berlin macht.

4. Lasogga kann‘s noch – und der HSV auch

Pierre-Michel Lasogga war gar nicht weit davon entfernt, Weltmeister zu werden. In der Saison 2013/14 schoss der bullige Stürmer 13 Saisontore für den HSV und rettete sein Team im Rückspiel der Relegation mit einem Treffer in Fürth. Joachim Löw hatte ihn im März für den Test gegen Chile nominiert, eine Oberschenkelblessur im Training verhinderte sein Debüt. Doch für die WM wurde Lasogga nicht berücksichtigt, und seitdem läuft es nicht mehr so richtig. In dieser Saison durfte er bis zum 33. Spieltag nur 19 mal ran, ganze zwei Einsätze gingen über die vollen 90 Minuten. Die Ausbeute: 0 Tore, 0 Vorlagen. Im Winter wurde er schon mit chinesischen Klubs in Verbindung gebracht, in Deutschland zeigte nur ein Verein öffentlich Interesse: Zweitliga-Absteiger Karlsruher SC. Lasogga blieb, und das könnte sich für den HSV als Glücksfall erweisen.

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Hat das Jubeln nicht verlernt: Pierre-Michel Lasogga.

(Foto: imago/Moritz Müller)

In Minute 85 betrat der 25-Jährige den Rasen in Gelsenkirchen, beim Stand von 1:0 für Schalke, was für die Hamburger den sicheren Gang in die Relegation bedeutet hätte. Sieben Minuten später positionierte sich Lasogga geschickt im Strafraum, bugsierte den Ball im Griezmann-Stil mit beiden Füßen über die Linie und rannte auf die gegenüberliegende Seite, um mit den Fans zu feiern. "Mir war alles scheißegal", sagte der Torschütze danach. "Ich hatte ein Scheißjahr, die Fans haben mich immer unterstützt, und heute konnte ich ihnen was zurückgeben." Ein Satz, der irgendwie auf den gesamten HSV zutrifft, auch der hat ja nun dank Lasogga eine Chance, seinen Fans etwas zurückzugeben: Einen Heimsieg gegen Wolfsburg zum Beispiel, und ein Saisonfinale ohne Angst vor der Relegation.

5. Abstiegskampf macht gar keine Sorgenfalten

Jedenfalls wenn man Mario Gomez heißt und gerade Saisontor Nummer 16 erzielt hat. "Wir bleiben drin, das ist für mich gar keine Frage", sagte ein demonstrativ gelassener Wolfsburger Stürmer nach dem 1:1 im Heimspiel gegen Mönchengladbach. Bleibt nur die Frage: Wenn sich Gomez so sicher ist, warum hat sein Team es dann nicht der Einfachkeit halber schon gegen die Borussia geregelt? Tatsächlich verschliefen die Wölfe die erste Halbzeit völlig, und überzeugten auch in der Zweiten Halbzeit nicht. Die wenig ansehnlichen, aber immerhin spannenden letzten 15 Minuten des Spiels verfolgten die verbliebenen Abstiegskandidaten an Fernseher oder Smartphone – Schiri Bastian Dankert schickte die Mannschaften wegen eines Hagelschauers für fast eine halbe Stunde in die Kabinen. Als 17.55 Uhr endlich der Schlusspfiff ertönte, durften die Mainzer endlich ihre Rettung feiern. 0:2 hatten sie im eigenen Stadion bis zur 60. Minute gegen Frankfurt zurückgelegen, dann drehten sie die Partie in einem fulminanten Comeback noch auf 4:2. "Ein geiles Spiel", sagte Coach Martin Schmidt, den das Warten auf das Ergebnis in Wolfsburg allerdings ordentlich mitgenommen hatte. "Das waren die schlimmsten 20 Minuten meines Trainerlebens, für mein Herz war das gar nix."

Eine noch rasantere Achterbahnfahrt erlebten die Ingolstädter – mit einem bösen Ende. Weil Schalke 1:0 führte, ließ Trainer Maik Walpurgis seine Männer beim Stand von 1:1 in Freiburg nicht von der Leine, der Punkt hätte für ein Endspiel zu Hause am letzten Spieltag gereicht. Dann traf Lasogga, Ingolstadt war abgestiegen, doch plötzlich machte die Information die Runde, dass Schalke noch einmal getroffen hatte. Jubel bei den Spielern, der in pures Entsetzen umschlug: Der Treffer von Kolasinac zählte nicht, das Hamburger Glück besiegelte den Abstieg der Schanzer. Ein sichtlich gezeichneter Marvin Matip fasste die letzten Minuten mit dünner Stimme so zusammen: "Sehr, sehr viele Fehlinformationen - und ganz, ganz bitter."

6. Abschiede wollen gelernt sein

Der letzte Star auf Schalke, so nannte die "Bild"-Zeitung Klaas-Jan Huntelaar vor seinem letzten Heimspiel im königsblauen Dress gegen den HSV. 82 Bundesliga-Tore hat der Niederländer für den S04 erzielt, mehr hat nur Klaus Fischer geschafft. Fast hätte er Nummer 83 geschossen, nur der Pfosten verhinderte in der 33. Minute einen standesgemäßen Abgang für den "Hunter". Markus Weinzierl nahm Huntelaar in Minute 80 runter, die Arena stand auf. Nach dem Spiel verabschiedete sich der Verein mit einer Videobotschaft von seiner Nummer 25, Huntelaar drehte eine Ehrenrunde und gestand über das Stadionmikro: "Schalke ist mein Verein, der geht unter die Haut und das geht nie wieder weg." Schon vor dem Spiel hatten die Fans einen würdigen Rahmen geschaffen, mit einer über Monate vorbereiteten Choreografie unter dem Motto "20 Jahre Eurofighter". Jahrhunderttrainer Huub Stevens saß im Publikum, genau wie einige der Helden von Mailand, die 1997 den Uefa-Cup nach Gelsenkirchen holten. Und in all dem Trubel fand Schalke noch Zeit, einige Abgänge zu ehren, darunter Holger Badstuber. Ein Blumenstrauß, ein gerahmtes Foto und eine Umarmung vom Chef Clemens Tönnies – das gehört zum guten Ton, sollte man meinen. Umso mehr verwundert es, wie der FC Bayern München am Freitag die Trennung von dem Mann kommuniziert hat, der immerhin 15 Jahre lang im Verein war: In einer "Klarstellung", in der Karl-Heinz Rummenigge Badstuber knapp "alles Gute" wünscht. "Ein Abschied voller Kälte", kommentieren die Kollegen von "11Freunde", in den Social Media beschweren sich etliche Bayern-Fans über den Umgang mit dem Publikumsliebling.

Wie man es nicht macht, demonstrierten auch die Verantwortlichen von Bayer 04: Noch vor einer Woche hatte Sportdirektor Rudi Völler versichert, der erfolglose Coach, der nur eines von zehn Spielen unter seiner Regie gewinnen konnte, habe eine Chance auf eine Verlängerung seines Vertrags über das Saisonende hinaus. Nach der Rettung im Abstiegskampf gegen den FC verkündete Geschäftsführer Michael Schade den Reportern aber die Trennung – offenbar ohne Völlers Wissen. Der dementierte noch halbherzig entsprechende Fragen, bis er von Schades Statement erfuhr. Bis zu Korkut war all das nicht vorgedrungen, so schien es zumindest auf der Pressekonferenz, auf der er sagte, er könne nicht über seine Zukunft entscheiden. "Nicht mich fragen, dafür sind die Verantwortlichen da."

Quelle: ntv.de

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