Technik

Arbeitstier mit Freizeit-Schwächen Blackberry Passport ist sehr eigenwillig

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Das Blackberry Passport hat eine sehr gute Tastatur.

(Foto: kwe)

Mit einem quadratischen Display und physischen Tasten ist das Blackberry Passport ein einzigartiges Smartphone. Im Test musste es beweisen, ob es auch außergewöhnlich gut oder nur ein verrücktes Konzept ist.

Blackberry hat's nicht leicht. Laut Statista dümpelt der weltweite Marktanteil des kanadischen Unternehmens bei neu verkauften Smartphones seit Ende 2013 bei 0,5 Prozent herum, in vielen Statistiken wird der Hersteller nur noch unter "Andere" geführt. Auch bei den genutzten Geräten sieht es für Blackberry düster aus. Bei "NetMarketShare" liegt der weltweite Marktanteil aktuell bei knapp 1,2 Prozent. Android (46,4 Prozent) und iOS (44,23 Prozent) teilen sich den Markt praktisch auf, andere Systeme scheinen keine Chance zu haben, aus ihrem Nischendasein herauszukommen.

Doch Blackberry denkt nicht ans Aufgeben und die Reserven aus besseren Zeiten reichen noch für eine mutige Produkt-Offensive aus. Mutig deshalb, weil das neue Passport nicht die erfolgreichen Konkurrenten nachahmt, sondern mit einem quadratischen Display und einer physischen Tastatur eigene Wege geht.

Qualität mit Ecken und Kanten

Optisch ist das Passport vielleicht kein Kracher, aber das Gerät strahlt mit jedem Detail Solidität, Zuverlässigkeit und Qualität aus. Attribute, die Blackberrys Zielgruppe, mobile Geschäftsleute, sicher zu schätzen wissen. Eingerahmt und stabilisiert wird das Gerät nicht von fragilem Aluminium, sondern einem unzerstörbar wirkenden Edelstahl-Rahmen, der an den Stirnseiten schmaler als an den Seiten ist. Die Verarbeitung ist hervorragend und Tasten, die so perfekt sitzen wie beim neuen Blackberry, findet man nur in wenigen Smartphones. Die Rückseite besteht aus mattem, glasfaserverstärktem Kunststoff, der sich weich anfühlt und griffig ist.

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SIM-Karte und microSD-stecken hinter einer gut sitzenden Blende auf der Rückseite.

(Foto: kwe)

Das ist auch nötig, denn das Passport, das mit 128 x 90,3 Millimetern tatsächlich ungefähr die Form eines Reisepasses hat, ist ziemlich sperrig und mit rund 200 Gramm auch recht schwer. In einer Hand hält man es nicht gerne, was unter anderem an den etwas scharfkantigen Ecken liegt, die unangenehm in den Ballen stechen. Außerdem sind viele  Elemente auf dem Touchscreen mit dem Daumen dann nicht erreichbar, der oben rechts im Rahmen platzierte Einschalt-Knopf schon gar nicht. Weil es deutlich kürzer als beispielsweise das iPhone 6 Plus ist, kann man das Passport einigermaßen bequem in der Hosentasche tragen. Besser aufgehoben ist es aber in der Aktentasche.

Fast perfekte Schreibmaschine

Die breite physische Tastatur unter dem Display verlangt geradezu, das Gerät in beide Hände zu nehmen und mit beiden Daumen zu tippen. Die Finger finden dabei relativ breite Tasten, da Blackberry nur Buchstaben sowie Lösch- und Eingabe-Taste in drei Reihen untergebracht hat. Umlaute werden nach einem langen Druck wie Zahlen, Sonderzeichen oder Wortvorschläge auf dem Touchscreen über der Tastatur eingeblendet. Daran hat man sich schnell gewöhnt, auch wenn man davor lange kein Smartphone mit echtem Keyboard genutzt hat. Etwas schwieriger ist es, einen Weg zu finden, das Gerät beim Tippen stabil zu halten, ohne dass es nach hinten wegkippt oder nach unten wegrutscht. Da ist ein quergelegtes Touchscreen-Gerät doch komfortabler. Am besten legt man das Passport auf den Tisch.

Wenn man den Bogen einmal raus hat, ist das Blackberry Passport eine ganz famose Schreibmaschine. Zumal die Tastatur kapazitiv ist und auch als Touchpad dient. So lässt sich unter anderem der Cursor bequem und exakt platzieren, per Wischgeste kann Text gelöscht oder ein Wortvorschlag blitzschnell akzeptiert werden. Außerdem kann man mit dem Tasten-Touchpad durch Nachrichten, Listen oder Webseiten scrollen.

Quadratisch nicht immer praktisch und gut

Ein weiteres Highlight des Blackberry Passport ist das 4,5 Zoll große LCD im 1:1-Format. Es ist mit einer Pixeldichte von 453 ppi sehr scharf, kontraststark und stellt Farben absolut natürlich dar. Außerdem kann es sehr hell leuchten, wenn man dies in den Einstellungen so festlegt. Dort ist es auch möglich Farb-Temperatur- und –Sättigung dem persönlichen Geschmack anzupassen. Qualitativ ist das Display mit dem des iPhone 6 Plus auf gleicher Höhe, was die Anpassbarkeit betrifft eine Nasenlänge voraus.

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Das Blackberry Passport ist stabil und kantig.

(Foto: kwe)

Das quadratische Format ist manchmal ein Vorteil, oft aber auch ein Nachteil. Für die Bearbeitung von Dokumenten, Kalendereinträge oder andere Büroarbeiten ist es perfekt. Auf Webseiten profitiert der Nutzer nur dann vom 1:1-Display, wenn man die für mobile Geräte optimierte Darstellung umgeht. Denn sonst resultiert die größere Breite oft nicht in mehr, sondern nur größeren Zeichen. Auch die meisten Apps sind für das Format nicht ausgelegt, in Blackberry-Anwendungen oder angepassten Apps wird der Platz aber sinnvoll genutzt. Völlig unpassend ist der quadratische Bildschirm bei der Darstellung von Videos oder Bildern, wo enorm viel Platz verschenkt wird.

Kräftig und ausdauernd

Unterm Display ist das Passport mit einem Snapdragon 801 und drei Gigabyte Arbeitsspeicher gut genug ausgestattet, um alle  Aufgaben flüssig zu bewältigen. Der interne Speicher ist 32 Gigabyte groß und kann durch microSD-Karten erweitert werden. Auch hier gibt's nichts zu meckern. Interessanter für Geschäftsleute ist eher die Laufleistung des Geräts und die ist exzellent. Der Akku hat eine Kapazität von 3450 Milliamperestunden, womit das Passport bei durchschnittlichem Gebrauch zwei Tage durchhalten kann.

Wie erwartet hat sich das Blackberry Passport im Test als hervorragendes Telefon mit exzellenten Klang und Empfang erwiesen. Auch bei den Funkstandards und Anschlussmöglichkeiten lässt das Gerät keine Wünsche offen.

Die wichtigsten Spezifikationen
  • Prozessor: Qualcom Snapdragon 801, vier Kerne, 2,2 Gigahertz
  • Arbeitsspeicher (RAM): 3 Gigabyte
  • Interner Speicher: 32 Gigabyte, erweiterbar
  • Display: 4,5 Zoll, 1440 x 1440 Pixel (453 ppi)
  • Kameras: hinten 13 Megapixel, OIS, vorne 2 Megapixel
  • Akku: 3450 Milliamperestunden
  • LTE, NFC, Bluetooth 4.0 LE
  • Sensoren: Beschleunigung, Gyro, Annäherung, Kompass, Umgebungslicht
  • Betriebssystem: BBlackberry 10.3 OS
  • Maße: 128 x 90,3 x 9,3 Millimeter
  • Gewicht: 196 Gramm

Die 13-Megapixel-Kamera mit optischem Bildstabilisator und F2.0-Blende auf der Rückseite gehört zur Oberklasse und macht im Großen und Ganzen sehr schöne Fotos. Sie fokussiert schnell und löst fast ohne Verzögerung aus. Den Bildern fehlt es lediglich manchmal etwas an Kontrast und die Kamera hat leichte Probleme, bei schwierigen Lichtverhältnissen helle und dunkle Bereiche auszugleichen. Bei Videodrehs macht die Kamera ihre Arbeit sehr ordentlich und gestattet, nebenbei Fotos zu knipsen. Die Frontkamera liefert Bilder mit 2 Megapixeln und ist für Videochats absolut okay. Selfies sollte man aber nur bei viel Licht machen.

Nachrichtenzentrale mit Übersicht

Das Passport wird mit dem Blackberry-OS in der Version 10.3 ausgeliefert. Das Betriebssystem ist mit Android kompatibel, weshalb Apps aus dem Amazon-Shop installiert werden können. Damit stehen für das Gerät ausreichend viele Anwendungen zur Verfügung. Richtig gut stehen dem Passport aber vor allem die angepassten Apps aus der Blackberry World. Gelungen ist die Nachrichtenzentrale Blackberry Hub, wo alle E-Mail-Konten, sozialen Netzwerke und Textnachrichten gebündelt werden. Er erlaubt viele individuelle Einstellungen, ohne dabei unübersichtlich zu werden. Der Nutzer behält alles in Blick, auch wenn private und geschäftliche Angelegenheiten getrennt werden. Etwas gewöhnungsbedürftig für Umsteiger, aber nicht unpraktisch ist, dass der Homescreen die zuletzt geöffneten Anwendungen anzeigt. Mit einem Wischer nach links erreicht man die App-Sammlung, die man auch mit Ordnern sortieren kann. Zieht man den Homescreen nach rechts, erscheint der Blackberry Hub.

Sehr gut funktioniert die Spracherkennung. Fragen oder Befehle werden fast immer erkannt und richtig umgesetzt, auch wenn die Wortwahl variiert. Ein längerer Druck bei aktiviertem Display auf die Taste zwischen den Lautstärkereglern öffnet die Sprachsuche. Nutzer können dann unter anderem Suchen auf dem Gerät oder im Internet starten, Nachrichten diktieren, Kalendereinträge machen oder Blackberry-Apps öffnen. Die Sprachsteuerung funktioniert sogar in Facebook.

Gelungenes Nischenprodukt

Software-Höhepunkt ist Blackberry Blend. Ist eine entsprechende Software auf einem PC (Mac und Windows) oder Tablet (Android und iOS) installiert, können Nutzer E-Mails und SMS auch auf diesen Geräten empfangen. Sie haben außerdem Zugriff auf ihren Kalender und in Blend geteilte Dokumente, Fotos oder andere Dateien. Der große Sicherheitsvorteil von Blend gegenüber anderen Lösungen ist, dass die Daten nicht über Cloud-Server synchronisiert werden, sondern direkt zwischen den Geräten.

Alles in allem hat sich das Blackberry Passport im Test bei allen  Büro-Aufgaben hervorragend geschlagen und vor allem Geschäftsleute, die viel unterwegs sind, dürften von dem ausdauernden Smartphone begeistert sein. Der quadratische Bildschirm ist aber auf den meisten Webseiten ein Nachteil und auch aus dem Amazon-Shop installierte Apps steht dieses Format nicht immer gut. Bei 16:10- oder 16:9-Videos hört dann endgültig der quadratische Spaß auf. Das Blackberry Passport ist daher ein gelungenes Nischenprodukt für vielbeschäftigte Multitasker, die nur selten Unterhaltung auf dem Smartphone suchen. Den Massenmarkt kann Blackberry damit kaum erobern.

 

Quelle: ntv.de

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