Wirtschaft
VW-Chef Matthias Müller will den Konzern mit Investitionen und Jobabbau zukunftsfest machen.
VW-Chef Matthias Müller will den Konzern mit Investitionen und Jobabbau zukunftsfest machen.(Foto: picture alliance / Philipp von D)
Freitag, 18. November 2016

Jobkahlschlag bei Volkswagen: 30.000 Mitarbeiter büßen für VW-Chefs

Von Hannes Vogel

Sparen und Schrumpfen, das ist Volkswagens Masterplan für die Zeit nach dem Diesel-Skandal. Die Mitarbeiter zahlen nun die Zeche für die Fehler der Chefetage. Damit der Plan aufgeht, muss VW aber noch einige Hürden nehmen.

"Man kann vor großen Umbrüchen und Problemen die Augen verschließen. Man kann sie ignorieren, man kann sie kleinreden, man kann sie versuchen auszusitzen. Deutlich schwieriger ist es, wenn man sich den Problemen mit offenem Visier stellt. Denn das heißt unbequeme Wahrheiten ansprechen", sagt Matthias Müller zu Beginn seiner Rede, mit der der Volkswagen-Chef den größten Umbau in der Geschichte des Konzerns ankündigt.

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Die unbequeme Wahrheit auszusprechen hatte Müller zuvor allerdings VW-Markenchef Herbert Diess überlassen: "Wir bauen zwar hervorragende Autos, verdienen damit aber zu wenig Geld. Bei der Rendite liegen wir weit hinter den Wettbewerbern. Es war höchste Zeit für ein großes Reformprogramm", gestand Diess reumütig ein. Nach monatelangen Verhandlungen mit dem Betriebsrat haben die VW-Bosse nun den großen Sanierungsplan präsentiert, mit dem Deutschlands wichtigster Konzern sich fit für die Zukunft der Autobranche machen will.

Seit Jahren ist die Kernmarke Volkswagen das Sorgenkind des Konzerns. Sie fährt zwar riesige Umsätze ein. Aber viel zu wenig bleibt davon als Gewinn hängen. VW will deswegen nun mehr Autos mit weniger Leuten bauen und so die Rendite auf vier Prozent steigern. Mit einem Mix aus Investitionen und radikalem Jobabbau will VW-Chef Müller das Ruder herumreißen. Die Last der Veränderung sollen vor allem die Mitarbeiter tragen.

Die Mitarbeiter zahlen für Versäumnisse

Deshalb wird die gute Nachricht zuerst verkündet. Müller will 3,5 Milliarden Euro in E-Mobilität und digitale Dienste investieren. In Zwickau und Wolfsburg sollen zwei Elektroautos gebaut werden. Die Komponenten dafür sollen aus Kassel und Salzgitter kommen. 9000 neue Jobs sollen in der Konzernzentrale entstehen. Gesucht werden vor allem Programmierer, Softwarespezialisten und Systemintegratoren.

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"Zukunftspakt" haben Müller und der Betriebsrat ihren Deal deshalb getauft. Genau die wird es für 30.000 andere Mitarbeiter bei VW aber nicht mehr geben. Das ist die schlechte Nachricht. Rund 23.000 Stellen sollen bis 2020 in Deutschland sozialverträglich wegfallen, der Rest vor allem in Argentinien und Brasilien. Keine Zukunft mehr hat beispielsweise die Kunststofffertigung in Braunschweig.

"Seit zehn Jahren hat man bei VW einfach drübergekleistert und jetzt muss man natürlich umso stärker nachsteuern", sagt Auto-Experte Ferdinand Dudenhöfer n-tv. "Wenn Sie so wollen, müssen die Mitarbeiter die Zeche zahlen, dass das alte Management unter Winterkorn die Sachen ausgesessen hat."

Der Diesel-Skandal macht den lange fälligen Umbau sicher nicht leichter. Ohne den Abgasbetrug wäre Volkswagen wohl deutlich mehr finanzieller Spielraum und Zeit für die Anpassungen geblieben. Die NordLB schätzt die langfristigen Kosten auf 25 bis 35 Milliarden Euro. Auch für diesen Fehler des Managements müssen nun die Mitarbeiter aufkommen.

Sparkurs bald auch bei anderen VW-Marken?

Dass der mächtige Betriebsrat bei dem Jobkahlschlag überhaupt mitgezogen hat, liegt wohl daran, dass er den Supergau noch verhindern konnte: "Mit dem Zukunftspakt ist ein unkontrollierter Stellenabbau vom Tisch", zeigte sich VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh erleichtert. Alle deutschen Standorte bleiben erhalten. Und betriebsbedingte Kündigungen sind für die Stammbelegschaft bis 2025 ausgeschlossen. Gehen müssen dafür nun vor allem Leiharbeiter: Sie sollen künftig nur noch ausnahmsweise übernommen werden.

Den geplanten Abbau von 30.000 Jobs will VW allein mit Mitarbeiterwechseln zwischen Standorten, Altersteilzeit und Frühverrentung schaffen. Falls nötig will der Konzern auch mit Abfindungen nachhelfen, allerdings nur in Einzelfällen. Da liegt das große Problem des Plans: Es werden nicht in jedem VW-Werk passgenau die Mitarbeiter in Rente gehen wollen, deren Jobs wegfallen. Welche Einmalkosten womöglich durch den Umbau entstehen, dazu hat VW-Chef Müller bei der Vorstellung seines Masterplans kein einziges Wort gesagt.

Und womöglich sind die Stellenstreichungen bei VW noch nicht das Ende der Fahnenstange. "Toyota baut zehn Millionen Autos mit 300.000 Leuten. VW baut zehn Millionen Autos mit 600.000 Leuten. Da sieht man, dass dieser erste Schritt zwar in die richtige Richtung geht, aber dass noch ein langer Weg vor VW liegt", sagt Auto-Experte Dudenhöfer. "Die verkündeten Maßnahmen dürften der Auftakt für Kosteneinsparungen auch bei anderen Automarken des Konzerns sein", schreibt auch die NordLB.

Quelle: n-tv.de