Wirtschaft

Eurozone spielt Schwarzer Peter Schuld sind immer die anderen

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Haben Gesprächsbedarf: Alexis Tsipras und Angela Merkel.

(Foto: REUTERS)

Alle Beteiligten versichern, Griechenland retten zu wollen. Die Verantwortung für Staatspleite und "Grexit" weisen sie vorbeugend schon jetzt weit von sich.

Griechenland steuert auf die Pleite zu. Und neben Poker haben Politiker ein weiteres Spiel für sich entdeckt: Schwarzer Peter. Alleiniges Ziel ist nun nicht mehr, Bankrott und "Grexit" zu vermeiden. Alle Beteiligten - ob Angela Merkel, Alexis Tsipras oder Mario Draghi - versuchen zu verhindern, für ein Scheitern der Verhandlungen verantwortlich gemacht zu werden.

Für die griechische Seite ist die Sache klar: Schuld sind vor allem Angela Merkel und Wolfgang Schäuble. Die Kanzlerin und ihr Finanzminister haben nach griechischer Lesart einen überzogenen Sparkurs erzwungen und damit eine humanitäre Krise ausgelöst. Zudem seien nicht etwa "die Griechen" gerettet worden, sondern lediglich die heimischen Banken. All das, um die deutschen und französischen Geldinstitute zu schützen. Und statt das Scheitern der bisherigen Rettungslogik einzugestehen, halte die von Deutschland dominierte Eurozone aus Prinzipienreiterei an ihr fest – und lasse die Griechen leiden.

Ministerpräsident Tsipras kultiviert diese Opferrolle. In einem mehrstündigen Interview im griechischen Fernsehen sprach er von Erpressung und warf EZB-Chef Draghi vor, ihn getäuscht zu haben. Die Opposition bezeichnete er als "heimische Troika." Zuvor hatte sein Finanzminister Yanis Varoufakis behauptet, er werde von Amtskollegen der Eurozone gehasst. Das Narrativ ist eindeutig: Schuld sind die anderen, an der Syriza-Regierung wird ein neoliberales Exempel statuiert.

Das sieht nicht nur Deutschland, sondern auch der Rest der Eurozone weitgehend anders. Sollte Griechenland pleitegehen, dann sei das alleine Schuld einer irrlichternden, unverantwortlich agierenden Regierung. Varoufakis wird in der Eurogruppe als Amateur, Spieler und Zeitverschwender bezeichnet. Trotz tiefer Rezession und hoher Arbeitslosigkeit wird das Rettungsprogramm als Erfolg verkauft – beispielsweise unter Hinweis auf Primärüberschüsse. Statt Dank für Milliardenhilfe kämen lediglich Vorwürfe.

Vor dem Hintergrund der gegenseitigen Schuldzuweisungen wird der Nutzen von Klischees und Vorurteilen entdeckt. Die einen reden von faulen, betrügerischen Griechen, die anderen sehen Deutsche mit Stahlhelm und Hakenkreuzbinde beim neuerlichen Versuch, die Welt zu beherrschen.

Derweil versichern alle Beteiligten, dass Griechenland innerhalb der Eurozone gerettet werden müsse. Denn niemand will sich dem Vorwurf aussetzen, nicht alles unternommen zu haben, um Staatspleite und "Grexit" zu verhindern.

Doch trotz aller Bekenntnisse ist es möglich, dass die griechische Regierung in Kürze nicht mehr zahlungsfähig ist und die Drachme wieder einführt – mit ungewissen Folgen für Griechenland und die gesamte Eurozone. Dann werden die Schuldzuweisungen erst richtig losgehen. Verantwortung wird keiner übernehmen.

Quelle: ntv.de