Wirtschaft

An China hängt's, nach China drängt's Wie abhängig sind deutsche Autohersteller?

China ist der größte Auto-Absatzmarkt der Welt. Allerdings lässt die Wachstumsdynamik deutlich nach. Das birgt Gefahren und Chancen - auch und vor allem für die deutsche Industrie.

"Ich sage nur China, China, China", raunt 1969 Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger auf dem Dortmunder Wahlkonvent der CDU warnend. Er beweist damit seherische Fähigkeiten, die ihm zu Lebzeiten seine Zeitgenossen nie zugetraut haben - und er war diesen damit weit voraus.

Das Riesenreich beflügelte schon immer Fantasie und Ängste gleichermaßen. In den 1970er-Jahren wurde gewarnt, die rasch wachsende chinesische Bevölkerung könne niemals ernährt werden. Doch statt zu hungern, nahmen die Chinesen den westlichen Industrienationen sukzessive Konsumgütermärkte ab. Weshalb die Hungerpessimisten auf ein anderes Argument umschwenkten: "Wenn alle Chinesen so leben wollten wie wir, dann bräuchten wir drei Planeten", heißt es nun bei den Untergangspropheten.

Helmut Becker schreibt für n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt. Becker war 24 Jahre Chefvolkswirt bei BMW und leitet das "Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK)". Er berät Unternehmen in automobilspezifischen Fragen.

Helmut Becker schreibt als Autoexperte und Volkswirt für teleboerse.de und n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt.

Auch das ist falsch! Inzwischen leben in China nach Schätzungen des IWF rund 400 Millionen Menschen mit einem ähnlichen realen Durchschnittseinkommen wie der Durchschnittseuropäer; gibt es mehr Milliardäre als in den USA. Es war der erwachende Riese China, der die Weltwirtschaft nach der schweren globalen Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 vor dem großen Crash bewahrte. Staatliche Konjunkturprogramme von etwa einer halben Billion Dollar ergossen sich nicht nur über die chinesische Binnenwirtschaft, sondern führten zu einem regelrechten Importsog von Rohstoffen, Investitions- und hochwertigen Konsumgütern.

Das zweischneidige Schwert

Davon profitierten alle: öl- und rohstoffproduzierende Schwellenländer, sämtliche westlichen Industriestaaten, vor allem aber die deutsche Wirtschaft mit ihrem breiten Sortiment an hochwertigen Industriegütern. Unbestritten am meisten begünstigte das Vordringen der chinesischen Volkswirtschaft - mit hohen zweistelligen Zuwachsraten auf Platz 2 der Weltrangliste nach den USA - die deutsche Automobilindustrie.

Ausschlaggebend dafür waren zwei Faktoren: Zum einen das ungestüme Wachstum des chinesischen Automobilmarktes. Zum anderen die hohe Qualität und das gute Image deutscher Automobile, die zunehmend in den Fokus einer durch steigenden Wohlstand in China heranwachsenden statusbewussten Mittelschicht gerieten, die sich etwas leisten kann und auch will. Und dazu zählten nun mal Autos deutscher Hersteller. Doch diese Abhängigkeit könnte auch zum Bumerang werden.

Das "Goldene Jahrzehnt"

Die chinesische Automobilindustrie erlebte in den letzten 30 Jahren ein "Wirtschaftswunder" sondergleichen. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen der chinesischen Bevölkerung verdreifachte sich, der Absatz von Automobilen wuchs auf fast das Zehnfache.

Vor allem die zurückliegende Dekade wird von der Branche zu Recht als das "Goldene Jahrzehnt" bezeichnet: Der Automobilabsatz in China stieg in den letzten zehn Jahren mit durchschnittlich etwa 25 Prozent pro Jahr. Das setzte sich auch während der globalen Wirtschaftskrise fort, wo die Automärkte USA und Europa deutliche Einbrüche hinnehmen mussten.

Die Wachstumsdynamik im globalen Autogeschäft wurde seit der Weltwirtschaftskrise 2008 fast alleine von China getragen. Das Reich der Mitte wurde so zum Motor der weltweiten Automobilkonjunktur. Die Fakten:

  • 2009 überholt China die USA und wird zum größten Automobilmarkt der Welt und im gleichen Jahr auch weltweit größter Automobilproduzent.
  • China stellt mittlerweile mehr Kraftfahrzeuge als ganz Europa her, allein viermal so viel wie Deutschland.
  • 2015 repräsentiert China mit 24,8 Millionen verkauften Fahrzeugen trotz Absatzverlangsamung über 30 Prozent des weltweiten Automarkts von etwa 80 Millionen Fahrzeugen.
  • Nach einer Studie der Unternehmensberatung McKinsey bei den 21 weltweit größten Autoherstellern trug 2014 China alleine 46 Milliarden Euro zum Gesamtgewinn der Automobilindustrie von 117 Milliarden Euro bei.

Dynamik ade

Mitte 2015 brach die Wachstumseuphorie ab, ging der Absatz in China zeitweise deutlich zurück. Erst staatliche Steuergeschenke für kleinere Off-Road- und Pick-Up Fahrzeuge brachten wieder Wachstum - von dem jedoch vor allem einheimische Marken profitierten und nicht die deutschen Hersteller. Sieht man von diesen Strohfeuereffekten ab, verliert der chinesische Automarkt ähnlich wie die gesamte Volkswirtschaft aber an Tempo. Die 9 Prozent Wachstum der Neuzulassungen 2015 folgen auf 13 Prozent 2014 und 23 Prozent 2013.

Vor allem betroffen davon waren die deutschen Autobauer, die in der Vergangenheit besonders vom Erfolg verwöhnt waren. Sie erlitten 2015 erstmals in China einen Dämpfer. Ihr Absatz war erstmals seit Jahren rückläufig. Die deutschen Hersteller  BMW, Daimler und der VW-Konzern verkauften 2015 in China 4,4 Millionen Autos und damit ein Prozent weniger als noch 2014. Und das, obwohl der Gesamtmarkt in China über alle Hersteller hinweg um 9 Prozent wuchs. Dementsprechend ging auch der Marktanteil deutscher Fabrikate zurück, von 24 Prozent 2014 auf 22 Prozent 2015.

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Kfz Produktion International

 

Und immer wieder VW

Einen entscheidenden Anteil an dem Rückgang hat der VW-Konzern. Der Marktanteil von VW auf dem chinesischen Markt ging 2015 um 2,3 Prozentpunkte auf 17,7 Prozent zurück - der schlechteste Wert seit 2010. Gemessen am Gesamtabsatz des Konzern spielte das noch keine Rolle: Der Anteil des chinesischen Marktes am Gesamtabsatz von VW fiel lediglich um einen Prozentpunkt auf 36 Prozent. Sollte das allerdings der Beginn einer längeren Talfahrt sein, wäre das für VW angesichts der hohen Abhängigkeit vom chinesischen Markt fatal.

Auch BMW büßte 2015 einen Prozentpunkt Marktanteil ein, sodass nur noch 21 Prozent aller verkauften Autos auf China zurückgeht. Gleichwohl bedeutet das für eine Premiummarke eine risikoreiche Abhängigkeit von einem einzigen Markt.

Nur bei Mercedes-Benz-Cars (ohne Vans) nahm der Absatz um satte 29 Prozent zu. Das ist zum einen Ausdruck erfolgreicher Reformen in der Vertriebsstruktur. Zum anderen geht das auch auf die stärkere Ausrichtung der Modellpalette auf den chinesischen Geschmack zurück. Jedoch hat die Daimler-Marke im Reich der Mitte nach wie vor noch Nachholbedarf: 2015 machte der chinesische Markt 19 Prozent des globalen Absatzes aus. Im Jahr zuvor waren es 18 Prozent. Der Marktanteil stieg leicht von 1,7 auf 1,9 Prozent.

Ungeachtet dessen sind die Wachstumsperspektiven in China noch immer besser als in den großen Absatzmärkten in den etablierten Industrieländern. Zwar dürften zweistellige Wachstumsraten seltener werden, aber der Nachholbedarf in China ist im Vergleich zu anderen Schwellenländern noch immer riesig. So kamen trotz des Booms der letzten Jahrzehnte 2015  auf 1000 Einwohner in China nur knapp 100 Autos, eins mehr als 2014. Zum Vergleich: In Deutschland sind es 550 Autos pro tausend Einwohner. Selbst bei den Krisenkandidaten Brasilien und Russland ist die Pkw-Dichte mit 150 beziehungsweise 260 Pkw auf 1000 Einwohner noch immer deutlich höher als in China.

Noch viel Luft nach oben

­­­­­­­­­­­­­­­­­­­China wird eindeutig auch in Zukunft der automobile Wachstumsmotor der Weltwirtschaft bleiben. Auch wenn die Zeit der hohen zweistelligen Zuwachsraten der Vergangenheit angehört, bleibt China dauerhaft Absatz- und Produktionsschwerpunkt der globalen Automobilindustrie. Der Bedarf bei einer Pkw-Dichte von 100 Autos auf 1000 Einwohner ist Weitem noch nicht gedeckt.

Allerdings sind in Zukunft aufgrund der makroökonomischen Anpassungsprozesse und Störungen im Trend deutlich geringere jährliche Zuwachsraten zu erwarten, und zwar auf Dauer. Dafür gewinnen konjunkturzyklische Faktoren an Gewicht. Das heißt im Klartext: Die Risiken für die deutschen Hersteller wie Zulieferer nehmen zu, die Zeiten des "easy growth" sind ein für allemal vorbei.

Quelle: n-tv.de

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