Wirtschaft

Angst vor dem "Grexit" geht um Wie gefährlich wäre Athens Euro-Austritt?

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Alexis Tsipras will nach einem Wahlsieg in Griechenland einen Schuldenschnitt aushandeln.

(Foto: picture alliance / dpa)

Wenn die Griechen raus aus dem Euro wollen, sollen sie gehen, poltert Angela Merkel. Denn ein Euro-Austritt Athens ist kein Horror-Szenario mehr. Dennoch bleibt er gefährlich.

Die Euro-Krise ist zurück: In Europa hat man vor einem Wahlsieg des Linksradikalen Alexis Tsipras in Griechenland Angst. Er will den Sparkurs stoppen und einen Schuldenerlass verhandeln. Angela Merkel streut über den "Spiegel" ihre Antwort: Kanzlerin und Finanzminister sind entgegen ihrer bisherigen Linie nun bereit, Griechenland notfalls aus der Eurozone ausscheiden zu lassen. Sie halten diesen sogenannten "Grexit" für verkraftbar. Tatsächlich wäre ein Euro-Aus für Athen inzwischen kein unkontrollierbares Horror-Szenario mehr. Aber auf die leichte Schulter nehmen kann die Kanzlerin die Risiken nicht.

Der "Grexit" bedroht heute nicht mehr die Stabilität der ganzen Eurozone. Die Ansteckungsgefahr ist geringer, weil die Finanzmärkte mit der Griechen-Krise kaum noch verflochten sind. Seit dem Schuldenschnitt 2012 hängt Griechenland am Tropf staatlicher Gläubiger: Sie halten mehr als drei Viertel der griechischen Staatsanleihen. Ausländische Banken machen kaum noch Geschäfte in Griechenland und leihen griechischen Banken kaum noch Geld. Zahlt Athen seine Schulden nicht zurück, trifft das vor allem die Steuerzahler in Deutschland, Frankreich, Italien und den anderen Euro-Ländern. Zucken dürften die Finanzmärkte höchstens noch mit den Schultern.

Zudem hat Europa seit 2012 Institutionen geschaffen, die eine neue Finanzpanik eindämmen. Mit dem dauerhaften Rettungsschirm ESM kann die EU zwar keine Schwergewichte wie Frankreich oder Italien, wohl aber kleinere Krisenstaaten wie Portugal oder Griechenland auffangen. Dank der Bankenunion kann die EU kriselnde Finanzhäuser inzwischen direkt retten oder abwickeln, ohne dafür ganzen Staaten Sparprogramme zu verabreichen, an denen sie ersticken.

Drittens läuft es in den Krisenstaaten besser: Portugal und Irland gelten als saniert. Spanien hat seine Banken aufpoliert, in Italien zwingt Regierungschef Renzi das Land zu schmerzhaften Reformen. Selbst in Griechenland wächst die Wirtschaft nach sechs Jahren brutaler Rezession wieder.

Und viertens hat die Europäische Zentralbank (EZB) inzwischen das schwerste Geschütz aufgefahren, um neue Krisen schon im Keim zu ersticken: EZB-Chef Draghi hat versprochen "alles Nötige" tun, um den Euro zu retten und damit die Euro-Krise vorübergehend faktisch beendet. Der Notenbankchef will notfalls unbegrenzt Staatsanleihen von kriselnden Euro-Ländern kaufen und wird vielleicht schon im Januar damit beginnen.  

Der "Grexit" bleibt ein Abenteuer

Griechenland kann seine Gläubiger in Berlin, Paris und Rom deshalb weniger erpressen. Dass Angela Merkel Spekulationen über den "Grexit" anfacht, ist trotzdem eher als kalkulierte Drohung denn als ernstgemeinter Wunsch zu verstehen. Die Kanzlerin sendet den Spar-Gegnern in Athen eine Botschaft: Wir verhandeln nicht. Gleichzeitig beschwichtigt Vizekanzler Sigmar Gabriel: "Ziel der gesamten Bundesregierung ist es, Griechenland in der Eurozone zu halten". Denn die unmittelbare Crashgefahr ist zwar gebannt. Doch der "Grexit" könnte dennoch verheerende Folgen haben.

Vor allem für Angela Merkel. Schuldenschnitt und Euro-Aus für Griechenland wären ihr Offenbarungseid, das unverkennbare Zeichen, dass ihre Rettungspolitik gescheitert ist. Die Kanzlerin müsste offen zugeben, was viele längst ahnen: unser Geld ist futsch. Und sie müsste sich vorwerfen lassen, die Wähler von Anfang darüber getäuscht zu haben. Lässt Griechenland seine Schulden platzen, könnte Deutschland bis zu 65 Milliarden Euro verlieren.

Und auch für Europa bliebe der "Grexit" ein unkalkulierbares Abenteuer. Denn er schafft einen gefährlichen Präzedenzfall. Wenn Griechenland den Euro verlassen kann, ist das prinzipiell auch bei anderen Euro-Staaten denkbar. Ist der Damm einmal gebrochen, könnten sich Populisten, Euro-Skeptiker und Spar-Gegner in Spanien, Italien und Frankreich ermutigt fühlen, den griechischen Linken nachzueifern und die Schuldscheine ihrer Länder einfach zu zerreißen. Oder die Märkte könnten anfangen, darauf zu spekulieren.

Einen Finanz-Flächenbrand könnte Athen mit einem Abschied vom Euro zwar wohl nicht mehr auslösen, aber eine politische Kettenreaktion, die Europas Glaubwürdigkeit zutiefst erschüttert. Niemand kann die Folgen genau einschätzen. Die Verunsicherung ist schon jetzt spürbar. Der Euro fiel am Montag auf den tiefsten Stand seit 2006.

Quelle: ntv.de

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