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Erste Frau als Dax-Chefin Erfolg für SAP - Skandal für Deutschland

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SAP hat seit Jahren daran gearbeitet, die männliche Dominanz an der Spitze abzubauen.

(Foto: dpa)

Wir schreiben das Jahr 2019. Können wir da von einem erfolgreichen Durchbruch für die Chancengleichheit in Deutschland sprechen, wenn erstmals eine Frau an die Spitze eines Dax-Konzerns rückt? Nein!

Es wäre schön, wenn man von einem Erfolg sprechen könnte. Mit der neuen Co-Chefin von SAP, Jennifer Morgan, bekommt erstmals eine der im Leitindex Dax vertretenen 30 größten Aktiengesellschaften in Deutschland eine Frau als Chefin, als Co-Vorstandsvorsitzende, um genau zu sein. Dieser, nach allem was man weiß, gelungene Generationswechsel an der Spitze ist ein guter Tag für SAP. Für die deutsche Wirtschaft kommt dieser Durchbruch so spät, dass es peinlich wäre, ihn als Erfolg zu feiern.

Im vergangenen Jahr ist der Frauenanteil in den Vorständen der 160 in Dax, MDax und SDax vertretenen Konzerne gestiegen: von lächerlichen 8 auf ebenso lächerliche 9,3 Prozent, wie die AllBright-Stiftung ausgerechnet hat. Um darin einen lobenswerten Fortschritt zu sehen, muss man schon Klimmzüge machen und sich über den "Erfolg" freuen, dass es erstmals etwas mehr weibliche Vorstände gibt als männliche, die die Namen Thomas und Michael tragen. Die nüchterne Erkenntnis ist, dass nach wie vor von Chancengleichheit in der deutschen Wirtschaft keine Rede sein kann.

Deutsche Unternehmen sind dabei kein Spiegelbild der Gesellschaft, sie sind ein aktiver Bremsklotz für die im Grunde seit 70 Jahren verankerte Gleichberechtigung von Mann und Frau. Frauen sind in fast allen Bereichen in Führungspositionen unterrepräsentiert: in der Politik, in der Forschung und Wissenschaft, im Kulturbetrieb und den Medien. Nirgendwo sieht es allerdings so düster aus wie in den Führungsetagen der Unternehmen. In nahezu allen westlichen Industrieländern läuft es besser. Sogar in Saudi-Arabien werden eine der größten Banken und die Börse des Landes inzwischen von Frauen geführt.

Erfolg und Chancengleichheit hängen zusammen

Es gibt keine auch nur im Ansatz akzeptable Erklärung für dieses Versagen der deutschen Konzerne. Es gibt genug Frauen, die führen können und auch wollen. Die aufgrund der gesetzlich vorgeschriebenen Frauenquote steigende Zahl an weiblichen Aufsichtsräten verbessert ihre Chancen nur geringfügig. Die Aufsichtsräte sind zwar für die Ernennung der Konzernchefs zuständig. Doch dabei können sie in der Regel nur auf Kandidaten oder Kandidatinnen zurückgreifen, die es bereits auf die Vorstandsebene geschafft haben.

Um mehr Frauen die Chance zu geben, bis auf dieses Niveau gelangen, müssen die Thomasse und Michaels aktiv gegen die in ihnen wie den meisten Menschen veranlagte Neigung vorgehen, sich mit ihnen selbst ähnlichen Menschen zu umgeben. Einige wenige Konzerne haben dazu effektive Programme ins Leben gerufen und sich Zielvorgaben gegeben, um diese Reproduktion einer homogenen männlichen Elite zu durchbrechen. Für die meisten jedoch ist das Gerede von "Diversity" nur ein Lippenbekenntnis. Oder nicht einmal das. Dutzende in den Dax-Indizes vertretene Firmen geben offiziell für Frauen in ihrem Vorstand die Zielquote null aus. Ihnen ist völlig egal, ob überhaupt Frauen an der Führung des Unternehmens beteiligt sind.

SAP gehört zu der Minderheit, die das Problem mangelnde Chanchengleichheit ernsthaft angeht. Dass SAP gleichzeitig gemessen am Börsenwert das wertvollste Dax-Unternehmen ist, ist kein Zufall. Studien haben einen Zusammenhang zwischen dem Frauenanteil und dem Erfolg von Firmen belegt. Dass SAP im Jahr 2019 immer noch ein Einzelfall in Deutschland ist, ist ein Armutszeugnis für die deutschen Unternehmen.

Quelle: n-tv.de

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