Abwasser im leeren FlussGewässern entgleitet bei Niedrigwasser die Selbstreinigung
Von Caroline Amme
Die Wasserstände an Flüssen wie Rhein, Elbe und Donau sind diesen Sommer historisch niedrig. Das bremst die Industrie aus. Die niedrigen Pegel sorgen auch dafür, dass Rückstände von Medikamenten, Pestiziden und Reinigungsmitteln die Flüsse mehr verschmutzen als sonst.
Gerade so hoch wie ein Einwegfeuerzeug war der Rhein-Pegel bei Kaub Mitte August. An der wichtigen Messstelle in Rheinland-Pfalz wurde am 17. August ein Tiefststand von sechs Zentimetern gemessen - ein Viertel des vorherigen Minusrekords von 25 Zentimetern 2018. Auch die Messstellen am Rhein wie Duisburg oder Düsseldorf hatten im Sommer historische Tiefstände gemeldet. Andere Flüsse wie Elbe oder Donau verlieren ebenfalls immer mehr Wasser.
Das ist nicht nur ein Problem für die Schifffahrt und die Industrie, sondern auch für unsere Gesundheit.
Trotz Niedrigwasser leiten die Kläranlagen gereinigtes Abwasser in die Flüsse ein. Es kommt aus Spülmaschinen, Duschen, Toiletten und der Industrie. Jeder und jede Deutsche produziert 125 Liter Abwasser pro Tag, sagt Dietrich Borchardt, Wissenschaftler am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". "Dadurch haben unsere Flüsse einen konstanten Anteil an gereinigtem Abwasser."
Tiere leben in Chemiecocktail
Klarwasser klingt nach sauberem Wasser und sieht auch so aus. Die rund 9000 Kläranlagen in Deutschland reinigen das Abwasser, was anfällt, üblicherweise in drei Stufen. Zuerst werden mechanisch grobe Dinge wie Papier, Speisereste oder Sand entfernt. Danach kommt die biologische Reinigung. Mikroorganismen zersetzen Kohlenhydrate, Eiweiße oder Fette. Der letzte Schritt ist die chemische Reinigung. Dabei werden Stickstoff und Phosphor herausgefiltert.
100 Prozent sauber ist das Klarwasser danach aber nicht. Es enthält Mikroschadstoffe: Reste von Reinigungs-, Nahrungsergänzungs- und Pflanzenschutzmitteln sowie von Medikamenten und Hormonen. Auch der Phosphor wird nicht komplett herausgefiltert. Zudem enthalte es viele Bakterien und Viren, sagt Borchardt. Wegen all dieser Stoffe dürfe man das gereinigte Abwasser nicht trinken und auch nicht darin baden.
Diese Mikro-Verunreinigungen filtern bisher nur wenige Klärwerke in Deutschland heraus. Auch in sehr niedrigen Konzentrationen hat dieser Chemiecocktail negative Auswirkungen auf das Ökosystem und unser Trinkwasser: Die Artenvielfalt geht zurück, die Tiere werden krank. In sehr vielen Gewässern findet sich etwa das Schmerzmittel Diclofenac. Es kann für Nierenschäden bei Fischen sorgen. Hormone aus der Anti-Babypille im Wasser beeinflussen die Fortpflanzung von Fischen. Und Phosphor lässt Algen wachsen.
Flüsse mit Niedrigwasser mehr belastet
Normalerweise werden all diese Stoffe vom Flusswasser verdünnt. Bei Niedrigwasser ist aber das Mischverhältnis verschoben, denn das Klarwasser macht einen größeren Anteil als das natürliche Wasser aus. Die höchsten Spurenstoffkonzentrationen treten vor allem bei Niedrigwasser auf, so die Bundesanstalt für Gewässerkunde. "Es ist günstig, wenn ein kleines Kläranlagenvolumen auf einen großen natürlichen Abfluss trifft, dann sind die Konzentrationen geringer. Außerdem verfügen Gewässer über eine natürliche Selbstreinigung", erklärt Wasserexperte Borchardt.
Eine zusätzliche Belastung für die Flüsse und ihre Bewohner sind steigende Wassertemperaturen. Im Rhein sind Ende August knapp 30 Grad gemessen worden. Ähnlich sah es in Main und Oder aus. "Wenn Gewässer unnatürlich warm werden, sind sie ökologisch nicht mehr stabil, die Selbstreinigung kann entgleisen", so Borchardt im Podcast. Höhere Wassertemperaturen bedeuten weniger Sauerstoff. Für viele Lebewesen ist das kritisch. Sie reagieren auch empfindlicher auf eine Schadstoffbelastung.
Ein Beispiel für eine gescheiterte Selbstreinigung ist die Umweltkatastrophe in der Oder 2022. Dort kamen mehrere Faktoren zusammen: ein erhöhter Salzgehalt im Wasser, höhere Temperaturen und niedrige Wasserstände. Deshalb hatte sich die Goldalge massiv vermehrt. Fische und Muscheln starben massenhaft. Die giftige Alge breitet sich aktuell wieder aus in einem Nebenarm der Oder in Polen. Bisher sind schon vier Tonnen tote Fische geborgen worden.
Vierte Reinigungsstufe wird Pflicht
Teilweise wird hoher technischer Aufwand betrieben, um das mit Abwasser-Reststoffen belastete Oberflächenwasser nutzen zu können. "Am Rhein gibt es ein Wasserwerk, das dem Rhein Wasser entnimmt, es zur Trinkwasserqualität aufarbeitet, um es für die Beregnung in der Gemüsewirtschaft zu nutzen", berichtet Borchardt.
Diese langlebigen Mikro-Schadstoffe sollen bald weniger werden. In Zukunft wird eine vierte Reinigungsstufe in Kläranlagen der EU Pflicht. Bis dahin dauert es aber noch: von 2033 bis 2045 müssen große Kläranlagen und bestimmte mittelgroße Anlagen sie einbauen. Sie sollen Arzneimittel- und Kosmetikrückstände herausfiltern. Das könnte die Mikro-Verunreinigungen in den Flüssen und Bächen der EU laut der Europäischen Kommission um etwa 44 Prozent reduzieren.
Den Großteil der vierten Reinigungsstufe - 80 Prozent - soll die Industrie bezahlen, die Hersteller von Arzneimitteln und Körperpflegeprodukten. Pharmaunternehmen wehren sich dagegen. Sie haben beim Europäischen Gerichtshof Berufung eingelegt.