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Wunderpflanze ohne Zulassung Stevia - Süße aus der Natur

Sie ist wesentlich süßer als Zucker, hat keine Kalorien und ist zahnfreundlich. Stevia, das aus Paraguay stammende Süßkraut, scheint eine wahre Wunderpflanze zu sein.

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Stevia rebaudiana stammt aus den Subtropen.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Stevia kann sogar Diabetikern und Menschen mit Übergewicht das Leben ohne Reue versüßen. Bei allen positiven Eigenschaften ist Stevia als Süßstoff in der Europäischen Union bisher nicht zugelassen. Frankreich hat 2009 eine zweijährige Ausnahmegenehmigung für Stevia-Extrakte als Lebensmittelzusatzstoff erteilt. Auch außerhalb der EU, nämlich in der Schweiz, werden seit 2009 Schokoladen und Eistees mit Stevia hergestellt.

Seit mehr als 500 Jahren werden Speisen in Paraguay und Brasilien mit den Blättern der Pflanze, die auch als Honigkraut bezeichnet wird, gesüßt. Weltweit nehmen etwa 16 Millionen Menschen den Süßstoff aus der Natur zu sich. Besonders Japan schwört auf die süßen Blätter, nicht zuletzt deshalb, weil dort 1969 einige künstliche Süßstoffe verboten worden. Fast die Hälfte aller eingesetzten Süßstoffe bestehen hier aus Stevia-Blättern.

Angesichts dieser Zahlen ist es kaum zu glauben, dass der Streit um die Zulassung von Stevia in der EU nun schon 20 Jahre dauert. Über die Gründe lässt sich nur spekulieren. Tatsache ist, dass Stevia nach einem Gutachten der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) für die Gesundheit unbedenklich ist. Allerdings, so die Behörde, sollten Verbraucher täglich nicht mehr als vier Milligramm Stevia pro Kilogramm Körpergewicht zu sich nehmen, rät die EFSA. Eine Frau mit 60 Kilogramm Körpergewicht könnte dementsprechend 240 mg Stevia täglich ohne Bedenken verzehren. Das ist relativ wenig, wenn man bedenkt, dass für einen Liter Limonade rund 600 mg Stevia nötig wären, um diese ähnlich süß schmecken zu lassen wie eine mit Zucker gesüßte Brause.

Große Studien fehlen

Die Einschränkung auf eine tolerierbare Aufnahmemenge (ADI) täglich ist eine Reaktion der EU-Behörde auf Studien und Daten aus vergangenen Jahren und verunsichert Verbraucher und Industrie. Eine der Studien beispielsweise testete den natürlichen Süßstoff an Ratten und stellte eine Beeinträchtigung der Fruchtbarkeit der männlichen Tiere fest. Die Auswirkungen auf den Menschen jedoch sind nicht vergleichbar, da die Tiere mit einer so hohen Dosis Stevia gefüttert worden, die auf einen Menschen hochgerechnet rund die Hälfte seines Körpergewichts ausmachen würde.

Was zur uneingeschränkten Zulassung von Stevia fehlt, sind große Studien mit mindestens 2500 Probanden, die genau die Wirkungen auf den Menschen belegen. Solche Studien sind enorm teuer und könnten daher nur von großen Unternehmen in Auftrag gegeben werden. Diese jedoch halten sich aus mehreren Gründen zurück. Zum einen ist der Geschmack von Stevia nicht der gleiche wie der von Zucker. Je nach Verarbeitung der Blätter kann Stevia einen leicht bitteren oder lakritzartigen Nachgeschmack haben. Dieser würde in Limonaden oder Süßigkeiten den Verbraucher irritieren. Zum anderen kann sich niemand Stevia patentieren lassen, da es sich um ein jahrtausendealtes Produkt aus der Natur handelt.

Verbraucher wollen Sicherheit

Nun liegt es an der Europäischen Kommission, den natürlichen Süßstoff als Lebensmittelzusatzstoff für Europa zuzulassen und so das Vertrauen der Verbraucher zu bekommen. Wann genau die Kommission entscheiden wird, kann keiner sagen. Der Stevia-Experte Udo Kienle von der Universität Hohenheim mutmaßt, dass am Ende des Sommers 2010 eine Entscheidung getroffen wird. Wie diese allerdings ausfällt, darüber will der Stevia-Experte keine Prognose abgegeben. Er hofft jedoch, dass die Verbraucher dadurch mehr Sicherheit in Bezug auf Stevia als Süßstoff bekommen und die Pflanze endlich zu ihrer verdienten Akzeptanz kommt.

Quelle: ntv.de