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Motorrad-Intensivtraining Fahrt nie schneller, als euer Schutzengel fliegt

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Die größten Probleme sehen viele Biker beim Kurvenfahren.

Motorradfahrer spüren ihre Grenzen schneller als Autofahrer. Ohne die Gewissheit einer schützenden Hülle kann Unsicherheit hier schnell zu Fehlern führen. Ein Motorrad-Intensivtraining kann das ändern, wie ein Selbstversuch beweist.

"Fahrt nie schneller, als euer Schutzengel fliegen kann." Mit diesen Worten verabschiedet Instruktor Guido seine 12 Motorradfahrer nach einem fast neunstündigen Intensivtraining im größten ADAC Fahrsicherheitszentrum Deutschlands in Linthe. Dabei ist der Schutzengel doch nur die Metapher dafür, sich nicht zu überschätzen, seine Grenzen und Fähigkeiten zu kennen. "Das Schöne ist", sagt Guido, "dass die Leute, die hier zum Training kommen, das freiwillig machen. Das Blöde ist", so der Trainer weiter, "dass das Motorrad heute nur noch Zeitvertreib ist", die Fahrleistungen also weit unter dem liegen, was noch vor 20, 30 Jahren gefahren wurde. Dementsprechend geringer ist natürlich auch das Können.

Aber genau das wollen die Biker in Linthe verbessern und deshalb steht nach einer kurzen Vorstellungsrunde und dem Check der persönlichen Wünsche die Praxis auf dem Programm. "Ich kann hier stundenlang mit euch über das Fahren reden, besser werdet ihr davon nicht", so Guido. "Motorradfahren muss für euch so sein wie nachts der Gang aufs Klo. Den schafft ihr auch, wenn es stockdunkel ist." Von dieser Art der Nachtwanderung sind die 12 Probanden aber noch weit entfernt.

Jeder hat seine Baustelle

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Das Motorrad lieber in die Kurve "legen" oder "drücken"?

Jeder hat seine Baustelle, wobei die am häufigsten genannte das Kurvenfahren ist. Aber nicht nur das ist Bestandteil des Tagesprogramms. Guido beginnt mit Langsamfahr-Übungen. Hört sich albern an? Dann versucht mal, euer Bike in Schrittgeschwindigkeit, also zwischen 4 und 6 km/h, ohne zu wackeln und zu ruckeln über eine längere Strecke auf Kurs zu halten. Ein Spiel, das dir nicht nur im Stadtverkehr immer wieder begegnet, sondern dich auch auf einem Alpenpass ereilen kann, wenn der holländische Camper mit gefühlten 45 PS Zugkraft seinen Wohnwagen über den Berg wuchtet.

Die zweite Einheit ist das Umfahren von Pylonen. Slalom, kein Problem, schon gar nicht für Valentin auf seiner Aprilia Shiver 750 mit diesem gigantischen Sound. Schließlich hat der 20-Jährige erst vor wenigen Wochen seinen Motorradführerschein gemacht. Bauartbedingt sind die kurzen, schnellen Lastwechsel gerade für die Jungs auf den Supersportlern nicht ganz so einfach. Spätestens, als die Aufgabe nicht mehr darin besteht, das Bike zu legen, sondern um die Pylonen zu drücken, wird es anspruchsvoll.

Der Autor muss eingestehen, dass er mit seiner Yamaha MT-07 an dieser Technik hart arbeiten muss, denn sie ist die Grundvoraussetzung für das Ausweichen vor einem Hindernis. Noch schwieriger wird es, als Guido die Pylonen mit wackeligen Schaumstoffrollen versieht. Plötzlich wirkt das, was nach etlichen Übungsrunden leidlich elegant umkurvt wurde, unglaublich ausladend. In den ersten Runden trifft der Schaumstoffschwengel im besten Fall den Spiegel des Motorrades, im schlechtesten Fall die Schulter des Bikers.

Keine Angst, aber Respekt

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Wer wissen will, wie sein Motorrad bei einer Vollbremsung reagiert, muss es ausprobieren. Aber besser nicht im Straßenverkehr.

Damit ist auch schon der von den Eleven auf zwei Rädern am zweithäufigsten geäußerte Wunsch in Erfüllung gegangen: auf Gefahrensituationen reagieren zu können. Denn das sorgt neben den Kurven bei vielen Bikern für Unsicherheit. In der Mittagspause sagte jemand: "Wenn ich hier heute rausgehe, dann will ich wenigsten 70 Prozent der Leistungsfähigkeit meines Motorrades ausreizen können." Und das trifft es. Natürlich ist der Fahrer mit all seinem Tun für das, was das Bike macht, verantwortlich. Dennoch sind die Maschinen inzwischen so abgestimmt und zu großen Teilen so ausgerüstet, dass sie vielmehr zulassen, als der Pilot vermutet.

Das soll nicht heißen, dass hier mit Gottvertrauen der Exzess beim Fahren gesucht wird. Vielmehr bedeutet es, dass wir als Biker die Angst verlieren, aber den Respekt vor der Fahrt mit dem Zweirad bewahren. "Macht euch nichts vor", so Guido, "wenn es hart auf hart kommt, dann zieht ihr den Kürzeren. Lasst also lieber nach, bremst, wenn euch einer die Vorfahrt nimmt. Bei der nächsten Gelegenheit schießt ihr ohnehin an ihm vorbei." Vor das Vorbeischießen hat der Herrgott aber unter Umständen die Vollbremsung gestellt. Deshalb ist auch sie Bestandteil des Intensivtrainings in Linthe.

Auch hier muss der Fahrer lernen, seinem Bike zu vertrauen. Klar, das geht umso einfacher, als dass es mindestens mit ABS (ab Baujahr 2017 Pflicht) oder gar mit ASC und anderen Raffinessen ausgestattet ist. Aber bauartbedingt gibt es auch die Harley von André oder die Kawasaki von Thomas, denen das ABS noch nicht gegeben war, als sie auf den Markt kamen. Hier heißt es Vorderbremse hart anreißen und sofort wieder lösen. "Stellt euch vor, ihr fangt einen Ball mit der rechten Hand und werft ihn sofort wieder weg", erklärt Guido, nachdem er sämtliche Bremsstile auf dem Bike vorgeführt hat.

Bremsen, aber volle Lotte

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Die physikalischen Grenzen lassen sich beim Motorradfahren nicht überlisten, aber man kann sie für sich und seine Fahrt einschätzen.

Erste Übung: nur die Hinterradbremse nutzen, zweite Übung: nur die Vorderradbremse benutzen und dritte Übung: beide zusammen. Also, mit bis zu 50 km/h den Bremspunkt angefahren und volle Lotte reingehackt. In allen Fällen kommt das Bike souverän zum Stehen. Klar, wer nur mit der Hinterradbremse arbeitet, hat mehr Weg, wer beide benutzt, den kürzesten. Über Funk korrigiert Guido die Bremsattacken. Am häufigsten hören die Teilnehmer: "Lasst den Kopf beim Bremsen oben. Der Tacho geht, auch ohne dass du hinguckst, auf null. Aber vor dir läuft der Film im Ernstfall weiter." Rübe also wieder hoch und noch mal auf Angriff in die Bremsspur fahren. War eigentlich ganz super, denkst du, und da kommt es: "Holger, du arbeitest zu viel am Lenker." Deswegen wurde die Karre am Ende unruhig. Ein anderes Ding ist die Fußstellung. "Der Ballen steht auf der Raste. Macht euch klar, dass Bremsen und Schalten immer bewusst passiert." Also Füße nach hinten, Finger weg von Bremse und Kupplung. Die Gliedmaßen nur in Arbeitsstellung, wenn sie gebraucht werden.

Nachdem die Trockenphase für die Teilnehmer und vor allem für den Instruktor zur Zufriedenheit verlaufen ist, werden die Bahnen bewässert. "So, und jetzt das Ganze auf nasser Fahrbahn." Große Augen davor und ein lautes Hallo danach. Einhellige Meinung aller Bremser: "Kein Unterschied zur trockenen Piste." Ob mit oder ohne ABS. Natürlich ist die Situation hier eine ideale. Gerader Einfahrtsweg, kein wirkliches Hindernis, kein Adrenalin, kein bösartiger Verzug am Lenker. Dennoch, wer die Chance hat, es so zu üben, dessen Möglichkeiten steigen im Ernstfall um ein Vielfaches, eine Gefahrensituation schadlos zu überstehen.

Am Ende aufrecht bleiben

Und weil nicht immer in Ideallinie gebremst wird, geht es jetzt in die Kreisbahn. Dort sollen die Motorradfahrer zum einen für die Schräglage sensibilisiert werden, zum anderen wird das Aufstellen des Bikes bei einer Gefahrenbremsung in der Kurve geübt und das anschließende Ausweichen. Was also tun, um das Motorrad aus der maximalen Schräglage wieder aufzurichten? Vollbremsung über alle Kanäle? Nein! Lediglich die Vorderbremse wird für diesen Akt mit Nachdruck betätigt. Und tatsächlich ist das Bike schneller wieder oben als gedacht. Jetzt Motorrad in die Kurve drücken, nicht legen und dem Hindernis ausweichen. Bis zu einer Geschwindigkeit von 40 km/h geht's prima. Darüber hinaus wedelt wenigstens der Autor die Kegel um.

Am Ende ist es so, wie Guido sagt: "Die Physik können wir nicht überlisten, die setzt uns einfach Grenzen." Und eine Grenze ist Geschwindigkeit. "Warum fahren wir gerne schnell?", fragt Guido. "Weil wir es können und weil es geil ist!" "Ich will euch was zeigen", sagt Guido, schwingt sich auf seine BMW S 1000 XR. "Was meint ihr, wie lange mein Bremsweg ist, wenn ich mit 30 km/h angefahren komme und eine Vollbremsung einleite, wenn ich am Hindernis 'Käsekuchen' gesagt habe?" Nach kaum fünf Metern steht das Bike. Jetzt wiederholt er es mit 50 und 70 km/h. Keine Zauberei, die Bremswege verlängern sich um ein Vielfaches. Und die S 1000 XR ist mit allem Schnick und Schnack ausgestattet.

Manchmal braucht es gar keine wortreichen Belehrungen. Alle Umstehenden haben begriffen: Keine Angst, aber Respekt vor dem Bike, vor der Geschwindigkeit und allem, was da kommen könnte. Aber bin ich jetzt nach dem Intensivtraining im Fahrsicherheitszentrum in Linthe ein besserer Motorradfahrer? Nicht sofort, aber ich habe das Rüstzeug, es zu werden. Denn wie werden wir bessere Motorradfahrer? Indem wir Motorrad fahren!  

Quelle: n-tv.de

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