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Unter große Piloten wirkt die LiveWire etwas verloren.
Unter große Piloten wirkt die LiveWire etwas verloren.
Samstag, 25. Juli 2015

Eine Runde mit der LiveWire: Harleys elektrisches Katapult

Die Strom-Harley kommt – und zwar noch vor 2020. Soviel verrät CEO Matt Levatich. Umso spannender ist die Testfahrt mit "Project LiveWire", dem Konzept-Bike, das der elektrischen Ära bei Harley vorausgeht. Spaltet doch das strombetriebene Naked Bike die Fangemeinde.

"Ich konnte mir selbst nicht vorstellen, dass mich ein Bike ohne Verbrennungsmotor derart begeistert. Aber LiveWire ist Emotion pur und voller Energie – nur eben jetzt mit Volt und Ampere statt Sprit." So wie Frank Klumpp, Marketing-Chef von Harley-Davidson Deutschland, geht es praktisch jedem, der die 74 PS starke Harley-Davidson LiveWire erstmals fährt: Skepsis wird im Nu hinweggestromert und wechselt schnell in Euphorie. Denn das elektrisch angetriebene Motorrad rennt in unter vier Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h. Und, typisch Elektromotor: Schon beim leichtesten Zucken am Potentiometer, der früher mal Gasgriff hieß, schiebt das volle Drehmoment von 70 Newtonmeter an. Dann zieht die LiveWire ihrem Piloten die Arme lang und untermalt ihre Dynamik mit einem Sound, der an einen startenden Düsenjet erinnert. Auf die Serienversion der Elektro-Harley, die noch vor 2020 kommen soll, darf man also gespannt sein.

Mit stattlicher Schubkraft

Die LiveWire ist eine Mischung aus Nakedbike und Streetfighter.
Die LiveWire ist eine Mischung aus Nakedbike und Streetfighter.

Die stattliche Schubkraft muss mit nur 210 Kilogramm Fahrzeuggewicht fertig werden. Zusammen mit der agilen Fahrwerksauslegung eines Streetfighters ergibt dies ein dynamisches Katapult, das vom Start weg Fahrspaß bringt. Fahrspaß der allerdings gelernt werden muss, denn die sich vom Drehzahlkeller heraus aufbäumende Gewalt eines sonor brüllenden V2-Motors fühlt sich natürlich komplett anders an. Die LiveWire kommt explosionsartig und mit lautem, sirenenhaftem Geräusch. Harley-Davidson will mit ihr die Wahrnehmung der Traditionsmarke verändern. Frank Klumpp: "Wir können auch was ganz Neues, was keiner von uns erwartet. LiveWire soll die Freiheit für kommende Generationen erhalten."

Insofern ist der wohl wichtigste Eindruck der Testfahrt über die Service-Strecken rund um den Hockenheimring der eigentümliche Sound. Er ist nicht künstlich erzeugt, sondern resultiert aus mechanischer Reibung im Motor, die durch das Gehäuse als Resonanzkörper verstärkt wird. Dabei hat es Harley allerdings etwas zu gut gemeint, denn der Pilot könnte das   kampfjetartige Zischen bei höheren Drehzahlen schnell als enervierend empfinden. Aber die LiveWire ist ein Konzept-Bike und so wird sich bis zur Serienreife noch vieles ändern, vielleicht auch der Lärmpegel. Wichtiger scheint, dass der Fahrer schnell vertraut ist mit der neuartigen Technik. Selbst das Fahren ohne Kupplungs- oder Schalthebel geht flux  in Fleisch und Blut über. Auch bei hohem Tempo nahe der 148 km/h Spitze wirkt die LiveWire spurstabil und vermittelt Sicherheit und das trotz des auf Agilität ausgelegten Fahrwerks mit relativ steilem Lenkkopfwinkel. Und immer wieder die enorme Beschleunigung: Sie vollzieht sich linear und fühlt sich ohne Schaltvorgänge noch brachialer an.

Nur 84 Kilometer Reichweite

Drei Stunden braucht es, bis die LiveWire wieder einsatzbereit ist.
Drei Stunden braucht es, bis die LiveWire wieder einsatzbereit ist.

Auf der Elektro-Harley sitzt der Pilot über einer Tank-Attrappe, und wie gewohnt bildet der Motor das Zentrum des Bikes. Nur jetzt eben ein längs montierter, dreiphasiger Wechselstrommotor, der bei 8000 U/min seine 74 PS leistet. Er sitzt in einem 6,3 Kilogramm leichten Voll-Aluminiumrahmen, Harleys erster dieser Art. Die Lithium-Ionen-Akkus sind bei voller Entladung nach dreieinhalb Stunden laden wieder voll und bringen bis zu 85 Kilometer Reichweite. Das ist in den Augen vieler Motorradfahrer ein Problem, im realen Einsatz eines Streetfighters wie der LiveWire aber meist ausreichend. Für Touren oder gar Reisen wird der Biker andere Maschinen wählen. Und Frank Klumpp ist zuversichtlich: "Dieser Wert wird sich bis zum Serienstart noch erheblich vergrößern."

Die Elektro-Harley ist für urbanen Fahrspaß konzipiert und kurze Turns über die nahegelegene Lieblingsstrecke. Über den Ladezustand der Akkus, Restreichweite und gefahrenes Tempo informiert ein kleines, querformatiges Tablet. Auf dem Touchscreen wählt der Pilot auch zwischen den zwei Fahrmodi "Power" und "Range", also höchstmögliche Dynamik oder optimale Reichweite. Wobei die LiveWire selbst im Range-Modus gewaltig anschiebt und laut vor sich hin zischt. Auf elektronische Helferlein kann sich der Pilot vorerst nicht verlassen, denn das Konzeptmotorrad geht bislang ohne Traktionskontrolle oder ABS an den Start. Trotzdem fühlen sich Bremsmanöver, unterstützt durch die rekuperierende Motorbremse, kräftig und gut dosierbar an.

Bislang hat Harley-Davidson in USA, Kanada und inzwischen auch Europa 7500 Probefahrten mit Kunden, Händlern und Journalisten durchgeführt. Dazu kommen 12.000 "Jump Starts" auf der Rolle, die auch ohne Führerschein möglich sind. Aus den daraus resultierenden 15.500 Kommentaren filtern Experten laufend heraus, was von einer elektrische Harley erwartet wird und was deshalb ein künftiger käuflicher Stromer der US-Marke bieten muss, wenn er noch vor 2020 die Energiewende bei Harley-Davidson einläuten wird.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de