Auto
Der  Volvo V90 Cross Country baut höher als seine Brüder. Das hat Vor-, aber auch Nachteile.
Der Volvo V90 Cross Country baut höher als seine Brüder. Das hat Vor-, aber auch Nachteile.(Foto: Holger Preiss)
Mittwoch, 08. Februar 2017

Schwedischer Individualist: V90 Cross Country mit Hang zum Luxus

Von Holger Preiss

Vor 20 Jahren legten die Schweden ihren ersten Offroad-Kombi auf. Unterdessen wurde der V70 vom schicken V90 abgelöst. Nur konsequent, dass der jetzt auch als Waldläufer angeboten wird. Das hat Vorzüge, bringt aber auch Abstriche.

Wenn man es genau nimmt, dann war es die Automarke Volvo, die die Offroad-Variante eines Kombis ins Spiel der Straße gebracht hat. Ziemlich genau vor 20 Jahren verplankten die Schweden den V70 und gaben ihm den Zusatz Cross Country. Audi gab dem im gleichen Segment fahrenden A6 die Beigaben für schlechte Wege erst im Jahr 2000. Und andere Premiumhersteller entdeckten diese Aufbereitung eines Kombis erst im vergangenen Jahr. Unterdessen ist der V70 aus dem Programm verschwunden und wurde vom V90 abgelöst. Klar, dass auch der wieder die Attribute des Geländegängers bekommt. Allerdings auf einem entsprechend neuen Niveau.

18-Zoll-Räder und die Endrohrverblendungen sind beim Cross Country Serie.
18-Zoll-Räder und die Endrohrverblendungen sind beim Cross Country Serie.(Foto: Holger Preiss)

Das definiert sich nicht nur durch Beigaben wie verplankte Radhäuser, den Kühlergrill mit vertikalen schwarzen Streben und Chromapplikationen, den optische Unterfahrschutz an Front und Heck, Seitenschweller und Zierleisten im Bereich der Türschwellen oder dem eingeprägten "Cross Country"-Schriftzug. Viel wichtiger sind die 210 Millimeter mehr Bodenfreiheit, die Achtgangautomatik und der Allradantrieb, die bei den Cross-Country-Modellen - egal, welche Motorisierung - immer an Bord sind.

D5 besticht durch das Gesamtpaket

Nicht egal ist die Motorisierung mit Blick auf die Wünsche jedes einzelnen Fahrers. Wie auf diesen Seiten schon bei den ersten Ausfahrten mit dem V90 beschrieben, ist der D5, der aus dem von Volvo selbst entwickelten 2.0-Liter-Vierzylinder ordentliche 235 PS schöpft, auch im Cross Country die beste Wahl. Mit seinen 480 Newtonmetern schiebt er die knapp 2,0 Tonnen Leergewicht souverän an. Lediglich 7,5 Sekunden braucht es, bis der Schweden-Laster auf Tempo 100 beschleunigt und auf gerader Strecke treibt er die Fuhre locker bis an die 230 km/h-Marke. Dem einen oder anderen mag das jetzt sehr verhalten vorkommen. Ist es auch. Aus Sicherheitsgründen hat Volvo die Geschwindigkeit an dieser Stelle begrenzt. Rein von der Sache her könnte der potenteste Diesel in jedem Fall mehr.

Kühl und schön gibt sich der Innenraum des V90 Cross Country.
Kühl und schön gibt sich der Innenraum des V90 Cross Country.(Foto: Holger Preiss)

Das wird spätestens dann klar, wenn man einen Ausritt im V90 R-Design mit einer Motoranpassung von Polestar Performance macht. Hier leistet der D5 240 PS und es werden 500 Newtonmeter auf die Achsen geworfen. Zudem wird das Ansprechverhalten des Motors optimiert, die Schaltgeschwindigkeit des Getriebes erhöht und die Schaltpunkte dementsprechend angepasst. Etwas tiefergelegt und im Sportmodus wird der Zweitonner so zu einer Art Langstrecken-Rennmaschine mit ernst zu nehmendem Spaß- und Suchtpotenzial. Zumal der Verbrauch über die gleiche Distanz mit der des Cross Country identisch war: Der Bordcomputer meldete (nach jeweils 190 Kilometern) im Schnitt 7,7 Liter Diesel konsumiert zu haben. Dabei wurde der D5 im R-Design über die Autobahn gescheucht, während der Offroad-Kombi über die Berge nach Berchtesgaden kraxeln musste.

Mehr Bergsteiger als Kurvenräuber

Platzmangel gibt es in der zweiten Reihe nicht zu beklagen.
Platzmangel gibt es in der zweiten Reihe nicht zu beklagen.(Foto: Holger Preiss)

Das ist auch ganz klar die Spielwiese des Cross Country. Als Kurvenräuber stößt er schnell an natürliche Grenzen, die vor alle seinen Anlagen geschuldet sind. Da wären vor allem die schon erwähnten zwei Zentimeter, die der Schwede höher steht als sein unverplankter Bruder, und das etwas festere Fahrwerk. Insgesamt baut er mit seinen serienmäßigen 18-Zoll-Rädern sogar sechs Zentimeter höher als der V90. Das führt, ob man will oder nicht, dazu, dass der schwedische Waldläufer bei der Hatz um die Kehre mit enormer Kraft nach außen strebt. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass Volvo die Spur vorn um 24 und an der Hinterachse um 14 Millimeter erweitert hat. Das kommt im Zusammenspiel mit dem "Offroad"- Fahrmodi vor allem dem Geländelauf zugute.

Tatsächlich kann der Schwede so eingestellt mühelos grobe Wald- und Feldwege überlaufen oder auf schlüpfrigen Eis- und Schneeflächen bestehen. Zumal hier auch das elektronisch gesteuerte Allradsystem eingreift, das die Kraft des Motors über eine elektronisch gesteuerte Lamellenkupplung variabel an alle vier Räder verteilt. Zusätzlich ist der Cross-Over-Kombi mit einer Bergabfahrhilfe ausgerüstet, die ein sicheres und kontrolliertes Befahren steiler Gefälle ermöglicht. Optisch wird der Modus durch einen Kompass im Display angezeigt. Fahrtechnisch wird die Geschwindigkeit auf maximal 40 km/h begrenzt und die Räder entsprechend den Gegebenheiten einzeln eingebremst. Volvo geht sogar so weit, zu sagen, die Unterschiede zum XC 90 in Bezug auf die Geländetauglichkeit seien Marginal.

Der hat was

Die Sitze sind - wie man es von Volvo kennt - eine Schmeichelei für Po und Rücken.
Die Sitze sind - wie man es von Volvo kennt - eine Schmeichelei für Po und Rücken.(Foto: Holger Preiss)

Das mag man glauben oder nicht, ausprobieren wird es weder der Besitzer des einen noch des anderen Fahrzeugs, denn der Schwede ist kein Billigheimer. Wer einem V90 Cross Country D5 alle Beigaben aus der üppigen Optionsliste verpasst, landet in Windeseile bei einem Wert um die 87.000 Euro. Einsteigen kann man in einen Cross Country aber schon ab 56.000 Euro. Befeuert wird der Cross Country dann vom neuen Einstiegsdiesel D3 mit 150 PS. Bei den Preisen spielt Volvo ganz bewusst in der Liga von Mercedes, deren E-Klasse T-Modell All Terrain ungefähr das Gleiche kosten dürfte. Wie die Stuttgarter bieten auch die Schweden einen adaptiven Spurhalteassistenten, ein ebenfalls selbständig arbeitenden Abstandsradar, Totwinkelwarner, Parkassistent und Verkehrszeichenerkennung. Wobei Letztgenannte im Testwagen mit den Angaben nicht immer ganz richtig lag, was im Ernstfall richtig teuer werden kann. Das Pilot Assist II System ermöglicht teilautonomes Fahren bis zu einer Geschwindigkeit von 130 km/h. Bei anderen Premiumherstellern kann man sich inzwischen bis Tempo 210 pilotieren lassen.

Nun ist das sicher ein Unterschied, aber kein Ausschlusskriterium, denn der Schwede ist mit Blick auf die etablierte Konkurrenz schon immer ein Individualist gewesen. Und genau das macht ihn so charmant. Während eine Mercedes E-Klasse im Innenraum mit kühnen, hinterleuchteten Schwüngen, ebenso geschwungenen Applikationen und Jet-Düsen für ein edles Ambiente sorgt, gibt sich der V90 mit "Black Walnut"-Echtholzeinlagen, serienmäßigen Ledersitzen und den wie Diamanten geschliffenen Knöpfen der Luftausströmer edel und kühl. Zudem besticht er durch seine klare Struktur im Innenraum, die auf Knöpfe und Schalter fast vollständig verzichtet. Stattdessen wird ein 9,2 Zoll großer Bildschirm im Hochformat zum zentralen Bedienelement. Der wie ein Tablet funktionierende und in der Mittelkonsole ruhende Touchscreen ist das Herzstück des Infotainmentsystems. Im Zusammenspiel mit der digitalen Instrumentenanzeige und dem Head-up-Display wird die Bedienung intuitiv.

Lader im Holzfällerhemd

Zuletzt soll noch ein Wort zur Funktionalität verloren werden. Natürlich bietet der Cross Country wie der V90 bei aufgestellter Rücksitzlehne einen Kofferraum, der ordentliche 560 Liter schluckt. Beim Umlegen der Rückenlehne entstehen eine vollständig ebene Ladefläche und ein Ladevolumen von bis zu 1526 Litern. Wer den Stauraum des Öfteren richtig vollpackt, der sollte sich für die Luftfederung mit Niveauregulierung an der Hinterachse entscheiden. Denn so kann die maximale Zuladung, die bei den meisten Modellen 466 Kilogramm beträgt und nur beim D5 mit 474 Kilogramm angegeben wird ordentlich ausgefedert werden. Das Be- und Entladen wird im Übrigen durch die breite Heckklappe erleichtert, die sich beim Cross Country serienmäßig elektrisch öffnen lässt.

Für Menschen, die das entsprechende Kleingeld haben, bleibt der V90 Cross Country also auch als Nachfolger vom V70 eine ernst zu nehmende Alternative zu Audi und Mercedes. Vor allem für Leute, die dem Individualismus Vorschub leisten.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen