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Nicht schneller als 180 km/h Volvo entschleunigt sich selbst

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Volvo war noch nie dafür bekannt, eine Marke für Raser zu sein.

(Foto: Volvo)

Volvo limitiert ab sofort die Höchstgeschwindigkeit aller seiner Neuwagen auf 180 km/h. Lediglich Fahrzeuge, die von der Submarke Polestar kommen, dürfen schneller fahren. Aber warum machen die Schweden das? Ist das lediglich ein PR-Gag?

Während Deutschland noch über das Tempolimit diskutiert, schafft der Autohersteller Volvo Tatsachen. Ab sofort fahren alle Neuwagen der Edel-Marke maximal 180 km/h. Selbst die Top-Modelle mit fast 400 PS werden auf diese Geschwindigkeit limitiert. Warum machen die Schweden das?

Alles wird sicherer

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Mit der Selbstbeschränkung will Volvo vor allem eins: Unfälle verhindern.

(Foto: dpa)

Malin Ekholm, Leiterin des Volvo-Fahrsicherheitszentrums in Göteborg, begründet den Vorstoß moralisch: "Wir glauben, dass ein Autohersteller die Verantwortung hat, zur Verbesserung der Verkehrssicherheit beizutragen." Der Mensch, so zeigten Studien, sei einfach nicht in der Lage, hohe Geschwindigkeiten richtig einzuschätzen, dafür sei sein Gehirn nicht programmiert. Entsprechend gefährlich ist das Fahren bei forcierter Autobahngeschwindigkeit – und entsprechend sicherer wird es, wenn die maximalen Geschwindigkeiten sinken.

Nun mögen Verfechter der freien Autobahnen Frau Ekholm widersprechen. Betrachtet man die Auswertung der jährlichen Unfälle des Statistischen Bundesamtes in Deutschland, dann fällt auf, dass die meisten Unfälle durch Fehler beim Abbiegen, Wenden, an Ein- und Ausfahrten, als auch beim Rückwärtsfahren verursacht werden. Im Jahr 2018 waren es immerhin 59.083 von insgesamt 368 559 Unfällen mit Personenschaden. Unfälle durch nicht angepasste Geschwindigkeit gab es in Summe 42.146. Weniger als die Hälfte (20.573) ereigneten sich davon auf Autobahnen. Inwieweit diese Unfälle auf Überschreitungen einer Geschwindigkeit jenseits von 180 km/h zurückzuführen sind weisen die Statistiken des Bundesamtes nicht aus.

Nun war Volvo unter den großen Premiumherstellern noch nie als eine notorische Raser-Marke bekannt. Obgleich auch die Schweden lange Zeit mit ihrem Sportlabel "Polestar" gegen BMW M und Mercedes-AMG anfuhren. Unterdessen ist Polestar für die Elektrifizierung der Volvo-Modelle verantwortlich. Sportlich bleibt man allerdings auch, denn der Vierzylinder und die zwei E-Motoren des Polestar 1 haben eine Nennleistung von 609 PS. Und diese Leistung darf der Fahrer des Hybrids übrigens ungebremst auf die offene Autobahn bringen. Und das sind am Ende 250 km/h. Gleiches gilt für den Strom-Sportler Polestar 2. Der bringt es mit seinen zwei Elektromotoren an Vorder- und Hinterachse immerhin noch auf eine Maximalleistung von 408 PS und eine Spitzengeschwindigkeit von 205 km/h.

Komfortabel bis gemütlich

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Volvos waren schon immer recht gemütlich abgestimmt.

(Foto: Volvo)

Doch wie dem auch sei, traditionell sind die Kombis, Limousinen und mittlerweile auch SUVs der Schweden komfortabel bis gemütlich abgestimmt. Trotz durchaus souveräner Motorleistungen kamen bislang nur wenige Modelle in die Nähe eines Vmax-Werts von 250 km/h. Vor allem im Vergleich zur deutschen Konkurrenz gibt sich Volvo bei den Endgeschwindigkeiten schon immer auffallend entspannt. Der Kern des Markenimages ist nicht sportliche Leistung, sondern schon immer "Sicherheit". Der Hochgeschwindigkeitsverzicht dürfte die aktuelle Kundschaft daher weniger verschrecken als es etwa bei Fans von Audi, BMW und Mercedes der Fall wäre.

Die deutschen Premiummarken hatten sich seit den 1980er-Jahren eine Selbstbeschränkung bei der Höchstgeschwindigkeit auferlegt. Mit einem freiwilligen Limit von 250 km/h wollten sie das damals in Fahrt kommende Tempo-Wettrüsten stoppen, bevor die Autobahnen endgültig zu Rennbahnen geworden wären und der Gesetzgeber reglementierend eingegriffen hätte. Allerdings: Für die sportlichsten Modelle im Portfolio machen die Marken längst schon Ausnahmen. Und auf ihren dynamischen Ruf bedachte Hersteller wie Porsche haben das Spiel eh nie mitgemacht.

Volvo will noch langsamer werden

Ausfahren kann man extrem schnelle Autos allerdings kaum irgendwo in Europa. Abseits von Deutschland ist Polen aktuell das liberalste Land, was Schnellfahren angeht. Bei 140 km/h ist dort aber ebenfalls Schluss. Selbst ein limitierter Volvo hat also immer noch 40 km/h Reserve. Abseits der deutschen Autobahnen ist der Vorstoß der Schweden daher vor allem symbolischer Natur, und dabei aber doch mehr als rein reiner PR-Gag. Für Ekholm ist Tempo 180 nur ein Zwischenschritt, wenn auch ein großer. Sie hofft auch weitere Limitierungen, auch wenn sie auf Nachfrage keine Zahlen nennen möchte.

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In Deutschland schwelt noch die Diskussion darüber, ob man ein generelles Tempolimit von 130 km/h auf Autobahnen einführen sollte.

(Foto: dpa)

Volvo-Kunden zumindest können den Weg Richtung Niedrigtempo künftig auch selbstbestimmt gehen. Parallel zur 180er-Begrenzung führen die Schweden einen speziellen Autoschlüssel ein, mit dem die Höchstgeschwindigkeit weiter herabgesetzt werden kann. Gedacht ist er etwa für den Fall, dass Vater oder Mutter ihren Volvo an den Nachwuchs verleihen wollen, diesem aber die fahrerische Selbstbegrenzung nicht in jedem Fall zutrauen.

Momentan wird niemand mitziehen

Zunächst dürften Volvo und seine Kunden mit der freiwilligen Limitierung allein bleiben. Ekholm hat das 180er-Konzept zwar im Vorfeld der Einführung in der Branche vorgestellt, großen öffentlichen Zuspruch gab es bislang aber nicht. Dabei könnte der Highspeed-Verzicht auch für andere Hersteller langfristig durchaus sinnvoll sein: Denn hohes Tempo kostet Geld – in der Entwicklung, der Absicherung und der Produktion ließen sich Kosten sparen, müssten Autos nur auf Geschwindigkeiten knapp über 100 km/h ausgelegt werden.

Allerdings sollte auch hier nicht vergessen werden, dass das was die Autos in der Geschwindigkeit sicher macht, doppelt in die langsamere Fahrt einzahlt. Ein VW-Ingenieur sagte einst: "Wissen Sie warum deutsche Autos so sicher sind? Weil wir hier auch mal schnell fahren dürfen und so auf Etwaigkeiten eingestellt sind, die andere nie erleben." Die werden vorerst auch Fahrer von E-Autos nicht erleben. Denn viele Modelle fahren eh nicht schneller als 150 km/h, um den Akku zu schonen. Könnten sie die Verbrenner-Pkw auf ihr Niveau runterziehen, wäre dieser Umstand auch unter Schnellfahr-Fans kein Wettbewerbsnachteil mehr.


Quelle: ntv.de, hpr/sp-x