Praxistest

Dekorativer Range Rover Evoque Ein Mannequin auf Klettertour

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Serienmäßig rollt der Evoque auf 19-Zoll-Alus, gegen Aufpreis auch auf 20ern.

(Foto: Axel F. Busse)

Nicht nur beim Scheibenschießen gibt es Volltreffer – auch in der Automobilbranche trifft ein Hersteller mal ins Schwarze. Das ist Land Rover mit dem Evoque gelungen, der als drittes Modell der Marke Range Rover die Verkaufszahlen in ungeahnte Höhen trieb. Der n-tv.de Praxistest spürt dem Phänomen nach.

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Rückfahrkamera empfehlenswert: Durch das schmale Heckfenster sieht man nicht viel.

(Foto: Axel F. Busse)

Es war überhaupt erst die zweite Konzept-Studie, die Land Rover jemals auf einer Messe gezeigt hat: Der sogenannte Land Rover LRX war 2008 einer der Stars der Detroit Auto Show und sorgte für Spekulationen, ob er vielleicht als "Baby-Freelander" auf den Markt kommen würde. Äußerlich kaum verändert und kurzerhand zum Premium-Produkt deklariert, ergänzt das Modell Evoque nun seit vergangenem Jahr das Range-Rover-Angebot. Nicht nur in Deutschland ist die Nachfrage immens: Bis einschließlich November registrierte das Kraftfahrtbundesamt so viele Neuanmeldungen wie bei den Modellen Freelander, Discovery und Range Rover Sport zusammen.

Zwei Karosserie- und vier Motorvarianten stehen zur Auswahl. Der Benziner spielt hierzulande eher eine untergeordnete Rolle, fast 87 Prozent der Kunden haben einen Diesel geordert. Nicht nur in der Optik, sondern auch in der Preisgestaltung ist der Evoque eine Ausnahmeerscheinung. Das scheinbar eherne Gesetz "mehr Türen kosten mehr Geld" trifft auf ihn nicht zu. Der "Coupé" genannte Dreitürer kostet 1000 Euro mehr als der Fünftürer. Für diesen Test stand die 190 PS starke Variante 2.2 SD4 zur Verfügung, also ein Fahrzeug mit Allradantrieb, wie es mehr als 90 Prozent der Kunden bestellen.

Elemente aus dem Sportwagenbau

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Die fünftürige Variante ist gegenüber dem Coupé um 30 Millimeter höher.

(Foto: Axel F. Busse)

Das Land Rover Allrad kann, braucht die Marke nicht mehr zu beweisen. Mit dem Evoque beweist sie, dass sie auch Design kann. Die bullige Front mit schmalen Scheinwerfer-Augen, die muskulösen Kotflügel über großen Radhäusern, das schmal zulaufende Fensterband und das wie geduckt aufsitzende Dach sind Elemente, die dem Sportwagenbau zugerechnet werden, in der Offroad-Welt jedoch bisher nicht zu finden waren. Die kompromisslose Orientierung aufs Design als Verkaufsargument wird durch die Auswahl ungezählter Lack-, Polster-, Dekor- und Ausstattungsvarianten untermauert. Zweifarb-Lackierung mit dunkel abgesetztem Dach bieten andere Hersteller ebenso wenig an wie 19 Zoll große Leichtmetallfelgen ab Werk (ab "Dynamik").

Im Gegensatz zum Coupé ist der Zustieg in die zweite Reihe fast so unproblematisch wie auf die erste. Wer sich die Illusion wahren will, er reise in einem geräumigen Auto, sollte zu seinen hellen Lederpolstern auch das Panoramadach bestellen (+950 Euro), das den Nachteil der schmalen Glasflächen ausgleicht und eine helle, freundliche Atmosphäre im Innenraum schafft. Die Bewegungsfreiheit hinten ist etwa auf dem Niveau einer Kompaktlimousine. Da der Fünftürer nicht ganz so flach gebaut ist und 30 Millimeter mehr Dachhöhe bietet, gibt es an der Kopffreiheit nichts zu kritisieren.

Dem Premium-Anspruch wird die Innenausstattung in vollem Umfang gerecht, auch wenn ein schlampig eingepasstes Abdeckgitter am Armaturenbrett des Testwagens darauf hinzudeuten scheint, dass aufgrund der hohen Bestelleingänge in diesem Falle die Qualitätskontrolle zu kurz gekommen ist. Die Menüführung und Bedienlogik des Informations- und Entertainment-Systems mag für Neueinsteiger ihre Tücken haben, doch wer den dringenden Wunsch verspürt, in einem Evoque gesehen zu werden, wird sich daran nicht stören.

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So geräumig wird der Evoque-Innenraum nur durch das Weitwinkelobjektiv.

(Foto: Axel F. Busse)

In der Basisausstattung bringt der Wagen unter anderem Polster mit Teillederbezug, eine Klimaautomatik, elektrisch verstell- und beheizbare Außenspiegel sowie das Multifunktions-Lenkrad mit. Auch eine Radio-CD-Kombination und Bergabfahrhilfe gehören dazu. Körpergerecht geformte Sitze geben Langstreckenkomfort und guten Seitenhalt, wenn es mal zügig durch die Kurven geht. Das Fahrwerk ist nichts für Softies. Straff abgestimmt, quittiert es holperige Streckenpassagen mit hörbarem Missfallen. Das passt zum Naturburschen-Image der Marke. Die Lenkung ist feinfühlig und präzise genug, um dem Fahrer jederzeit den Eindruck zu vermitteln, die Sache "im Griff" zu haben.

Was schwerer in den Griff zu bekommen scheint, ist der Kraftstoffkonsum des 2,2 Liter großen Turbodiesels. An die Überschreitung der Herstellerangaben um ein bis zwei Liter je nach Modell und Anforderung hat man sich gewöhnt, doch der 190-PS-Evoque hat bereits in verschiedenen Tests selbst diese Zugabe noch deutlich überschritten. In unserem Fall waren es mehr als drei Liter und das bei hohem Überlandanteil der Strecke mit nur mäßiger Lastanforderung. Angesichts dessen mag aus Kundensicht die Überlegung sinnvoll erscheinen, ob das 2900 Euro günstigere Modell mit 150 PS nicht ebenso seinen Zweck erfüllt. In den Herstellerangaben liegt der Verbrauch des Evoque TD4 0,8 bis 1,2 Liter unterhalb des SD4. Gewicht kostet bekanntlich Sprit und so mag auch die umfangreiche Ausstattung des Testwagens ihren Teil zum reichlichen Genuss von Dieselöl beigetragen haben. Der Hersteller gibt das Leergewicht mit 1670 Kg an, eine Fachzeitschrift hatte unlängst bei ihrem Testwagen 240 (!) Kilo mehr gemessen.

Dekorative Schaltwippen am Lenkrad

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Nette Spielerei: Beim Aktivieren des Tempomats erscheint eine CO2-Anzeige.

(Foto: Axel F. Busse)

Gut möglich, dass ein Achtgang-Getriebe mit Stopp-/Start-Automatik den Durst des SD4-Autos etwas einschränken würde. Unverständlicher Weise ist es für den Range Rover Evoque nicht verfügbar. Welch gute Dienste es in Zusammenarbeit mit dem 2,2-Liter-Diesel zu leisten in der Lage ist, kann man am Beispiel des Jaguar XF sehr gut sehen. Die für 2330 zusätzliche Euro verbaute Sechsgang-Automatik ist im Evoque jedenfalls kein Quell der Freude. Nicht nur, dass man sich die Gangwechsel sanfter wünschte. Sie ist auch gegen manuelle Eingriffe, frühzeitig eine höhere Fahrstufe zu wählen und so die Drehzahl zu senken, weitgehend immun. Zahlreiche Versuche, zum Beispiel beim gemütlichen Mitschwimmen im Großstadtverkehr um 60 km/h in den 6. Gang zu kommen, verliefen beim Testwagen erfolglos. Die Schaltwippen am Lenkrad haben also eher dekorativen Charakter.

Mannequins trifft man zwar selten auf Klettertouren, aber Range Rover legt großen Wert darauf, dass jedes Allradmodell der Marke über ernst zu nehmende Offroad-Fähigkeiten verfügt. Das ist beim Evoque nicht anders. 1800 Euro beträgt der Preisunterschied zwischen dem Einstiegsmodell und der günstigsten Allradversion. Das bewährte Terrain-Response-System kann per Drehknopf auf unterschiedliche Bodenbeschaffenheiten wie Matsch, Sand oder Schnee eingestellt werden. Der Zugewinn an Traktion und Sicherheit rechtfertigt die Investition zweifellos, zumal dank einer Bodenfreiheit von mehr als 200 Millimetern und einer Wattiefe von 500 Millimetern das Verlassen befestigter Wege nicht an der nächsten Biegung bestraft wird. Wer rechnen muss, lässt lieber die Automatik weg und kauft sich stattdessen den 4x4-Antrieb plus Rückfahrkamera.

Fazit: Noch kein Land- oder Range Rover bisher war so klar als Lifestyle-Produkt definiert wie der Evoque. Außer Angenehmem und Sinnvollem bietet die Preisliste auch reichlich Extras von zweifelhaftem Nutzen wie zum Beispiel Dynamik-Plus-Sportsitze. Während der Dreitürer seine Wirkung vor allem als Showcar entfaltet, bietet der Fünftürer volle Alltagstauglichkeit in einem premium-konformen Ausstattungs- und Qualitätsniveau. Vernunftbegabte Menschen wählen den 150-PS-Diesel und packen das Gesparte in sinnvolle Zusatzausstattung.

 

DATENBLATTRange Rover Evoque 2.2 SD4
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)4,37 m/ 1,97 m/ 1,64 m
Radstand2,66 m
Leergewicht (DIN)1670 kg
Sitzplätze5
Gepäckraum440 l / 1445 l
EmissionsklasseEU 5
Motor/Hubraum4-Zylinder Turbodiesel-Motor mit 2179 ccm Hubraum
GetriebeSechsgang-Automatikschaltung
Leistung190 PS (140 kW)
KraftstoffartDiesel
Bodenfreiheit215 / 240 mm
Böschungswinkel (v/h)25 / 33 Grad
Wattiefe500 mm
AntriebAllradantrieb
Höchstgeschwindigkeit195 km/h
max. Drehmoment450 Nm bei 1750 U/min
Tankinhalt58 l
Beschleunigung 0-100 km/h8,5 s
Normverbrauch (außerorts/innerorts/kombiniert)5,7/ 7,9/ 6,5 Liter
Testverbrauch9,8 l
CO2-Emissionen
(Normverbrauch)
174 g/km
Grundpreis45.900,00 Euro
Preis des Testwagens58.760,00 Euro

Quelle: n-tv.de

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