Praxistest

Großer Nordländer im Test Volvo S90 - Schwede gegen 5er und Co.

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Schön und elegant steht der Volvo S90 auf der Straße.

Holger Preiss

Limousinen sind nicht angesagt, aber mit Blick auf den Volvo S90 möchte man glatt eine Ausnahme machen. Wie gehabt tritt der schöne Schwede mit den kühlen Linien gegen die deutsche Oberklassenkonkurrenz an. Aber kann er am Ende mithalten?

Kein Zweifel. Der Volvo S90 ist ein designtechnisches Meisterstück. Die Limousine besticht durch schlichte Eleganz, an der keine Sicke zu viel ist. Das gilt vor allem, wenn man den Schweden in der Silhouette betrachtet und der Blick über die ewig langen Motorhaube schweift, der weit zurückgesetzten Kabine für die Insassen folgt und sich dann in der Dachlinie verliert, die fast ohne Absatz in den Kofferraum fließt. In den Radhäusern ruhen 19 bis 21 Zoll große Räder und heben den 4,96 Meter langen Schweden auf 1,44 Meter in die Höhe.

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Eigentlich ist der Volvo S90 mehr Coupé als Limousine.

(Foto: Holger Preiss)

Auf Überflüssiges haben die Designer auch an Bug und Heck verzichtet, wobei Erstgenanntes vom "Wasserfall-Kühlergrill" und dem Tagfahrlicht im "Thors Hammer"-Design geprägt wird. Kurz, der große Schwede, der in der Liga von Mercedes E-Klasse und 5er BMW fährt, darf für sich in Anspruch nehmen, sehr eigen zu sein.

Ganz auf den Vierender gebaut

Eigen ist Volvo auch bei den Motoren. Während man in Stuttgart und München in dieser Klasse noch wonnige Reihen-Sechszylinder anbietet, setzt Volvo ganz auf den Vierzylinder. Selbst für seine potente Ausführung, den T6, gibt es nur einen Vierender. Der wird aber mithilfe einer modularen Turbo-Kompressor-Aufladung zu Höchstleistungen beflügelt. Satte 310 PS kitzelt das Pärchen aus den zwei Litern Hubraum. Im Bereich von 2200 bis 5100 Kurbelwellenumdrehungen steht das maximale Drehmoment von 400 Newtonmetern zur Verfügung. Und tatsächlich verhindert die Zusammenarbeit von Kompressor und Turbolader auch das leidige Turboloch.

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Satte 310 PS kitzeln die Schweden aus dem Vierzylinder mit zwei Litern Hubraum.

(Foto: Holger Preiss)

Nicht verhindern kann das Zweigestirn die ungebührliche Lautstärke, mit der das Triebwerk seine Leistungsfähigkeit kundtut, und das stetige Spannen der Schaltübergänge der Geartronic Acht-Gang-Automatik. Jede Stufe wird hier wie ein Gummi gespannt, um dann schlagartig von der Leine gelassen zu werden. Ein Umstand, der besonders dann auffällt, wenn über den Gasfuß spontan Leistung abgerufen wird. Dabei ist es übrigens völlig egal, ob man im Dynamic- oder Comfort-Modus unterwegs ist.

Vielleicht wären hier Schaltwippen ganz hilfreich gewesen, aber die hatte der Testwagen nicht. Dafür bestätigte er trotz der Tritte ins Kreuz seine Leistungsfähigkeit beim Sprint und in der Endgeschwindigkeit. Schlanke 5,9 Sekunden braucht es, um die knapp zwei Tonnen auf Landstraßentempo zu bringen und wenn der Fuß auf dem Pin verweilt, fliegt die digitale Tachonadel ohne Verzögerung bis an die 250. Wer ab und an flott unterwegs ist und den Stadtverkehr nicht meidet, der muss am Ende mit einem Spritverbrauch von über 10 Litern auf 100 Kilometer leben. Im Test waren es exakt 10,3 Liter.

Viel Raum ohne Ablageflächen

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Der Innenraum des Volvo ist schwedisch kühl und sehr gut verarbeitet. Das helle Interieur ist ob seiner Empfindlichkeit nicht zu empfehlen.

(Foto: Holger Preiss)

Während aber das Benzin durch die Schläuche rauscht, kuscheln sich die Insassen in die unnachahmlichen Polster des Schweden und genießen das aufgeräumte Innendesign mit wenigen Knöpfen und einem die Mittelkonsole prägenden Bildschirm mit einer Größe von 138 x 183 Millimetern. Das ist eine um 14 Prozent größere Fläche als das 12,3-Zoll-Display mit Tacho, Drehzahlmesser und allen anderen fahrrelevanten Daten. Ob die Bedienung des Touchscreens intuitiv ist, möge jeder für sich selber entscheiden. Navigation und Medien befinden sich auf dem Hauptbildschirm in der oberen Hälfte, Telefon und ausgewählte Apps oder Funktionen darunter. Wer die Fahrassistenten wie zum Beispiel die Einparkhilfe bemühen möchte, wischt nach rechts, wer andere Dienste wie Apple CarPlay oder Park & Pay sucht, nach links.

Während man also mit etwas Übung Dinge auf dem Monitor recht schnell findet, sucht man größere Ablageflächen im S90 vergeblich. So gibt es in der Mittelkonsole keinen Platz für das Smartphone, es sei denn, man versenkt es unter der Armablage oder blockiert die Becherhalter. Ein davor gelagertes Fach ist so klein, dass hier kaum das Kleingeld für den Parkautomaten deponiert werden kann. Auch die Versorgung mit Getränken könnte auf längeren Fahrten schwierig werden, denn die Fächer in den Türinnenseiten nehmen kaum 0,33-Liter-Flaschen auf. Das ist schade, denn zum einen bietet der S90 nicht nur ausreichend Platz in der zweiten Reihe, er offeriert mit 500 Litern Fassungsvermögen auch reichlich Stauraum im Kofferraum und empfiehlt sich so als Langläufer.

Fast schwebend

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Die Sitze sind ein Traum und der Platz in der zweiten Reihe ist mehr als ausreichend.

(Foto: Holger Preiss)

Hinzu kommt beim Testwagen das adaptive Luftfahrwerk an der Hinterachse, das für 1970 Euro optional geordert werden kann. Im Zusammenspiel mit den elektronisch gesteuerten Dämpfern filtert der Schwede so auch grobe Unebenheiten aus der Straße. Zudem verbessert es die fahrdynamischen Eigenschaften. Der T6, der serienmäßig mit Allradantrieb fährt und ohnehin eine fantastische Straßenlage hat, bekommt hier im Zusammenspiel mit der elektromechanischen Servolenkung noch einmal mehr Stabilität. Gerade bei schnellen Kurvenfahrten ist der Pilot überrascht, wie spurtreu die Limousine ihre seine Bahn zieht und wie angenehm direkt die Rückmeldung über die Lenkung ist.

Natürlich kann man den S90 beim Kauf entsprechender Assistenten auch fast alleine seine Bahn ziehen lassen. Vorausgesetzt, man hat in der Optionsliste sein Häkchen richtig gesetzt und den Pilot Assist geordert. Der hält das Auto bis zu einer Geschwindigkeit von 130 km/h auch dann in der Spur, wenn kein anderes Auto vorausfährt. Allerdings ist die Geschwindigkeit eher auf schwedische Autobahnen denn auf hiesige Schnellstraßen zugeschnitten. Die deutsche Konkurrenz lässt hier ein Tempo von bis zu 210 km/h zu. Hierzulande hilft dann auch die automatische Beschleunigung ab 70 km/h bei Überholmanövern kaum.

Sinnvoller erscheint da schon der Kreuzungs-Bremsassistent, der ebenso serienmäßig verbaut ist wie die "Oncoming Lane Mitigation". Was nichts anderes bedeutet, als das zwischen 60 und 140 km/h ein Lenkeingriff erfolgt, wenn der Fahrer den Mittelstreifen überfährt. Gleiches kann der S90 übrigens beim Überfahren des Randstreifens. Allerdings kommt hier dazu, dass das System auch die Gurte strafft, um die Insassen bei einem möglichen Aufprall fest im Sitz zu halten. Auch die Verkehrszeichenerkennung soll an dieser Stelle Erwähnung finden. Die funktioniert nämlich nicht nur erstaunlich zielsicher, sie erkennt zudem, wenn der Fahrer ein "Einfahrt-Verboten"-Schild passiert und lässt ein entsprechendes Symbol aufblinken. Das ist besonders effizient, wenn das Head-up-Display geordert wurde, das seine Informationen gestochen scharf in die Frontscheibe projiziert.

Verzerrter Blick

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Die verzerrte Ansicht der Front- und Heckkamera auf dem Display ist im Fahrbetrieb mehr als irreführend.

(Foto: Holger Preiss)

Eine echte Katastrophe ist hingegen die Darstellung der 360-Grad-Kamera auf dem Bildschirm. Das eigene Fahrzeug nimmt sich neben anderen aus wie Gulliver im Land der Riesen. Ansonsten sind alle Gefahrenquellen wie zum Beispiel Poller, Mülltonnen oder Fußgänger bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Wie man eine solche Darstellung zulassen kann, ist nicht nachvollziehbar.

Wer den S90 wie beschrieben ausstattet, wird unter dem Strich knapp 77.000 Euro stehen haben. Verglichen mit Mercedes und BMW kommt der Schwede aber dennoch recht preiswert daher. Die Stuttgarter nehmen für eine ähnlich ausgestattete E-Klasse 4000 Euro mehr und in München verlangt man für einen 5er mit Stufenheck etwa 2000 Euro mehr. Insofern ruht der Volvo ganz souverän darunter und kann bei einer Probefahrt potenzielle Käufer überzeugen, die sich finanziell nicht gar so weit aus dem Fenster lehnen müssen.

Fazit: Der S 90 ist für Limousinen-Liebhaber durchaus eine Alternative zu Mercedes oder BMW. Neben einer erstklassigen Verarbeitung überzeugt der Schwede durch ein tadelloses Fahrverhalten und eine wunderbar klare Optik. Eingebremst wird der Nordländer durch seine eigenwillige Kameradarstellung, sehr zurückhaltende Geschwindigkeitsvorgaben für die Assistenten, einen etwas lauten Motor und dieses Gummiband in der Kupplung.

DATENBLATTVolvo S90 T6 Inscription
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)4,96 / 1,89 / 1,44 m
Radstand2,94 m
Leergewicht (DIN)1930 kg
Sitzplätze5
Ladevolumen500 / 1149 Liter
MotorReihenvierzylinder mit 1969 ccm Hubraum
Getriebe8-Gang-Geartronic
Systemleistung Verbrennungs- und E-Motor310 PS (228 kW) ab 5700 U/min
KraftstoffartBenzin
AntriebAllradantrieb
Höchstgeschwindigkeit250 km/h
Tankvolumen95 Liter
max. Drehmoment (Systemleistung)400 Nm / ab 2200 - 5100 U/min
Beschleunigung 0-100 km/h5,9 Sekunden
Normverbrauch (kombiniert)7,6 - 7,7 Liter (NEFZ)
Testverbrauch (kombiniert)10,3 Liter
CO2-Emission kombiniert177 - 179 g/km (Euro 6d-Temp)
Grundpreis63.350 Euro
Preis des Testwagens76.940 Euro

Quelle: n-tv.de

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