Leben

One Woman Show 2020 mit Würde beenden, geht das?

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Ist eh nicht gesund, zu viel kalte Luft durch den Mund einzuatmen!

(Foto: dpa)

Kein Jahresrückblick - noch nicht. Eher ein Ausblick auf den Rest dieses merkwürdigen 2020, das die ganze Welt verändert hat. Die Kolumnistin hat sich mal Gedanken gemacht, wie wir das Ding noch möglichst gut über die Bühne kriegen.

Es ist, wie es ist, das Jahr neigt sich tatsächlich dem Ende entgegen. Es verging erstaunlich schnell. Keine Angst, ich mach' jetzt noch nicht auf Jahresrückblick, aber der Sommer ist definitiv vorbei, in der Schweiz schneit es, man bereitet sich auf die Skisaison vor - so Gott und Corona wollen. Die Wörter "Beherbergungsverbot" und "Sperrstunde" sind (wieder) in unserem täglichen Sprachgebrauch angekommen. Man kann nicht in den Urlaub fahren, wohin man möchte, manche Länder und Bundesländer wollen zum Beispiel keine Berliner oder Hamburger. Anderen wiederum ist das schnurzpiepegal, zum Beispiel den gastfreundlichen und geschäftstüchtigen Südtirolern.

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Ist das wirklich das geeignete Mittel, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern?

(Foto: imago images/Christian Ohde)

Und bevor gleich die angedeuteten Ideen kommen, noch ein anderer Gedanke, auch wenn das hier kein "Wünsch dir was"-Text ist: Einige Politiker dürfen gern mal Überlegungen ihren Ruhestand betreffend machen, denn sie haben ja augenscheinlich eh keinen Bock mehr, auch nur irgendetwas zu erreichen außer Verwirrung. Beispiel "Sperrstunde": Einfach ein Verbot verhängen, mehr könnwanichtun (Sie merken, es geht um Berlin). Von außen betrachtet - juchhuh, da bin ich gerade - ist das alles so eine Katastrophe (nicht so krass wie von drinnen betrachtet, aber anders krass eben, weil peinlich), was da passiert, unter anderem eben in der so geliebten Hauptstadt, die angeblich nicht in den Griff zu bekommen ist.

Anstatt also die Restaurants geöffnet zu lassen, den Wirten und den Gästen die Chance zu geben, sich gepflegt und relativ zivilisiert die Kante zu geben, wird es jetzt wieder auf die eigenen vier Wände, "Underground" und spontane Partys im Park - das kann Berlin, ist aber gerade nicht angebracht - hinauslaufen. Das ist gar nicht zu kontrollieren und wird für großes Tohuwabohu sorgen.

"Es könnte alles so einfach sein, ist es aber nicht"

Das wussten schon die Fantastischen 4. Nochmal kurz zum Thema Verreisen: Wenn also brave Menschen, die sich in den letzten, ungewöhnlichen Monaten nichts haben zuschulden kommen lassen, wenn die sich die ganze Zeit korrekt verhalten haben und nun nicht in den Urlaub fahren können (und damit sind ja nicht mal die Malediven, sondern nur MeckPomm und ähnliche funky Reiseziele gemeint) in den Herbstferien mit den Kindern, wenn man denen sagt "dann macht es euch doch zu Hause gemütlich", dann ist das ein so heuchlerischer Mist vom Allerfeinsten.

Denn der Mensch MUSS MAL RAUS aus seinen vier Wänden, andere Horizonte sehen, vor dem Winter nochmal Licht tanken, und Luft, und nein, das geht nicht immer gut im Grunewald oder auf den Feldern von Lübars. Nicht alle haben eine Datsche am Tegeler See, nicht alle haben genug Platz, manche haben nicht mal einen Balkon. Wenn um eine Stadt herum gleich ein anderes Bundesland ist, in das man nicht darf, dann wird das schwer mit dem Erholungsgefühl. Viele Menschen haben sehr viel gearbeitet übers Jahr, weil ja schon die Sommerferien nicht so waren wie sonst. Der Städter braucht dringend Berge und Meer! Der Hotelier braucht Gäste, der Restaurantbetreiber braucht Hungrige, die Busbetriebe Reisende und die Flugbranche, ach lassen wir das, ich wollte ja gar nicht meckern, das ist immer am einfachsten, sondern konstruktiv werden.

Was also mit dem Rest des Jahres noch anfangen, ohne vor Wut oder Frust zu platzen? Wenigstens hat man nun in unseren sonst recht krisensicheren Breiten ein ganz klitzekleines bisschen das Gefühl dafür bekommen, wie es ist, wenn man NICHT WILLKOMMEN ist. Ein ganz mieses Gefühl, gell? Jetzt aber los.

Gebrauchsanweisung für den Rest des Jahres

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Mit breiten Schultern kann man und frau der Welt besser trotzen.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Ich fang mal mit der Mode an, weil das so offensichtlich ist jeden Morgen, wenn man sich fragt: "Was ziehe ich bloß an?" Irgendwas mit Schulterpolstern am besten, um die Widrigkeiten des Tages an sich abprallen zu lassen. Und Kaschmir oder etwas anderes Kuscheliges, um sich selbst ab und zu liebevoll über den Unterärmel zu tätscheln und sich der Wohligkeit des eigenen Daseins zu versichern.

Bei Freunden sollte man sich fragen: Wer sind meine neun Liebsten? Denn zu zehnt drinnen - das wird schnell eng. Auch bei der Familie mal eben den Faktencheck durchführen und fragen, wie viel bucklige Verwandtschaft zu Weihnachten anrücken darf - denn wir feiern aller Wahrscheinlichkeit nach im kleinen Kreis. Damit die Enttäuschung nicht zu riesig wird, besser jetzt schon durchzählen.

Was mir persönlich sehr helfen würde, wäre, die "Maske" endlich als Accessoire zu begreifen und nicht nur als nötiges Übel. Dass das zu unserer neuen Normalität gehören soll, will mir zwar nicht immer in den Kopf, aber ja, ich trage das Ding auf jeden Fall überall wo nötig, damit ich mir den Rest Freiheit erhalten kann, wo ich sie dann nicht tragen muss. Zum Beispiel draußen, wie in anderen Ländern bereits üblich. Lektionen in Dankbarkeit! Auch etwas, was man immer mal wieder bemühen darf: dankbar sein für das, was man hat, und nicht ständig nach dem, was man nicht hat, schielen. Ich übe noch.

Einen Grundkurs in Toleranz - den schenk ich mir auf jeden Fall zu Weihnachten selbst. "Die Kunst, die Nerven zu behalten", "Contenance in Covid-Zeiten" oder "Auf Du und Du mit AHA" - ich brauch' das! Denn ja, auch wenn mir meine Freiheit fehlt, so wie ich sie kenne, heißt das ja noch lange nicht, dass ich meiner Grundrechte beraubt wurde. Also bitte nochmal Gehirn anschalten, falls Aluhutträger unter den Lesern sein sollten!

Was noch lernen für den Rest dieses merkwürdigen Jahres? Verzeihen können wäre cool. Zum Beispiel denen, die vielen Menschen die Herbstferien versaut haben, weil sie mit ihrem rücksichtslosen Verhalten über den Sommer dazu beigetragen haben, dass die Maßnahmen wieder hochgeschraubt wurden. Den Politikern verzeihen, die so lasch gehandelt haben, als wären sie alle mit Perwoll gewaschen. Wenn Ihnen das nicht gelingt, grämen Sie sich nicht, es ist die Königsdisziplin. Üben Sie dann erstmal, sich selbst zu verzeihen, noch immer nicht alles aufgeräumt zu haben. Jetzt aber anfangen, die Pläne vor dem Winter noch in die Tat umsetzen und hoffen, dass die erwachsenen Kinder nicht wieder einziehen müssen. Sie dürfen natürlich trotzdem jederzeit kommen, aber deren Leben soll doch bitte auch losgehen!

Träumen geht immer

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Es kann sicher nicht schaden, sein Rad selbst reparieren zu können.

(Foto: imago/Westend61)

Ich möchte unbedingt milder werden, auch mit mir selbst, anfangen zu stricken, malen, meditieren, Yoga, joggen. Lächeln. Noch mehr Fahrrad fahren. Gut für die Wirtschaft und die Kultur wäre es, CDs oder Platten oder einzelne Songs zu kaufen, Konzerte, Theater, Kino, Museen und Galerien zu besuchen, auch, wenn es anders ist als früher. In dem Fall sogar schöner, weil leerer wegen der Zeitfenstertickets.

Man könnte auch versuchen, seine Nachbarschaft zu erkunden und die Umgebung mit neuen Augen zu sehen, zum Beispiel am Halloween-Abend. Bitte nicht vergessen, ein besonders großes Körbchen mitzunehmen, damit die Süßigkeiten aus zwei Metern Abstand hineingeworfen werden können!

Investieren Sie in ein Tee-Service, kaufen Sie viele Kerzen, machen Sie sich eine leckere und gesunde Kürbissuppe, gehen Sie Kastanien sammeln! Eine in jeder Hosentasche soll gut gegen Rheuma sein. Sie haben schon zwei Kastanien? Mist, tut mir leid, aber wir wollten hier ja konstruktiv sein statt destruktiv, also was noch? Unterstützen Sie den Buchhandel! Kaufen Sie Romane, Sachbücher, Bildbände, träumen Sie sich in ferne Welten. Eines Tages können Sie da wieder hin, ganz bestimmt! Sie haben bereits ein Buch - dann schreiben Sie doch selbst eins! Oder wie wäre es mit Botanik oder Psychologie studieren? Die Natur hilft immer, und die eigene Psyche zu verstehen kann nicht verkehrt sein! Mal was Krisensicheres: Lernen Sie, das Fahrrad selbst zu reparieren! Und jetzt nicht falsch verstehen - das ist keine weitere To-do-Liste, sondern soll nur der Inspiration dienen.

Bitte niemals aufhören, Pläne zu machen! Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Wie wäre es mit: Experimente wagen? Etwas tun, was man schon immer tun wollte. Kilimandscharo fällt aus, deswegen vielleicht was ganz Verrücktes: Die anderen grüßen, die auch auf den Fahrstuhl warten. Der hohle Blick, der Ihnen entgegengebracht wird, ist normal, keine Sorge. Aber Sie, Sie werden sich besser fühlen, beschwingt, über den Dingen stehend. Oder wie wär's damit, ein bisschen spiritueller zu werden? Es ist nicht alles grundverkehrt, was in so einem Ratgeber steht, der sich mit der Sternenkunde auseinandersetzt oder uns lehrt, wie man dem Wind lauscht.

Ganz wichtig: Sport! Was Neues lernen! Sie beherrschen Golf und können Tennis? Dann machen Sie doch mal Pilates. Oder einen Kopf- oder Handstand. Lernen Sie Radschlagen. Niemand muss Sie dabei sehen!

Immer bedenken: Nichts aufschieben, jetzt machen! Mit Silberbesteck vom guten Geschirr essen, die teure Handtasche aus dem Staubbeutel holen und benutzen, bloß nicht schonen, Patina ist was Feines. Außerdem muss der Mensch damit leben, dass er morgen schon tot sein könnte. Also, wollen Sie das Cabrio mit ins Grab nehmen? Oder Ihren Traum davon? Los, offen fahren, Mütze auf, Heizung an! Den Moment genießen. Von Partys träumen und zwischendurch eben allein oder zu dritt tanzen. Freunde anrufen, von denen Sie lange nichts gehört haben, mal nachfragen, was los ist. Andererseits sich fragen, ob man die, die einem nur Energie rauben oder einen verärgern, wirklich in seinem Leben braucht.

Was noch, auf den letzten Metern 2020? Silvester 2019 vergessen! Ich hatte mir echt zu viel davon erhofft, dass sowas wie "die geilen Zwanzigerjahre anbrechen". Wir sollten wohl mal genau hingucken, was den Zwanzigern vor 100 Jahren gefolgt ist. Deswegen jetzt aufpassen, dass wir nicht - wieder - ins Verderben rennen.

Also bitte: Augen auf, alle Sinne auf Empfang, Empathie einschalten, mit anpacken, und dann werden wir diese Zeit bestmöglich hinter uns bringen.

Gerne zügig. Cheers.

Quelle: ntv.de