Leben

One Woman Show Moria hat auch mit Moral zu tun

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"Möchtet ihr lieber Käse oder Avocadocreme auf euren Schulbroten?" (Falsche Bildunterschrift, mit Absicht)

(Foto: picture alliance/dpa)

Ich könnte über Sex schreiben. Oder Nazis. Das macht sich in der Überschrift immer gut, wird halt geklickt. Ich hab' aber keinen Bock, über Sex zu schreiben, das können andere besser. Ich hab' Bock, über den Verfall der guten alten Moral zu schreiben.

Am Wochenende habe ich Freundinnen getroffen, die ich nicht oft sehe. Wir haben exquisit gegessen und getrunken, wir saßen in einem französischen Restaurant in Berlin-Charlottenburg. Im Laufe des Spätsommerabends wurde es dann doch etwas "chilly" draußen, der Herbst machte sich bemerkbar, man hängte sich ein Kaschmir-Schälchen über die Schultern und zog sich noch später dann nach drinnen zurück, es wurde einfach zu kühl. Ich sagte so etwas wie: "Schön, dass wir die Möglichkeit haben, reinzugehen, hat ja nicht jeder." Der Startschuss für eine ungewohnt ernste Auseinandersetzung am Samstagabend des Gallery Weekends, voller Eindrücke und noch mit dem abgestandenen, aber irgendwie geilen Mief des Berghains umgeben, war gegeben. Es entwickelte sich eine recht ernsthafte, fast harte Diskussion über aktuelle Themen, die mir den ganzen Sonntag noch in den Knochen hing. Da konnte auch die Sonntagsonne nicht gegen anscheinen, mich schon gar nicht erwärmen.

Wir kamen an dem Abend im Restaurant jedenfalls vom Hundertsten ins Tausendste, von "alten weißen Männern" - eine zugegeben fiese Herabwürdigung und Gleichmacherei machohaftester Art, ich entschuldige mich sehr dafür bei Freundin 1, die diesen Begriff bei mir monierte - zu den Kindern in Moria/Lesbos. Und dann, wie auch immer, zu der Frage: 150 Kinder aufnehmen? 400 Kinder? 12.000 Menschen? Die Zahlen sind beliebig, es geht nur um die Dimension. Bin ich ein hoffnungsloser Idiot, eine verblendete Sozialromantikerin, unbelehrbare Idealistin, einfach ein absoluter Vollpfosten, wenn ich finde, dass mein Land durchaus in der Lage ist, alle Menschen von dieser Insel der Unglückseligen zu retten? Wenn Europa, dieses verschlafene Fürstentum-Sammelsurium, es nicht schafft, eine gemeinsame Lösung zu finden, ist es dann nicht durchaus okay, wenn in Deutschland Stimmen laut werden, die fordern, endlich zu handeln, statt alles auszusitzen, abzuwarten und Kinder letztendlich an vermeidbaren Krankheiten wie Durchfall verrecken zu lassen oder einer weiteren kalten, hungrigen Nacht auszusetzen?

Bin ich naiv, wenn ich denke, dass jeder Mensch ein Recht auf ein gutes Leben hat? Sollten Kinder nicht gefördert statt ständig nur gefordert werden? Kann ich was dafür, dass ich Glück hatte mit meinem Geburtsort? In der richtigen Zeit? Kann jemand anderes was dafür, in Syrien, Afghanistan oder im Libanon geboren zu werden? Zum falschen Zeitpunkt? Ist es ausreichend, sich nur an der Schule des eigenen Kindes einzubringen, damit die Kinder bestärkt, erzogen und gelehrt werden, wie das Leben geht? Während andere Kinder noch nicht einmal lesen und schreiben lernen können? Was sage ich da: Nicht einmal in Sicherheit ins Bett gebracht werden können! Reicht es, einen Straßenhund zu retten?

Warum immer wir?

Ich habe leider keine Top-Lösungen für die Probleme dieser Welt, ich weiß auch, dass 12.000 oder mehr Flüchtlinge in Deutschland die rechten Ränder unserer Gesellschaft noch größer, noch dicker, noch aggressiver machen werden. Und dass das wiederum ein innerdeutsches politisches Desaster nach sich ziehen kann. Aber was ist wichtiger: Politik oder Menschenleben? Wahlergebnisse oder Moral?

Moral bedeutet laut Wörterbuch übrigens die "Gesamtheit von ethisch-sittlichen Normen, Grundsätzen und Werten, die das zwischenmenschliche Verhalten einer Gesellschaft regulieren, die von ihr als verbindlich akzeptiert werden". Könnten Sie nun die Frage: "Verhält Deutschland sich jetzt moralisch?" mit einem eindeutigen Ja beantworten?

Na klar, viele argumentieren jetzt: "Warum immer wir? Warum muss Deutschland immer alles machen, retten, aufsammeln?" Keine Sorge, ich komme jetzt nicht mit "unserer alten Schuld" von vor 70 bis 80 Jahren. Die brauchen wir gar nicht mehr, weil wir gerade nämlich soviel neue Schuld auf uns laden, dass wir die sowieso nicht mehr stemmen könnten. Und die alte Schuld ist irgendwie auch tatsächlich abgelaufen. Aber rettet uns das blanke Wissen um die alte Schuld davor, dass wir jetzt wieder neue auf uns laden? Haben wir was gelernt? Außer, dass wir "2015 nicht wiederholen" wollen?

Viele fragen, was machen denn die anderen Länder? Jetzt sind die doch mal dran mit der Rettung dieser Menschen. Ich sage dann, dass mir die anderen Länder so was von egal sind, denn wenn die nicht aus dem Quark kommen, dann müssen "wir" wohl ran. "Ja, aber Europa", kommt dann, "wir müssen doch an einem Strang ziehen!" Das dauert mir aber zu lange, und auch dieses Europa ist mir ausnahmsweise mal wirklich egal, wenn es nicht handelt. Immerhin wurden aus den anfänglichen 150 Kindern inzwischen 1500 weitere Migranten, es soll sich um 408 in Griechenland bereits als schutzbedürftig anerkannte Familien von mehreren griechischen Inseln handeln, die nach Deutschland kommen dürfen.

Wer möchte schon einem unterernährten, unterkühlten, traumatisierten Kind erklären, persönlich, Aug' in Aug', dass es weitere Nächte ohne Dach, nicht einmal einem Zelt über dem Kopf, ausharren muss, während man sich in den reichsten Ländern der Welt nicht einig werden kann? Mit Heizung und Klimaanlage im Plenarsaal oder Haus, Häppchen auf den Tellern und Federkernmatratzen unter dem Hintern lässt es sich ja auch vortrefflich schachern.

Nachtrag: Meine gute Freundin 2 schrieb mir am Tag darauf, dass sie unsere Diskussion konstruktiv und mich gar nicht so aggressiv fand, wie ich mich selbst. Wir müssten ja nicht immer einer Meinung sein, fand sie. Das ist richtig, und ich danke sehr dafür, dass es möglich ist, in diesem Land so vielfältige und andere Meinungen äußern zu dürfen. Im Warmen. Satt. Und deswegen nochmal die Frage: Wenn man grob gerechnet 12.000 Asylsuchende auf 80 Millionen Menschen rechnet, dann wäre rund jeder Siebentausendste persönlich von einem Asylbewerber "betroffen". Wäre das nicht auszuhalten? Gar zu schaffen?

Quelle: ntv.de