Leben

Männer? Die Kolumne. Beziehungstipps aus der Hölle

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Auch die beiden sind bestimmt gar nicht so gleichberechtigt, wie sie aussehen.

(Foto: imago images / Westend61)

Coaching ist gerade schwer angesagt. Davon bleibt natürlich auch die Liebe nicht verschont. Das Perfide dabei: Selbsternannte Frauenversteher rühren einen pseudowissenschaftlichen Brei an, der nur schwer verdaulich ist und ein Frauenbild zeichnet, das unfassbar eklig ist.

Vor ein paar Monaten habe ich mal darüber geschrieben, wie sehr es mich irritiert, dass es in Frauenzeitschriften eigentlich immer eine Rubrik gibt, in der Frauen anderen Frauen erklären, wie Männer ticken und was sie wollen - und was für ein riesengroßer Quatsch das in meinen Augen ist. In einem kurzen Absatz am Ende des Textes erwähnte ich dann noch fix, dass es das natürlich andersherum auch gibt, auch wenn es in Männerzeitschriften - wer hätte das gedacht - vor allem um Sex und weniger um Liebe geht.

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Das passiert, wenn man seine Frau nicht im Griff hat - zumindest, wenn man der Coachinglogik folgt.

(Foto: imago images / PhotoAlto)

Eigentlich wollte ich das Thema deshalb auch gleich im nächsten Monat wieder aufgreifen und mal von der anderen Seite her betrachten - aber wie so häufig kam dann das Tagesgeschäft dazwischen und ich verlor die Sache aus den Augen. Bis ich vor ein paar Tagen mal wieder den Fehler gemacht habe, alles zu googeln, was mir unter die Tasten kam - und dabei etwas entdeckt habe, gegen das die platten Liebestipps der Männerzeitschriften beinahe hochwissenschaftlich anmuten: Lifecoaches mit dem Spezialgebiet Liebe.

Perfider pseudowissenschaftlicher Ansatz

Coach darf sich jeder nennen, die Berufsbezeichnung ist nicht geschützt. Das führt unweigerlich dazu, dass die Kompetenzskala nach oben, vor allem aber nach unten weit ausschlägt. Wer mit Suchbegriffen wie "Frauen verführen" oder "Frau schüchtern ansprechen" arbeitet, stößt dabei auf Seiten wie "Attractiongym", "Dating-Psychologie" oder "Casanovacoaching", die im Grunde genommen alle nach demselben Schema funktionieren: Frauen sind im Selbstverständnis der Coaches Jagdobjekte, die mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln gestellt und überwältigt werden müssen. Die Mittel dafür: List, Lügen, Manipulation.

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Sieht für normale Augen wie eine friedliche Szene aus, ein Coach würde darin aber wahrscheinlich eine Falle vermuten.

(Foto: imago images / Westend61)

Das Schärfste daran ist, dass die selbsternannten Liebesexperten noch nicht einmal versuchen, ihre krummen Methoden mit hübschen Worten zu verschleiern. Die Youtube-Videos und Onlineartikel mit teils sechsstelligen Zugriffszahlen haben tatsächlich Titel wie "Wie du Frauen manipulieren kannst, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben" oder "Wie du Frauen dazu bringen kannst dir hinterherzulaufen". Dass sich der letztgenannte Text auf der Seite von "Dating-Psychologie" findet, finde ich besonders perfide: Alleine das "Psychologie" im Titel suggeriert ja schon eine wissenschaftliche Grundlage für ein Verhalten, das in der Konsequenz dazu führt, eine Abhängigkeit aufzubauen - und keine gleichberechtigte Beziehung.

Der pseudowissenschaftliche Ansatz scheint dabei den allermeisten Coachingseiten gemein zu sein - oder zumindest allen, die ich besucht habe. Im Kern geht es immer darum, dass Frauen - und zwar alle ohne Ausnahme - berechnende Wesen sind, die uns testen, wo sie nur können. Sie spielen mit uns Männern, und dem können wir nur Einhalt gebieten, indem wir sie dominieren und uns untertan machen. Das ist nicht nur eine ziemlich paranoide Weltsicht - das Frauenbild, das daraus resultiert, ist unweigerlich ein ziemlich ekliges. Beispiel gefällig?

Zutiefst hässliches Frauenbild

Klaus von Attractiongym will verstanden haben, wie man Frauen beeindruckt. Den Artikel auf seinem Blog leitet er mit einer kleinen Geschichte ein, der Anfang geht so: "Kannst du meine Handtasche kurz halten?", fragt sie mich. Dabei sieht sie mich mit großen Augen an und spitzt ihre Lippen auf die süßeste Art und Weise. "Direkt neben dir ist eine Bank", sage ich schmunzelnd. "Dort kannst du sie draufstellen." "Du bist so ein Arsch!", entgegnet sie mir, doch ihre Worte widersprechen ihrer Körpersprache. Sie kann nicht verstecken, dass sie heimlich beeindruckt ist. […] Ich bemühe mich eben selten um eine Frau. Ein kluges Pferd springt nicht höher, als es muss.

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So oder so ähnlich müssen Frauen aus der Perspektive vieler Beziehungscoachs aussehen: heiß, aber brandgefährlich.

(Foto: imago/Panthermedia)

Klaus möchte damit sagen, dass es wichtig ist, Grenzen zu setzen, weil ein Mann so attraktiver und interessanter wirkt. Das Schlimme daran: Grenzen sind tatsächlich ein ungeheuer wichtiges Instrument, um glückliche Beziehungen zu unterhalten - nicht nur in der Liebe. Aber jeder Mensch ist anders und wo ich vielleicht schon früh meine Grenzen abstecken muss, um mich noch wohlzufühlen, haben andere mehr Spielraum. In jedem Fall aber ist es eine ziemlich deprimierende Vorstellung, in einem der geschütztesten Beziehungsräume überhaupt ständig Spielchen spielen zu müssen. Wo können wir denn mal wir selbst sein, wenn nicht bei der Frau, die wir lieben?

Je tiefer ich mich in die Materie einlese, desto stärker bin ich davon überzeugt, dass solche "Ratgeber" verdammt gefährliches Material sind. Zum einen, weil die Hilfesuchenden sich nach etwas sehnen. Wer sich nach etwas sehnt, ist bedürftig. Und wer bedürftig ist, lässt sich leichter manipulieren. Zum anderen, weil ich ob des zutiefst hässlichen Bildes von der manipulierenden, testenden und stets berechnenden Frau den Gedanken nicht loswerde, dass die Coaches häufig Männer sind, die ihre eigenen Enttäuschungen und Unzulänglichkeiten auf diese Weise ausagieren wollen. Mit Sicherheit sind auch ein paar Typen dabei, die es besser wissen und einfach nur mit den Nöten ihrer gequälten Mitmenschen Reibach machen wollen. Und das finde ich fast noch ekliger.

Frauen sind auch nicht besser

Der Vollständigkeit halber sollte ich vielleicht noch dazu sagen, dass es im selben Stil auch "Ratgeber" für Frauen gibt. Es sind deutlich weniger und ich habe auch keine Seite gefunden, die wissenschaftliche Methoden für sich in Anspruch nimmt - aber das Männerbild, das dort teilweise gezeichnet wird, ist auch nicht wirklich besser als auf der anderen Seite des Geschlechtergrabens: "Männer sind primitiv, aber glücklich", heißt es auf der Startseite von "Entsingelung". Und weiter: "Sie wollen Männer verliebt machen? Verführen Sie sie mit Ihrer Weiblichkeit! Reden wird überbewertet." Und ganz zum Schluss: "Männer verstehen - das wünschen sich Männer gar nicht." Na, wenn das so ist …

Quelle: n-tv.de

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