Leben

Männer? Die Kolumne. Brauchen Jungs einen Vater?

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Ein Idealbild - aber kein unerreichbares.

(Foto: imago images/Westend61)

Welche Familienkonstellation Kindern am besten tun, darüber lässt sich vortrefflich streiten. Vor allem die Rolle des Vaters - und ob man ohne nicht besser dran ist - lässt sich nicht so einfach beantworten. Unser Autor hat allerdings eine klare Meinung dazu.

Ich weiß manchmal erst, dass ich an einem schwierigen Thema sitze, wenn ich mal wieder eine gefühlte Ewigkeit über einem passenden Einstieg brüte. So wie diesmal, es soll um die Frage gehen, wie wichtig eine Vaterfigur für die Entwicklung von Jungs tatsächlich ist. Eine einfache Antwort, so viel schon mal vorab, gibt es nicht, sie war und ist immer auch ein Spiegel des Zeitgeistes und der Umstände. Vor allem ist sie aber, wie der beliebte Beziehungsstatus bei einigen sozialen Netzwerken, "kompliziert".

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Fehlt der Vater, fühlen sich die zu füllenden Fußstapfen oft gleich nochmal eine Spur größer an.

Je nachdem, wo man hinschaut, findet man an vielen Stellen grundverschiedene Erklärungsmodelle, die für sich genommen alle mehr oder weniger Sinn ergeben: Dass Jungs eine Vaterfigur brauchen, um sich an ihr orientieren zu können, klingt logisch. Dass vor allem der Feminismus der ersten Generationen die Überzeugung vertrat, dass genau diese Vorbildfunktion gefährlich für Söhne sei, ist allerdings auch nachvollziehbar: In den 60ern und 70ern waren die Erinnerungen an die - von Männern vom Zaun gebrochenen und geführten - Weltkriege schließlich noch ganz frisch.

Heute ist die Sicht auf die Dinge differenzierter, der "gute" oder "schlechte" Einfluss von Männern ist am Ende eben auch nur einer von vielen Faktoren bei der Erziehung eines Kindes. Wie entscheidend er ist, darüber gehen die Meinungen so weit auseinander, dass man bei der Suche nach den richtigen Antworten schon mal verzweifeln kann. Wer seine eigene Wahrheit herausfinden will, ist indes nicht ganz auf sich alleine gestellt: Ein realistischer Blick auf die eigene Biografie und der Austausch mit anderen können helfen. So war es jedenfalls in meinem Fall.

Körperlich und geistig anwesend

Rund 20 Prozent der Kinder in Deutschland wachsen ohne Vater auf. Das sind eine ganze Menge väterlose Söhne. Mich zu diesen 20 Prozent dazuzuzählen, darauf wäre ich früher nie gekommen - schließlich war mein Vater bis zu meinem 18. Lebensjahr ein Teil der Familie, erst danach ist er ganz aus unserem Leben verschwunden. Erst als ich in den vergangenen Jahren begann, mich intensiver mit meiner eigenen Familiengeschichte zu beschäftigen und mich dabei durch die einschlägige Literatur wühlte, fiel mir immer wieder ein Satz auf, der so oder so ähnlich formuliert war und mir zu denken gab: "Man mag es als Vater noch so gut meinen und noch so liebevoll zu seinem Sohn sein, die Voraussetzung für gelungene Erziehung ist die Anwesenheit des Vaters."

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Gemeinsame Unternehmungen sind wichtig - es muss ja nicht gleich Paragliden sein.

(Foto: imago/Westend61)

Es dauerte eine Weile, bis ich verstand, warum genau dieser Satz so heftige Reaktionen bei mir auslöste. Ein langes Gespräch mit meiner Mutter brachte schließlich die Lösung: Über weite Strecken meiner Kindheit und Jugend war sie im Prinzip alleinerziehend, weil mein Vater oft mehrere Wochen am Stück für seinen Beruf unterwegs war. Wenn er dann da war, verschwand er oft im oberen Stockwerk, wo ihn niemand stören durfte - der Konzentration wegen. Ab und zu war er dann aber sowohl körperlich als auch geistig anwesend, was für meine Geschwister und mich das Größte war: Dann konnten wir mit ihm die tollsten Abenteuer erleben. Das starke Bild des Spaßvaters, mit dem man Pferde stehlen konnte, war es auch, das lange Zeit meine bewusste Erinnerung ausfüllte. Es war allerdings, wie ich heute weiß, ein trügerisches Bild, mein Unterbewusstsein fühlte sich nämlich trotzdem wie ein Trennungskind - mit allen Konsequenzen.

Diverse Studien zeigen: Jungs, die ohne Vater aufwachsen, haben ein gesteigertes Risikoverhalten, zeigen mehr psychische Auffälligkeiten, oft ein mangelndes Selbstwertgefühl und sind generell aufsässiger - was zu erhöhten Raucherquoten, Problemen in der Schule, zu Schlaflosigkeit, Hyperaktivität und emotionalen Problemen im Allgemeinen führt. Tatsächlich habe ich in unterschiedlichem Ausmaß Erfahrung mit allen beschriebenen Punkten, auch wenn jeder Einzelne natürlich auch andere Gründe haben kann. Dass ich sie - bis auf die Schlaflosigkeit - alle überwunden habe, hängt meiner Meinung nach allerdings stark damit zusammen, dass mein Geist sich überhaupt erst mit der Sache an sich beschäftigen durfte.

Eingefahrene Strukturen

Passiert ist dadurch etwas Erstaunliches: Alleine meine Beschäftigung mit dem abwesenden Vater, der vor mittlerweile fast 15 Jahren dann tatsächlich die Familie verließ, hat dazu geführt, dass die schmerzliche Lücke verschwinden konnte. Die Tiefenpsychologin Marga Kreckel hat das mal von der anderen Seite betrachtet und dazu ganz treffend formuliert: "Bleibt der Vater für den Sohn das unbekannte Wesen, so bleibt der Sohn auch sich selbst fremd." Dass das nicht sein muss und sich auch später noch auflösen lässt, zeigt mein Beispiel.

Ich kann jedem Mann nur ans Herz legen, die eigene Beziehung zum Vater kritisch zu durchleuchten, auch wenn vielleicht auf den ersten Blick alles in Ordnung scheint. So oder so gibt es dabei viel zu lernen - auch und vor allem über die Art und Weise, wie wir selbst mal Väter sein wollen. Denn wie keine andere Generation vor uns haben wir die Chance, selbst etwas an den eingefahrenen Strukturen zu ändern, in denen viele von uns immer noch gefangen sind: 36 Monate Elternzeit erlaubt das Gesetz, Elterngeld gibt es immerhin für ein volles Jahr. Und trotzdem nimmt der durchschnittliche Mann gerade mal zwei Monate davon in Anspruch, vor allem aus finanziellen Gründen. Die Frage ist nur: Wem nützt all das Geld, wenn uns unsere eigenen Söhne (und Töchter) fremd bleiben? Ich habe meine Entscheidung jedenfalls schon getroffen - vollgeschissene Windeln hin oder her.

Quelle: ntv.de