Leben

Virtual-Reality-Pornos Das Gefühl, bei fremdem Sex dabei zu sein

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Top oder Flop? Sex-Toys, die via Internet gesteuert werden.

(Foto: imago)

Die Porno-Industrie verändert sich ständig. Auch hier ist der technische Fortschritt nicht aufzuhalten. Wie nah kann man beim Akt als Fremder dabei sein, wie intensiv ist die Immersion? VR-Brillen liefern eine Antwort.

Die 68er-Bewegung steht unter anderem für freie Liebe, Frauen, die keine BHs mehr trugen und nackte Menschenmassen auf Musikfestivals. Vom damaligen Blickpunkt betrachtet waren die 68er der notwendige Befreiungsschlag aus dem konservativen Korsett der Gesellschaft, der wie eine Welle der Freiheit durch eine ganze Generation rauschte. Heute wirkt die sexuelle Revolution, wie sie unsere Eltern erlebten, fast schon niedlich. Wir sind umgeben von Sex und Nacktheit. Vor allem nackte Frauen begegnen uns nahezu überall: im TV, in den sozialen Medien, in der Werbung. Nacktheit ist der ultimative Verkaufsschlager, selbst wenn das beworbene Produkt nicht das Geringste damit zu tun hat. Die Werbung verkauft mit nackten Testimonials Schuhe, Cremes, sogar Lebensmittel.

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Ist die virtuelle Realität die Zukunft der Pornoindustrie?

(Foto: imago)

Man könnte fast meinen, unsere ach so freizügige Gesellschaft ist nicht nur auf-, sondern auch über alle Maßen hinaus abgeklärt, gar abgebrüht. Unser Alltag ist regelrecht sexuell durchtränkt. Sexuelle Freiheiten lauern überall, sogar auf dem Schulhof. Ich glaube, ich muss hier nicht mehr auf die Gefahren hinweisen, wenn die Aufklärung unserer Kinder nur vermehrt durch Internet-Pornos stattfindet. Aufklärung funktioniert heute nicht mehr wie vor 20, 30 Jahren, als man unter der Bettdecke in den Seiten von "Dr. Sommer" in der "Bravo" blätterte und es als Tabu galt, auch nur im Ansatz über Masturbation zu sprechen. Sex ist gut und schön. Aber bitte nicht zu sehr ins Detail gehen, lautete die Devise.

"Das Ende der Fahnenstange" für die Pornografie?

Neulich habe ich mit ein paar Freunden und Kollegen über Pornos diskutiert. Manche waren der Meinung, die Filme trügen eine immense Mitschuld an der sexuellen Unterdrückung der Frau, andere wiederum fanden, man dürfe Hardcore-Sexfilme nicht per se verteufeln. Wenn wir über Pornos reden, dann meinen wir damit hauptsächlich die Filme, die online zugänglich sind und die in den letzten Jahren vermehrt Zulauf fanden.

Fast vergessen sind die Videokabinen bei "Beate Uhse", der geheimnisvolle Bereich hinter einem oft sehr hässlichen Vorhang in Videotheken oder die Zeitschriften, die man unauffällig an der Tankstelle zur Quittung dazulegte. Dabei findet Pornokonsum seit ewigen Zeiten statt. So schreibt die Sexualtherapeutin Heike Melzer in ihrem Buch "Scharfstellung": "Über die gesamte Geschichte hinweg wurde so gut wie jede technische oder mediale Erfindung auch dazu genutzt, die Pornografie weiterzuentwickeln und zu verbreiten." Keine wirkliche Sensation also, dass Historiker des antiken Pompeji jede Menge an die Wände gemalte obszöne Sexszenen fanden.

In Deutschland ist die Pornografie seit 1975 legal. Heute ist dieser Markt einer der größten weltweit. Es gibt, salopp gesagt, nichts, was es nicht gibt. Aber bedeutet das nicht langfristig auch, dass irgendwann eine gewisse Stagnation einsetzt, oder wie Melzer es nennt: "Das Ende der Fahnenstange" für die Pornografie erreicht ist? Mitnichten. Aber was kommt als Nächstes?

360-Grad-Pornos und ferngesteuerte Sex-Toys

Die Technik entwickelt sich rasant. Was heute als unvorstellbar gilt, ist bereits morgen nichts Besonderes mehr. Schon jetzt setzt die Porno-Industrie vermehrt auf VR-Brillen, Geräte, mit denen man in die virtuelle Realität eintauchen kann - eine interaktive, computergenerierte Umgebung in Echtzeit, eine "Matrix light" sozusagen. Stichwort: 360-Grad-Pornos. Allein die Vorstellung erhöht jedem Porno-Produzenten die Pulsfrequenz. Es wird nicht mehr lange dauern, da werden Porno-Konsumenten sich einen eigenen Avatar erstellen können, um damit in einer virtuellen Porno-Welt frei zu interagieren. Auftakt für ein Cyber-Universum, das in puncto Vorlieben alle Vorstellungen sprengen wird.

Längst verfügen die großen Player über eigene VR-Kategorien. Zu einer Nische dürfte das Thema Teledildonic gehören - noch. Hierbei wird das Sexspielzeug via Internet ferngesteuert. Mit dem Netz verbundene Sex-Toys mögen aktuell in den Kinderschuhen stecken und mit dem klassischen Pornokonsum nicht mithalten können, dennoch suchen immer mehr Konsumenten gezielt nach den Keywords: VR, 360-Grad-Porno und Teledildonic.

Pornozukunft im VR-Universum

Virtual Reality ist in der Porno-Industrie also längst keine Zukunftsmusik mehr. Schon jetzt werden Filme aus der Perspektive der agierenden DarstellerInnen gedreht. Ist man also im Besitz einer VR-Brille, kann man virtuell nahezu gefühlt lebensecht mitten bei der Handlung dabei sein. Man kann sich im Raum umschauen, an die beteiligten Protagonisten herantreten, quasi nebenan auf dem Sofa sitzen. Ein nächster Schritt könnte sein, dass Porno-Konsumenten aktiv ins Geschehen eingreifen. Und siehe da, auch das gibt es im Ansatz bereits! In diesem Zusammenhang sei den Neugierigen eine Szene aus dem Science-Fiction-Thriller "Projekt Brainstorm" aus dem Jahr 1983 ans Herz gelegt. Ein visionärer Film, in dem ein Akteur seinem VR-Headset eine optische Sexschleife hinzufügt und an dem so generierten Dauer-Orgasmus fast zugrunde geht.

Nicht zu unterschätzen: VR-Brillen können sensiblen Menschen oft Kopfweh und vor allem Übelkeit bereiten. Bei einigen Benutzern treten Symptome der Reisekrankheit auf. Ingwer soll wohl Abhilfe verschaffen, hilft aber nicht bei jedem. Die Porno-Zukunft im VR-Universum wird also nicht für jeden funktionieren. Ein positiver Nebeneffekt jedoch wäre, wenn Frauen, die mit einer solchen Brille in einem virtuellen Raum unterwegs sind, die Handlung aktiv mitgestalten. So könnten sie Protagonisten, die Frauen misogyn penetrieren, (wie man es von Pornos aus männlicher Perspektive leider zuhauf kennt), mal so richtig schön die Meinung geigen. Denn ein Wunsch in all den Zukunftsszenarien bleibt: Dass Frauen endlich nicht mehr nur als Ware, sondern als Menschen behandelt und betrachtet werden, die das Recht haben, die gleiche Lust zu empfinden wie ihre männlichen Artgenossen.

Quelle: ntv.de