Leben

Weder Pilger noch Aussteiger "Das Laufen hat mich verwandelt"

Uli Hauser_Geht doch_schöne Wege.jpg

Am liebsten ging Uli Hauser auf alten Wanderwegen.

Uli Hanser

100 Tage lang ist Uli Hauser gelaufen. Quer durch Deutschland und am Ende sogar bis nach Rom. Einfach, weil er das schon lange tun wollte. Er wurde dafür reich belohnt.

n-tv.de: Sie waren insgesamt etwa 100 Tage unterwegs. Was war in dieser Zeit Ihr vorherrschendes Gefühl?

Uli Hauser: Das war das Gefühl, dass ich permanent belohnt werde. Schon allein dafür, losgegangen zu sein. Und das Gefühl, dass sich dieser vermeintliche Gegensatz zwischen Kopf und Körper auflöst. Ich hatte mich ein bisschen mit dem Gehen beschäftigt und eine Physiotherapeutin hatte sich meinen Gang angeschaut und mir gesagt, was alles nicht so gut funktioniert. Wir haben im Körper sehr viele Muskeln, die nicht benutzt werden. Das hat sich bei mir jetzt nicht dramatisch verändert, aber ich habe beim Laufen gefühlt, dass mein Körper mehr bewegt wird als bisher. Ich hatte dieses Flow-Gefühl, ich war nicht mehr dagegen, sondern dafür. Ich ging immer nach vorn und fühlte mich im Einklang. Das haben auch Leute, die meditieren oder Leute, die viel Sport machen. Ich war auch voller Vertrauen, das war schön, richtig kitschig. Morgens nur zu wissen, in welche Richtung du willst und dass es gut wird.

Wie genau war denn Ihr Plan, durften Sie nur laufen?

Uli Hauser_Geht doch_ barfuß unterwegs.jpg

Hauser nahm sich für seine lange Wanderung eine Auszeit.

(Foto: Uli Hauser)

Es gibt Leute, die laufen nach Plan und wissen, wann sie wo sind. Das bin ich nicht. Ich war manchmal abends um acht immer noch 20 oder 10 Kilometer vom nächsten Ort entfernt. Wenn ich nicht mehr konnte, nach 30 oder 40 Kilometern, habe ich den Daumen rausgehalten. Dann haben mich Leute mitgenommen. Zwischendurch bin ich auch Zug gefahren.

Woher kam eigentlich der Impuls für das Laufen?

Es gab keinen Schicksalsschlag, der das ausgelöst hat. Ich hatte zwei erfolgreiche Bücher geschrieben und der Verleger wollte gern ein weiteres. Als ich dann gesagt habe, ich möchte lieber zu Fuß durch Deutschland gehen, meinte er: Hast du denn wenigstens eine Krise? Da wurde ich ein bisschen ärgerlich: Warum kann man sich nicht gesund fühlen und dann so etwas machen? Warum muss man das immer aus dem Negativen begründen? Und dann hat mein schönes Auto seinen Geist aufgegeben und ich bin zum Bahnhof gelaufen, das war der Beginn.

Aber die Idee rumorte doch schon länger in Ihnen, oder?

Ich bin schon als Kind losgezogen und war immer draußen. Das habe ich allerdings erst später begriffen. Ich habe mir schon als junger Mann gesagt, ich will durch Deutschland gehen. Das war ein Wunsch, so wie andere sich ein Fahrrad oder ein Auto kaufen. Ich bin jetzt 25 Jahre Reporter und wollte mir selbst eine kleine Auszeit schenken. Ich bin weder Pilger noch Aussteiger, ich bin einfach nur gern draußen. Ich merkte, dieses ganze Rumsitzen ist nichts für mich. Und dann kam noch dazu, dass in diesem Job die Zeit so unfassbar schnell verrinnt. Da hatte ich die Idee, Schritt für Schritt zu gehen und vielleicht ein neues Verhältnis zur Zeit zu entwickeln. Ich bin ein Typ, der in der Situation lebt.

Geht doch!: Wie nur ein paar Schritte mehr unser Leben besser machen
EUR 20,00
*Datenschutz

Während wir miteinander sprechen, laufen Sie. Wohin?

Ich laufe jetzt von zu Hause zum Hafenrand in Hamburg, zum "Stern".

Wie lange brauchen Sie dafür?

Ungefähr 40 Minuten, mit dem Fahrrad oder der U-Bahn wären es 20. Es gibt ja Leute, die rechnen sich immer alles aus. Das mache ich einfach mal mit und rechne: Ich habe 20 Minuten Zeit draußen gewonnen, bewege mich und kann dabei noch telefonieren.

Sie haben sich sehr intensiv mit Ihren Füßen beschäftigt - warum?

Das Problem war, dass ich mich überanstrengt habe. Ich hatte in meiner Überzeugung super Schuhe, mit denen habe ich mich wie ein Bergvagabund gefühlt. Aber das war Quatsch, die Schuhe waren für fünf, sechs Tage gut. Eigentlich waren sie aber zu eng und das haben die Zehen nicht mehr ertragen. Als ich dann bei einem orthopädischen Schuhmacher war, sagte der, schau dir mal deine Schuhe an. Von da an habe ich darauf mehr geachtet und trage jetzt auch größere Schuhe.

Was denn für welche?

Heute habe ich wirklich Schuhe an, das erste Mal seit Wochen keine Sandalen. Ich habe mir ja beim Wandern ein Holzstück eingetreten, da musste ich dann auf Zehenspitzen über die Alpen gehen. Ich finde auch nur schwer Schuhe für mich, meine Füße haben sich irgendwie weiterentwickelt.

Auf Ihrer Wanderung hatten Sie eine sich ständig verändernde Top drei der tollsten Wege. Wie sieht die gerade aus?

Es kommt natürlich immer auf die Stimmung an. Aber auf jeden Fall ist der Weg dabei, der mich am Ende auf Rom zu geführt hat. Ich hatte das nicht erwartet, ich wusste nicht, dass man von einer Seite mit dem Petersdom im Blick praktisch über leeres Feld läuft. Der Höhepunkt war sicher die Alpenquerung mit dem Septimer-Pass. Das ist ein unglaublich schönes Hochtal, kaum begangen, erst recht nicht befahren. Das war von der Natur her großartig und sehr beeindruckend. Was ich auch toll fand: Das Wiesengebiet hinter München mit ganz vielen Seen und Mooren bis zum Bodensee. Da konnte ich so im Wasser patschen wie ein Kind.

Sie waren viel allein, haben aber auch immer wieder Menschen getroffen. Waren diese unerwarteten Begegnungen so eine Art Bonusgeschenk?

Ja, sicher. Ich bin oft gegangen und habe gedacht, wer schreibt mir heute wieder das Drehbuch um? Wer begegnet mir und warum? Ich hab mich fallen lassen in den Schritt und ich habe mich gehen lassen. Ich habe mich aber auch schicken lassen. Wenn Leute gesagt haben, geh mal da hin, habe ich das gemacht. Das war Vertrauen, das finde ich als Idee auch toll. Da konnte ich mich ausprobieren und wurde nicht enttäuscht.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sie bereit waren, sich zu verwandeln. Haben Sie sich verwandelt?

Ich bin jetzt 55 Jahre alt und denke, dass ich eher ein großer Junge bin. Vielleicht wollen das Männer immer sein. Ich habe noch nicht ganz verarbeitet, was da mit mir passiert ist. Und ich weiß auch nicht, wie weit das noch trägt. Aber es ist eine bereichernde Erkenntnis, dass ein jeder losziehen und sich jeden Tag ein wenig mehr bewegen kann. Und ich habe mich, glaube ich, wirklich verwandelt.

Mit Uli Hauser sprach Solveig Bach

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema