Leben

Aus der Schmoll-Ecke Das Virus, der Wahnsinn und die Geldgier

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Hamsterkäufe, leere Regale in Supermärkten - die Coronavirusangst geht um.

(Foto: picture alliance/dpa)

Den Deutschen kann man es nie recht machen. Ständig jammern sie über ihre Leibesfülle und probieren Diäten aller Art. Nun decken sie sich mit Nudeln ein, um keinen Hunger zu leiden. Dies und andere Beobachtungen aus einem Land der Panik.

Tagebucheintrag, Robinson Schmoll, zurzeit noch wohnhaft auf der Insel der Glückseligen, 6. März 2020: "Muss mich zügeln, auch beim Kacken. Habe nur noch 687 Rollen Klopapier. Mein Proviant geht ebenfalls zu Ende. Mir bleiben noch 240 Packungen Nudeln, 98 Flaschen Ketchup und 132 Tütensuppen. Die letzte Wasserflasche ist alle, muss wohl ab morgen Desinfektionsmittel saufen. Habe davon immerhin noch 476 Flaschen. Schrecklich: Müsli und Joghurt sind alle, im Nutella-Glas schimmert der Boden durch. Muss dringend zum Supermarkt. Hoffentlich überlebe ich den gefährlichen Ausflug zum Edeka, 250 Meter durch vermintes Gelände. Überall lauert der Tod. Nein, besser nicht. Dann lieber Verzicht und was gegen den Klimawandel tun."

Ha, Freundinnen und Freunde des kolumnistischen Manifests, alles frei erfunden. Einfach ausgedacht. Alles Fake. Ich führe gar kein Tagebuch und esse kein Nutella. So geht sie, die Lüge in Zeiten des Coronavirus. Und Sie? Wie fühlen Sie sich gerade? Geht es Ihnen so wie mir? Ich lese Coronavirus und fange sofort an zu husten, führe meine Hand erst zur Stirn, um Fieber zu messen, und dann - den Sterbenden gleich - vielleicht ein allerletztes Mal zur Brust, um selbstdiagnostisch meinen Zustand zu erkunden. Hat es mich schon erwischt? Bin ich jetzt "ein Fall"? Hurra, ich lebe! Aber nur, weil ich alle Regeln des Robert-Koch-Instituts brav wie ein Musterschüler befolge und mein Leben als Stadteremit gerade zur Perfektion bringe. Ich bin vorsichtig, sehr vorsichtig.

Lieber Messie als tot

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Des Schmolls neue Kleider.

(Foto: picture alliance/dpa)

Dafür nehme ich, sonst ein wahrer Ästhet und Freund der Hochkultur, sogar den Preis der Hässlichkeit in Kauf. Gummianzug und Gasmaske sind meine treuen Begleiter. Ohne sie bewege ich mich nirgendwo mehr hin. Ich fühle mich pudelwohl in ihnen. Ich esse, natürlich mit Handschuhen und obendrein desinfizierten Händen, nur noch Bananen, weil sich die möglicherweise virusinfizierte Schale einfach abstreifen und das Klo hinabspülen lässt. Verließ ich früher, wo alles virusfreier war, nur die Wohnung, wenn es gar nicht anders ging, setze ich nun endgültig keinen Fuß mehr vor die Tür. Den Müll staple ich in meiner Wohnung - denn man weiß nie, ob das Virus nicht hinterlistig, wie es ist, an der Mülltonne wartet und zuschlägt. Peng! Zack! Puff! Aus die Maus. Kommt nicht infrage. Lieber Messie als tot.

Lüften? Das war einmal. Die Rahmen meiner Fenster sind mit Klebeband abgedichtet, damit sich der Feind nicht durch die Ritzen mogeln kann. An den Glasscheiben steht in gelber Leuchtschrift: "Du musst draußen bleiben!", "Vorsicht, bissiger Hund!" und "Virus Refugees not welcome! Go home!" China ist ein sicheres Herkunftsland. Nenn' mich gerne einen Egoisten. In meinem Körper kriegst du Bösewicht trotzdem kein Asyl. Geh dahin zurück, wo du hergekommen bist. Ich will dich hier nicht.

Steht irgendwo "Post", lese ich: Pest. Pakete und Fanpost aus China nehme ich momentan nicht entgegen. Die Farbe der Post ist gelb - wie die der Chinesen. Ich bin bisher kein Verschwörungstheoretiker gewesen, aber das kann kein Zufall sein, dass beides, Post und Chinesen, in unverdächtigem Gelb daherkommt, da müssen doch die Illuminaten mitgemischt haben. Oder die Indoktrinierten, Illusionisten, Instrumentalisten, Inaktiven, Inkontinenten, Intoleranten, Illustratoren, Indiskutablen, Ingolstädter, Imker, Immunologen, Impressionisten oder irgendeine andere dieser ominösen Geheimorganisationen, die mit dem Buchstaben i anfangen und virusflächenbrandgefährlich sind. Lieber Gott, erbarme dich unser!

Selbst Gott ist überfordert

Aber nun, oh Schreck, ausgerechnet in diesen schweren Zeiten ist sogar Gott unerreichbar, schließt seine Häuser auf Erden. Gottesdienste fallen aus, Kirchen bleiben leer. Man darf sich nicht mal mehr die Pfoten zur Versöhnung geben. Kein Wunder, dass die Welt immer übler wird, wenn selbst Gott überfordert ist und seine Pforten schließt. Das Himmelreich auf Erden befindet sich jetzt dort, wo es niemals jemand erwartet hätte: in Sachsen-Anhalt. Von wegen ein Teil Dunkeldeutschlands. Nein - dort, in diesem stolzen Land der Unangesteckten, glimmt das letzte Lichtlein der Hoffnung. Dort wird das Virus nicht reingelassen, obwohl es bestimmt schon am Grenzzaun gerüttelt hat. Bravo, Sachsen-Anhalt! Bleibt tapfer, halte deine Grenzen dicht, sei christlich, aber lass niemanden aus falscher Barmherzigkeit rein.

Ich vermute daher, dass die ARD ihren jüngsten "Deutschlandtrend" zu 75 Prozent in Sachsen-Anhalt erstellen ließ. Drei Viertel der Befragten machen sich der Umfrage zufolge keine kleine oder große Platte wegen einer Ansteckung. Nicht mal ein Viertel, ganze 17 Prozent, haben mittelschweren oder riesigen Bammel. German Angst - das war einmal. Aber warum sind dann die Restaurants überall wie ausgestorben? Warum macht der "Tagesspiegel" eine Überschrift "Hunderte Familien im Ausnahmezustand", wenn drei Schulen in Berlin geschlossen wurden? Wenn das zum Ausnahmezustand führt, was ist dann, wenn alle 773 Schulen der Stadt dichtmachen müssten? Warum gibt es die Hamsterkäufe und all die Diebstähle von Desinfektionsmitteln und Atemschutzmasken in Krankenhäusern? Klauen und kaufen nur die 17 Prozent? Verstehe ich nicht.

Mundschutzmasken wie Drogen

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Dass es mancherorts keine Barilla-Nudeln gab, lag eher am Preis, nicht an Corona.

(Foto: picture alliance/dpa)

Immerhin haben die Freizeit-Prepper - ich finde, Freizeit-Prepper ist ein schönes Wort - Markenbewusstsein. Dachte ich jedenfalls, weil die Barilla-Nudeln überall ausverkauft waren zu einer Zeit, als ich das Haus noch verließ. Von wegen Markenbewusstsein. Selbst da wurde ich enttäuscht. Barilla und einige Supermarktketten streiten mit dem Nudelhersteller über Geld. Geht es denn immer nur um Kohle? Ja.

Kürzlich schickte mir eine Freundin per Whatsapp - mein Handy ist bisher virenfrei - einen Artikel, der bei dem lustigen Portal Bento.de erschienen ist. Es handelt von einem gewissen Timo, der billig eingekaufte Mundschutzmasken aus China hierzulande für ein Heidengeld vertickt. Das Stück lief unter der Rubrik "Gerechtigkeit" und hieß: "Wie ein 24-Jähriger mit Mundschutzmasken Millionen Umsatz machte." Timo wird wie folgt zitiert: "Das ist wie Drogenhandel. Ich weiß nicht, wie die Margen im Drogenhandel sind, aber so stell ich es mir vor." Ein Wahnsinn ist das. Lieber Gott, wenn es dich noch gibt, mach deine Pforten wieder auf und richte über Timo, den gierigen Sünder, der OP-Zubehör mit Heroin und Crystal Meth vergleicht und Dinge verhökert, die Kliniken und Arztpraxen dringend benötigen. Das ist nicht clever, sondern so ätzend wie das Virus selbst.

Quelle: ntv.de