Leben
Jede Bewegung des Neurochirurgen muss präzise sitzen.
Jede Bewegung des Neurochirurgen muss präzise sitzen.(Foto: imago/Westend61)
Sonntag, 06. Mai 2018

Arbeit am offenen Schädel: Der Schnittmacher

Von Finn Tönjes

Peter Vajkoczy muss jeden Tag aufs Neue eine ruhige Hand beweisen. Sie ist lebenswichtig. Der Neurochirurg an der Charité arbeitet mit Werkzeug, das kaum größer ist als ein Daumennagel. Sein Spezialgebiet: das menschliche Hirn.

Die Narkose wirkt bereits. Der Patient ist zugedeckt. Auch sein Gesicht ist verhüllt. Neurochirurg Peter Vajkoczy desinfiziert seine Hände. Seine braunen, lockigen Haare verschwinden unter seiner Haube. Die Assistenz legt ihm den OP-Kittel um. Als er den Saal betritt, richten sich die Augen auf ihn. "Guten Morgen, Chef". Er grüßt freundlich zurück.

Der Patient liegt bereit. Regungslos im kühlen, gleißenden Licht. Der Geruch von Desinfektionsmittel erfüllt den OP-Saal der Charité in Berlin-Mitte. Die Vorbereitungen sind abgeschlossen. Das gerade einmal millimetergroße Operationswerkzeug liegt exakt auf dem Operationstisch angeordnet. Monitore zeigen ein vergrößertes Bild des Operationsbereichs. An einer weißen, kahlen Wand ist das MRT-Bild des Patienten zu sehen. An seinem Scheitel bleibt eine kleine Fläche unbedeckt, kaum größer als ein DIN-A5-Blatt. Von dort aus wird der Neurochirurg einen Bypass legen. Direkt im Gehirn.

Im OP-Saal ist Peter Vajkoczy der Chef.
Im OP-Saal ist Peter Vajkoczy der Chef.(Foto: Nadja Heindl)

Neurochirurgische Eingriffe sind heutzutage keine Seltenheit mehr, obwohl laut statistischem Bundesamt Behandlungen dieser Art im Jahr 2015 bloß 1,1 Prozent aller Verfahren in deutschen Krankenhäusern ausmachten. 2016 registrierte das Amt knapp 230.000 Patienten, die sich in einer vollstationären, neurochirurgischen Behandlung befanden. Die insgesamt sechs Neurochirurgen der Charité führen nach eigenen Angaben im Jahr rund 5.200 Eingriffe durch. Am häufigsten operieren sie an Gehirntumoren.

Training, immer wieder Training

Der Monitor des Elektrodiagramms zeigt, dass das Herz normal schlägt. Der Patient ist stabil. Nach nur wenigen Sekunden fällt das Piepen nicht mehr auf. Die Musik tritt in den Vordergrund. Es läuft "Havana" von Camila Cabello. Lateinamerikanische Musik. "Klassische Musik bei der Operation finde ich albern - das ist etwas fürs Fernsehen", sagt Vajkoczy. Am liebsten höre er während der Operationen Rockmusik.

Der Chirurg setzt zum Schnitt an. Seine Hände legt er während der OP kein einziges Mal ab. Ziel der Operation ist es, eine Arterie aus dem Gehirn des Patienten zu entfernen. Wenn das nicht gelingt, wird er höchstwahrscheinlich einen Schlaganfall erleiden und schlimmstenfalls sterben. Trotzdem arbeitet Vajkoczy völlig ruhig.

Stück für Stück arbeitet sich der Neurochirurg vor. Fingerfertigkeit im wahrsten Sinne. Für ihn ist es nichts Besonderes. "Das ist alles Training, immer wieder Training", sagt er. Die Arterie ist nur wenige Millimeter dick. Vajkoczys Hände scheinen sich auf den ersten Blick überhaupt nicht zu bewegen. Doch auf den Monitoren ist zu sehen, dass jeder Schnitt des 49-Jährigen präzise sitzt. Es ist erst die zweite von insgesamt sieben Operationen an diesem Tag.

Neurochirurg Peter Vajkoczy.
Neurochirurg Peter Vajkoczy.(Foto: Charité Berlin)

Seine Ausdauer kommt nicht nur vom Training, sondern auch von der Passion für den Beruf. "Es ist ein Gebiet mit einer wunderschönen, detailreichen Anatomie", schwärmt er. Seit Beginn seiner Tätigkeit als Neurochirurg im Jahr 1995 ist Vajkoczy, wie er selber sagt, "on Fire". Seit 2007 leitet er die neurochirurgische Abteilung der Charité. Zweifel, dass das Gebiet nicht das richtige sei, habe er in seiner Karriere nie gehabt, sagt er.

Die mehrstündige Operation verläuft erfolgreich. Vajkoczy konnte dem Patienten die Arterie entfernen. Er vernäht mit kaum sichtbaren Fäden die Wunde. Inzwischen ertönt ein Partyhit aus der Musikbox: "Friends" von Justin Bieber. Zeit zu verschnaufen bleibt dem Chirurgen nicht. Er muss sofort weiter in den nächsten OP-Saal. Auf dem Weg dorthin ballt er immer wieder die Fäuste - und entspannt die Hände dann wieder.

Keine Rituale - nur Vorbereitungen

"Ich habe vor einer Operation keine bestimmten Rituale", sagt er. "Ich gehe vorher beim Händewaschen die OP Schritt für Schritt durch." Der nächste Eingriff am Gehirn ist eine Gefäß-Operation. Unter den Kollegen sei das die beliebteste, weil es dort wenig Blut und dafür mehr von der beeindruckenden Anatomie zu sehen gäbe, merkt der Neurochirurg lächelnd an. Bei dem Eingriff unterbricht er die Blutversorgung des betroffenen Gefäßes im Gehirn. Die Klemmen dafür sind kaum größer als eine Fingerkuppe.

Nicht nur handwerklich, auch zwischenmenschlich ist der Mediziner immer wieder gefordert. Ein älteres Paar kommt zu einer ambulanten Sprechstunde. Der Mann klagt über Schwindel und das ausgerechnet vor dem Urlaub, in den er und seine Frau Ende der Woche fahren möchten. Ob sie ihn antreten können, ist ungewiss. Der Chirurg deutet an, dass ein stationärer Aufenthalt von Nöten sein könnte. Der Mann ist sichtlich niedergeschlagen. Aber Vajkoczy möchte ihm die Hoffnung nicht endgültig nehmen. Sie würden in Kontakt bleiben, meint er zum Abschied und klopft dem Patienten aufmunternd auf den Rücken. Für einen kurzen Moment lächelt der Mann.

Der Arbeitstag des Fachchirurgen endet mit den ambulanten Patientensprechstunden. Rund elf Stunden springt Vajkoczy an diesem Tag zwischen den Operationssälen und seinem Büro hin und her. Der Stress ist ihm nicht anzumerken. Zeit für lockere Sprüche zwischen den Operationen findet er aber trotzdem immer. Was ihn jeden Tag aufs Neue motiviert? "Meine Patienten. Das ist mein Antrieb."

Quelle: n-tv.de