Leben

In Vino Verena "Der Zahn-Faschismus geht um"

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Das Wichtigste wäre doch, keine Zahnschmerzen haben, oder?

(Foto: picture alliance / blickwinkel/S. Ziese)

Hollywood-Lächeln, Bleaching und Zähne wie aus der Klon-Fabrik. Wer beim Öffnen seines Mundes kein Gebiss mit dem Charme von frisch gefallenem Schnee entblößt, wird immer öfter schief angesehen. Unsere Kolumnistin über den um sich greifenden Zahn-Wahn.

Liebe Leserinnen und Leser, haben Sie sich heute schon die Zähne geputzt? Lassen Sie uns über Zähne plaudern! Ich habe nämlich ein bisschen das Gefühl, dem Zahn-Wahn anheimzufallen, natürlich nur, was die Pflege der geliebten Pfeffis betrifft, wie mein Vater die Beißerchen immer nannte. Zu viel Pflege, habe ich mir sagen lassen, soll auch nicht gut sein. Aber ich denke mir, lieber einmal mehr geputzt, als einmal zu wenig. Ja, gut, ich übertreibe es ein bisschen mit meinen Zähnen. Passen'se auf, heute habe ich für Sie eine 1A-Zahnstory. Ich sehe mich mit dieser Kolumne übrigens als Zahnvorreiter. Wehe, morgen steht nix im "Spiegel" davon! Zähne sind so wichtig. Alles hängt mit ihnen zusammen: die Seele, die Psyche, unsere Organe.

Offen gestanden, das aber nur am Rande, bin ich ein bisschen sauer auf Gott. Ich finde, der hat, was das menschliche Gebiss betrifft, etwas geschludert. All die Nerven und Wurzeln und Verbindungen: Also, wenn ich Gotts Werkunterricht-Lehrerin gewesen wäre, hätte ich ihm für diese Leistung definitiv nur eine 3- gegeben. Wohingegen Gott bei der Erschaffung des Revolvergebisses, wie es die Haie haben, in puncto Kreativität einen sehr guten Lauf hatte.

Ich verstehe natürlich, dass die Gebissanatomie des Menschen so ausgelegt ist, dass wir eben eher in Beeren beißen als wie die geliebten Stubentiger mit 50 km/h durch die Prärie zu flitzen, auf der Jagd nach Piepmätzen. Ein ständiger Zahnwechsel, so vermutlich Gottes Gedanke, sei einfach zu aufwendig. Dabei bekommen manche Haiarten bis zu 2400 neue Zähne pro Jahr. Es muss dann eine Kommission gegeben haben, die Gott gefragt hat, ob er schon mal was von Nachhaltigkeit gehört hat und zack, hat er so drastische Einsparungen vorgenommen, dass im Kiefer eines Erwachsenen gerade 32 Zähne Platz fanden.

"Meine Zähne sind mir raus geplumpst!"

Vielleicht bin ich, was meine Zähne betrifft, etwas traumatisiert. Nicht, weil ich schlechte Erfahrungen beim Zahnarzt gemacht habe, sondern weil mir wohl so mancher Traum nachzuhängen scheint, in dem mir sämtliche Zähne aus der Gusche gepurzelt sind. Einmal stand ich im Traum an einer Bushaltestelle und winkte meinem Vater, der im Bus davonfuhr. Als ich lächelte, war da, bis auf einen schiefen Schneidezahn, auf den ich neulich mal ganz lieb angesprochen worden bin, kein Zahn mehr in meinem Mund. In der Traumdeutung gilt der Komplett-Zahnverlust als Symbol für einen schweren Verlust, den man im realen Leben erleidet. Aber mir sind im Traum auch schon die Zähne ausgefallen nur, weil mir im echten Leben mein olles, verrostetes Fahrrad geklaut wurde. Womit ich sagen will, dass ich versuche, diese ganze Zahn-Nummer locker (haha, kleiner Wortwitz) zu sehen.

Folgende Geschichte möchte ich Ihnen unbedingt erzählen! Ein Zahnarzt hat mal zu mir gesagt, man solle sich, wenn es um die eigene Zahn-Geschichte geht, auch immer die Zähne seiner Eltern anschauen. Da ließe sich Einiges ableiten. Vielleicht entstand so das Trauma. Denn mein Vater, geboren 1947, verlor sehr früh einige seiner Zähne. Die Gründe dafür liegen teils in seiner Kindheit. Er lief dann eine Zeitlang mit so einem hässlichen Provisorium durch die Walachei. Ich erinnere mich an einen eiskalten Wintertag, an dem die ganze Familie in Aufruhr war, weil wir unseren Kater nicht finden konnten. Der Kater hieß Pinky und war schneeweiß. Weil es zuvor die ganze Nacht geschneit hatte und uns der Schnee bis zu den Kniekehlen reichte, waren wir in Sorge, der Kater würde im Schnee verschüttgehen.

Während meine Mutter, mein Bruder und ich durch den Schnee stapften, hielt Vater am Fenster die Stellung. So eine Sicht von oben birgt ja bei der Suche zusätzliche Chancen. Immerzu rief er: "Pinky, Piiiiiiinkyyyyy!" Dabei muss er sich verschluckt haben, jedenfalls fiel ihm die Brücke raus und landete irgendwo unterm Vordach. "Meine Zähne", rief der Vater jetzt, "meine Zähne sind mir raus geplumpst!"

Und so robbten wir wie die Bekloppten durch den Schnee. Und suchten den Kater. Und suchten Vaters Zähne. Leute blieben stehen und dachten wohl, wir suchten das Bernsteinzimmer, den Heiligen Gral oder einen Goldschatz. Der eine oder andere fühlte sich von unserer Suche wohl getriggert und tastete plötzlich ebenfalls durchs frisch gefallene, kalte Weiß. Mein Vater brüllte jetzt: "Sie nicht! Geh'nse weiter!"

Irgendwann fand jemand Vaters Zähne und der Kater war auch wieder da. Was blieb, war aber die Angst, mir könnte eines Tages, wenn ich gemütlich wie Waldorf und Statler mit einem Kissen unterm Arm aus dem Fenster schaue, Ähnliches passieren.

Gummy-Smile und hollywoodweiße Kauleisten

Ich bin also ein sehr sorgfältiger Putzer. Immer wieder wurde ich in letzter Zeit auf irgendetwas an mir aufmerksam gemacht, was man heutzutage ganz leicht "richten lassen" könnte. Neulich schrieb mir jemand, ich hätte ein "Gummy-Smile". Die Leute sind ja heutzutage ziemlich strange drauf. Man muss sie gar nicht mehr um ihre Meinung bitten, sie hauen sie einem ungefragt an den Kopf. Ich google also: Gummy-Smile. Aha. Ich habe also ein Zahnfleischlächeln. Wenn ich lache, sieht man "zu viel" Zahnfleisch. Sowas aber auch.

Kürzlich sagte ein Freund von mir ironisch, mittlerweile gehe doch schon, "der Zahn-Faschismus" um. Hollywoodweiße Kauleisten sind das neue Must-have. Eines Abends habe ich einen alten Schinken aus den Siebzigern gesehen. Die Schauspieler spielten mit echten, beigen bis gipsfarbenen Zähnen. Ich fand das irgendwie angenehm. Einer hatte sogar ein Gummy-Smile. Also, nein, das muss man doch "korrigieren"!

Während ich im Zahnpasta besprenkelten Bad-Spiegel zärtlich mit dem Interdental-Bürstchen durch meine Zahnzwischenräume gleite, grinse ich mich an. Wow, Verena, denke ich, du hast sehr gut durchblutetes Zahnfleisch. Dabei habe ich nix gegen Leute, die sich die Beißer aufhübschen oder sonst wie vergolden lassen, wirklich nicht!

Eines fernen Tages, wenn ich aus dem Fenster schaue und mir hoffentlich nicht, wie einst meinem Vater, die Zähne in den Schnee plumpsen, werde ich vielleicht darüber nachdenken, was auf meinem Grabstein geschrieben stehen könnte: "Hier ruht Verena. Sie hatte stets ein ansteckendes Zahnfleischlächeln". Das würde ich, glaube ich, goldig finden.

Quelle: ntv.de

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