Leben

Schatzkammer an Italiens Küste Der verborgene Zauber der Cinque Terre

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Eines von fünf Dörfern: Manarola.

(Foto: picture alliance / Zoonar)

Die Cinque Terre an der ligurischen Küste zählen seit vielen Jahren zu den Tourismusmagneten Italiens. Die wahren Schätze der fünf Dörfer erschließen sich aber nur dem, der in ihr Herz vordringt.

Es war ein Artikel über den Zeichentrickfilm "Luca", der den Anstoß gab, nach diesem trostlosen Winter der Pandemie nach Ligurien in die Cinque Terre zu fahren. Regisseur Enrico Casarosa, Storyboard-Zeichner von "Cars", "Ratatouille" und "Up", erzählt darin von seinen Sommerurlauben, die er in diesem magisch schönen Fleckchen Erde zusammen mit seinem besten Freund verbracht hat: von den bunt zusammengewürfelten Ortschaften, die die Hänge emporklettern, den winzigen Häfen und den im Meer schaukelnden Booten, von den wagemutigen Kopfsprüngen meterhohe Klippen hinab und den Ausflügen mit einer knatternden roten Vespa.

"Luca", der ab 18. Juni auf Disney Plus läuft, lässt eine Zeit aufleben, bevor die Cinque Terre 1997 zum Unesco-Weltkulturerbe wurden und 1999 der Nationalpark entstand. Es ist eine Zeit, in der die fünf Dörfer noch ein Geheimtipp waren und der Bilderbuchtourismus noch nicht Fuß gefasst hatte. Das hat sich inzwischen geändert: Vor der Pandemie besuchten bis zu eine Million Touristen pro Jahr den Küstenstreifen. Die meisten von ihnen schwitzten sich schnell durch die verwinkelten, kleinen, steil aufsteigenden Gassen, spazierten die gradlinige Via dell'Amore von Riomaggiore nach Manarola entlang, machten dann mit dem Zug noch in Vernazza halt - und schon ging es weiter. Eine atemberaubende Stippvisite - aber was man dabei gesehen hat, war nur Fassade.

Eine Rheinländerin in Manarola

Wer in die Schatzkammer der Cinque Terre vordringen will, muss sich festes Schuhwerk anziehen, auf Entdeckungstour gehen und mit den Leuten vor Ort sprechen. Letzteres geht in Italien am besten beim Essen. Zum Beispiel mit einem Teller Cappun Magro vor sich auf dem Tisch. Das Fischgericht gibt es im gleichnamigen Bistro gleich neben der Kirche von Manarola. Das Lokal gehört der aus Würzburg stammenden Christiane Utsch und ihrem Mann Maurizio Bordoni.

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Die Würzburgerin Christiane Utsch betreibt mit ihrem Mann ein Restaurant in Manarola.

(Foto: Andrea Affaticati)

Es war die Liebe, die die gebürtige Rheinländerin Utsch 1995 nach Manarola verschlagen hat. Damals war sie 29 Jahre alt. Kennengelernt hat die promovierte Kunsthistorikerin ihren Mann, einen Koch, in Deutschland. Weil es schon immer ihr Traum war, in Italien zu leben, folgte sie ihm in das Dorf an der ligurischen Küste, das gerade einmal 350 Einwohner zählt. Von der Familie wurde sie herzlich aufgenommen und das junge Paar bekam das Haus der Großeltern in Groppo, gleich über Manarola, das sie in ein erstklassiges Restaurant verwandelten. Ihr Mann kochte, Utsch übernahm den Service und besuchte einen Sommelierkurs, "denn zu einem guten Gericht gehört ein guter Wein", sagt Utsch ntv.de.

Seit einigen Jahren ist das Restaurant wieder ein Wohnhaus, in dem sie und ihr Mann leben. Die Gäste empfangen sie jetzt im Bistro. Die Küche bleibt nach wie vor ausgezeichnet. Angefangen beim mageren Kapaun, nach dem das Lokal benannt ist. Die Zutaten für das Gericht stammen aus dem Vorrat in Schiffskombüsen, meist waren das Zwieback, Schwertfisch, Garnelen, Muscheln, Austern, in Salz eingelegte Sardellen, Gemüse und dazu eine Kräutersoße. Hört sich wie ein Mischmasch an, schmeckt aber himmlisch. Utsch hat ihre Entscheidung, sich in den Cinque Terre zwischen Himmel und Meer niederzulassen und dort die zwei Söhne großzuziehen, die mittlerweile beide in Bonn studieren, nie bereut. "Einsam habe ich mich nie gefühlt. Wir haben eben die Welt zu uns nach Hause gebracht", sagt sie.

Preisgekrönter Schiacchetrà

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Schmale Pfade führen oberhalb der Steilküste entlang.

(Foto: Andrea Affaticati)

Gut, dass der Cappun Magro wirklich ein "mageres", leichtes Gericht ist, denn jetzt geht es über Stock und Stein entlang einer der unzähligen Wanderwege, die den Nationalpark von Levanto bis Riomaggiore durchkreuzen. Wobei das Wort Stein eine zentrale Rolle spielt. Denn ohne die sachkundige und anstrengende Arbeit der hiesigen Menschen gäbe es die terrassierten Weinhänge nicht. Und damit auch nicht den Schiacchetrà, den göttlichen und preisgekrönten Süßwein dieser Gegend, den es sich zu stiller Abendstunde mit Blick auf das Meer unbedingt zu kosten lohnt.

Heydi Bonanini besitzt den Weinkeller Possa in Riomaggiore. Wir treffen den 43-Jährigen aber in seinem Gut in Possaitara, das über dem Strand Spiaggia del Canneto liegt. Die Gänse Romeo und Julia kommen dem Besucher neugierig schnatternd entgegen. "In der Bucht hier unten hab ich mit vier Monaten zum ersten Mal im Meer gebadet" erzählt Heydi ntv.de stolz. "Und hier habe ich auch jedes Wochenende meiner Jugend verbracht." Und es ist, als könnte man ihn sehen, wie er und seine Freunde damals die fast 400 Meter hinunter zum Meer rannten, sich im Wasser tummelten, dann wieder hinauf zum Haus kletterten, um im Schatten der Zitronenbäume zu dösen. Einfach paradiesisch.

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Blick auf die Weinberge.

(Foto: Andrea Affaticati)

Erst später, als er den Entschluss fasste, sich nur noch diesem Flecken Erde zu widmen, wurde ihm klar, welche Mühe und Hingabe all diese atemberaubende Schönheit erfordert. Zum Beispiel die Trockensteinmauern, die sich anmutig in die Landschaft einfügen. Ohne diese "Stützen" würde alles ins Meer stürzen, wie das Unwetter von 2011 auf dramatische Weise gezeigt hat.

Weinlese vom Meer aus

Damit sich so eine Katastrophe nicht noch einmal ereignet, trifft man entlang der Pfade immer wieder auf Wärter, die seit vorigem Sommer direkt von der Parkverwaltung angeheuert werden. Sie kontrollieren tagtäglich die Wege und Trockenmauern, um sie, wenn nötig, zu flicken. Die Bauern verrichten dieselbe Arbeit auf den Weinterrassen. "Ich hab das Handwerk von den Alten hier gelernt", erzählt Bonanini und zeigt auf eine Mauer, die er gerade wieder aufgebaut hat.

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Auch der Sohn von Heydi Bonanini hilft bei der Weinlese mit.

(Foto: Andrea Affaticati)

Alles, was auf seinen Grundstücken wächst und gedeiht, kennt keine Chemikalien - darunter auch Zitronenbäume mit witzigen Früchten, die nicht rund, sondern fingerähnlich sind. "Meine Produkte sollen den Geschmack dieser Erde in sich tragen", erklärt er. Und das scheint ihm gelungen zu sein: Sein Schiacchetrà, Weinlese 2018, wurde voriges Jahr zum besten Süßwein Italiens gekrönt. "Bei so einer Auszeichnung muss ich jedes Mal an meine Lehrmeister denken, denn ohne sie hätte ich das alles nicht geschafft."

Deswegen hält Bonanini auch an der Tradition fest und macht zum Beispiel die Weinlese auf den niedrigsten Terrassen vom Meer aus. Kein leichtes Unterfangen, aber die Mühe lohne sich, fügt er hinzu. Es genüge ihm, seinen neunjährigen Sohn Iacopo zu sehen, wie er mit einem Korb Weintrauben stolz aus dem Boot steigt und sie dann gemeinsam durch Riomaggiore laufen.

Utsch und Bonanini freuen sich darauf, bald wieder Besucher aus aller Welt bei sich in den Cinque Terre begrüßen zu können. Wünschenswert wäre jedoch, wenn der Bilderbuchtourismus einem nachhaltigeren und somit authentischeren Konzept weichen würde.

Quelle: ntv.de

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