Leben

Aus der Schmoll-Ecke Deshalb droht dem Reichstag der Abriss

228948807.jpg

Der Berliner Reichstag - bald Geschichte oder voll verbaut, laut Herrn Schmoll ...

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Grünen wollen Einfamilienhäuser nicht verbieten, aber ihren Bau untersagen. Ein sehr wichtiger Unterschied, den nur die Grünen verstehen. Und was wird mit der tiefgrünen Grashalmschleicherkröte?

Hochverehrtes Publikum, ich habe schon oft an dieser Stelle geklagt, was es für Anstrengungen erfordert, ein Sehr-Gutmensch zu sein. Aber Sie glauben nicht, wie verdammt schwierig es an den jüngsten eiskalten Tagen war. Ich habe es natürlich geschafft, bin auch bei minus 13 Grad Punkt 21 Uhr auf meinen Balkon getreten und habe Beifall gespendet. Mein Geld halte ich momentan zusammen, man weiß nie, wie, was und wer kommt und mich für die Energiewende bezahlen lässt. Aber beim Applaus war ich sensationell freigiebig, so sehr, dass ich nach eigenem Ermessen als großzügigster Beifallspender ins Guinness-Buch der Rekorde aufgenommen werden müsste.

Mein Applaus galt den Pflegekräften und Erkrankten-Behandelnden, wie Ärztinnen und Ärzte neuerdings genannt werden, damit die Welt noch besser wird und Männer, die weniger edel sind als ich, endlich kapieren, dass es Frauen gibt. In meiner Straße bin ich inzwischen der letzte Balkon-Klatscher. Alle anderen haben sich an die Angst vor dem fiesen Virus so sehr gewöhnt, dass sie glauben, sich bei Pflegekräften und Erkrankten-Behandelnden nicht mehr einschleimen zu müssen. Ich habe gar nicht gemerkt, wie lange ich geklatscht habe, meine Finger waren schon steif, als eine Frau schräg gegenüber rief: "Hören Sie auf, Sie Idiot, ich bin Krankenschwester und gerade von der Nachtschicht zurück." Ich brüllte wütend zurück: "Es heißt Pflegekraft, Krankenschwester sagt man nicht mehr. Das reduziert Sie auf Ihr Geschlecht." Schweigen. Eiskalter Sieg für mich!

Oh je, ein klatschender Wutbürger. Das fehlte noch. Doch - hatte ich es schon erwähnt? - bin ich ein Sehr-Gutmensch von edlem Gemüt, dass ich es manchmal selbst kaum glauben kann, weshalb ich mich immer wieder frage, ob ich das alles träume, was ich erlebe und hier berichte. Habe ich wirklich meinen Friseurtermin am 11. April 2021 gegen einen Impftermin am 6. Mai 2021 getauscht, weil mich meine 80-jährige Nachbarin darum bat? Sie wolle nicht mit "diesen ollen Zotteln" sterben, sagte sie. Versteh mir einer die Frauen.

Aber klar, ich bin der Bitte gefolgt, ich kann fast keinem Menschen etwas abschlagen. Ich gehöre zur Streitkraft der Guten, die unser Bundespräsident aufgestellt hat. Hätte ich ein Laserschwert, würde ich das fiese Virus eiskalt abmurksen. "Unser Feind sitzt nicht in Brüssel oder Berlin, nicht in Staatskanzleien oder Pharmakonzernen. Unser Feind ist das vermaledeite Virus", sagte unser Bundespräsident neulich in der Sprache des Volkes und später dann nur zu mir bei einem Besuch auf meinem Balkon: "Mit vereinten Kräften können wir diesen tödlichen Konflikt beenden und der Galaxis wieder Frieden und Ordnung geben. Ich bin dein Vater." Ich antwortete: "Teil eins der Ansage finde ich super. Aber zu Teil zwei muss ich leider sagen: Es muss sich um eine Verwechslung handeln. Ich heiße nicht Luke."

So wurde ich Mitglied in der präsidialen Armee der Guten für das Gute. Jedenfalls in meiner Einbildung, die reger ist denn je, damit ich in der Sozialquarantäne nicht geistig verkümmere, auch wenn dieser Text womöglich für das Gegenteil spricht. Gewalt ist nicht gut, sage ich Ihnen, wir müssen sie besiegen wie das fiese Virus. Oder wenigstens reduzieren. Wie sang doch einst Nicole: "Ein bisschen Frieden". Sollen die sich in Syrien oder Afghanistan die Köppe einschlagen, Hauptsache hier ist alles gut. Der Nato-Generalsekretär hat das erkannt. "Die Taliban müssen sich an ihre Versprechen halten: die Gewalt reduzieren und ihre Verbindungen zu Terrorgruppen einstellen", gab er dieser Tage zum Besten. Früher forderte der Westen, Gewalt einzustellen, heute gibt er sich schon mit "Gewalt reduzieren" zufrieden. Zufriedenheit dank ein bisschen Frieden.

Ich bau dir ein Schloss

Auch deshalb wird es Zeit, dass die Grünen regieren und ihr angekündigtes "Bundesministerium für Gesellschaftlichen Zusammenhalt" errichten, vielleicht auf der grünen Wiese vor dem Reichstag, dort ist noch viel Platz. Denn Einfamilienhäuser sind ja jetzt tabu. Wie sehr die Grünen schon Einfluss auf die Politik haben, zeigt sich daran: Ernst August Prinz von Hannover will mit einer Klage erzwingen, dass ihm sein Sohn, der Erbprinz, der auch Ernst August von Hannover heißt, Marienburg zurückgibt. Ich glaube, da schwingt schon die Angst mit, keine Baugenehmigung für ein neues Schloss zu bekommen.

Aber Momentchen mal: "Die Behauptung, Grüne wollten Einfamilienhäuser verbieten, ist falsch", erklärte die Pressestelle der Partei. Dummerweise hatte Hofreiters Anton dem "Spiegel" unbedingt ein Interview geben müssen, weil er es doof fand, dass immer nur Frau Baerbock und ihr Pferdeflüsterer was sagen dürfen. Also erklärte Hofreiters Anton: "Aktuell ist es sehr leicht, am Ortsrand neue Baugebiete auszuweisen, und schwer, das im Zentrum zu tun, selbst wenn dort viel leer steht. So entstehen Donut-Dörfer, außen prall, innen hohl." Wenn "neue Baugebiete" nicht mehr "leicht" ausgewiesen werden können, heißt das, Anträge auf "neue Baugebiete" werden abgelehnt und Neubauten untersagt, was man sehr wohl als "Verbot" interpretieren kann. Da hat der "Spiegel" nichts falsch gemacht.

Aber sei es drum. Ich denke, was an Natur noch geopfert werden soll, ist eine Diskussion wert. Mich gruselt vielmehr die Bigotterie und die Arroganz, die Hofreiters Anton zum Ausdruck bringt. Die Bewohner eines Dorfs mit einem Donut zu vergleichen und ihren Lebensmittelpunkt als "innen hohl" zu klassifizieren, ist nicht sehr nett. Die Glücklichen, die schon ein Einfamilienhaus haben, werden noch glücklicher, weil bei staatlich geregelter Verknappung der Wert ihrer Immobilien steigt. Da jubeln bessergestellte Grünen-Wählende, die anderen gucken in die Röhre. So geht grüne Gerechtigkeit.

Hofreiters Anton meint: "Einparteienhäuser" - ein herrliches Wort - "verbrauchen viel Fläche, viele Baustoffe, viel Energie, sie sorgen für Zersiedelung und damit auch für noch mehr Verkehr. Wir leben in Zeiten der Klimakrise und des Artensterbens." Während der Flüchtlingskrise spielten ökologische Aspekte überhaupt keine Rolle, da konnte nicht schnell genug geklotzt werden. Kleckern war verboten. Die Grünen riefen nach zusätzlichen Milliarden für sozialen Wohnungsbau, der nicht ohne Zement, Stahl und Energie möglich ist. Sie jubilierten über eine Ausnahmeregelung, die langwierige Bebauungsplanverfahren für Flüchtlingssiedlungen auf der grünen Wiese vermeiden sollte. Da waren Zersiedelung und die vom Aussterben bedrohte tiefgrüne Grashalmschleicherkröte plötzlich egaler.

Bezahlbarer Wohnraum "ist eine zentrale soziale Frage, gerade in unseren Großstädten", meint Hofreiters Anton. "Wie viele Einfamilienhäuser stehen in Berlin-Mitte? Kaum eines." Das stimmt. Grünen-Wählende, die in Mitte und Prenzlauer Berg wohnen, fahren am Wochenende mit ihren Autos zu ihren in der Regel bebauten Grundstücken, reiten ihre Pferde, trennen schön den Müll, fühlen sich in ihrer ökologischen Pracht wohl und gehen ab Montag wieder ihren Jobs in Kreativagenturen und Start-ups nach.

Aber bald ist auch damit Schluss, weil ja die jüngste Initiative "Berlin autofrei" will, dass jeder Bewohner der Stadt nur noch zwölf Autofahrten im Jahr genehmigt bekommt. Da freuen wir uns schon auf das nächste brüllende Bürokratiemonster. Wer das kontrollieren soll, sei dahingestellt. Vielleicht Überwachungskameras, die die Berliner Grünen seit Jahren bei der Kriminalitätsbekämpfung ablehnen.

Lustig wäre es, wenn die Grünen bei der Bundestagswahl als einzige Partei die Fünf-Prozent-Hürde überspringen und das Parlament zum "Einparteienhaus" wird. Dann müssten Hofreiters Anton und seine Mitstreitenden den Reichstag konsequenter abreißen lassen. Immerhin: Dann könnte Berlin das Grundstück an Ernst August Prinz von Hannover verkaufen, der dort sein neues Schloss hinsetzen - die Hauptstadt hätte Geld, um zu überwachen, ob jeder Einwohnende nur zwölf Mal im Jahr sein Auto benutzt. Pech nur für die tiefgrüne Grashalmschleicherkröte.

Quelle: ntv.de