Leben

Aus der Schmoll-Ecke Diamanten gibt's jetzt auch im Görlitzer Park

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Vielleicht muss man doch in neues Panzerglas investieren?

(Foto: picture alliance/dpa)

"Die größte, weil alltägliche Gefahr geht von verschmutzter und zu feuchter Luft sowie von der Tageslichteinstrahlung aus", erklärte die sächsische Landesregierung vor Jahren zum Grünen Gewölbe. Darüber lässt sich nun köstlich streiten. Genau wie über das Gerede vom "Anschlag auf die sächsische Identität".

Ganz ehrlich: Ich versuche Woche für Woche, ein Sehrgutmensch zu sein. Gerade habe ich die Bestellung zweier Diamantcolliers zu je 100.000 Euro storniert, die ich zu Weihnachten meinen liebsten Familienmitgliederinnen schenken wollte. Nicht, weil der Online-Handel die Innenstädte zerstört und die Umwelt belastet. Sondern aus Solidarität! Mit den Sachsen! Jawoll! Wenn die armen Sachsen keine Diamanten mehr haben, soll auch meine Familie keine besitzen. Zumal man nie wissen kann, woher die kommen. Nachher sind es Blutdiamanten aus Afrika oder Dresden. Ich möchte mich nicht mitschuldig machen.

Ist das nicht schrecklich, was da passiert ist? Mein Gott, in was für Zeiten leben wir nur? Kein Wunder, dass der Ruf durchs Abendland hallt: Nichts ist mehr sicher - nicht die Pille, nicht der Arbeitsplatz bei Audi, nicht die Rente, nicht die Wettervorhersage, nicht der Görlitzer Park und nicht mal der Staatsschatz. Wie, bitte sehr, soll man das aushalten?

Ich persönlich rate zu Drogen oder Humor. Oder beides zusammen. Gehen Sie zum Görlitzer Park hier bei mir in Berlin, diskutieren Sie mit Anwohnern über das Thema "Solidarität und Menschenrechte für alle - auch für Dealer", nehmen Sie Kindern aus Spaß die benutzten Heroinspritzen weg, mit denen die eben noch spielten, und sagen Sie anschließend zum Händler Ihres Vertrauens: "Ich hätte gerne (wieder) ein Kilo Koks und - falls gerade im Angebot - 35 Diamanten in Altschliff." Mal sehen, ob der Dealer Spaß versteht oder einfach nur sagt: "Hier, bitte schön, alles eben frisch reingekommen."

Jetzt wird auch die "Identität" geklaut

Wie Sie sich denken können, habe ich hier absichtlich Zusammenhänge hergestellt, die nicht existieren. Alles in einen Topf und dann durcheinanderzuwerfen sowie Äpfel mit Melonen oder Rinderhack zu vergleichen, ist nämlich gerade genauso populär wie das Gefühl in der Bevölkerung, alles gehe den Bach runter, der Staat habe die Kriminellen nicht mehr im Griff. Zumal jetzt sogar schon immaterielle Werte gestohlen werden, etwa "Identität". Was die wohl auf dem Schwarzmarkt wert ist? Das christlich-demokratische Gesangsduo Kretsche und Wölli, auch bekannt als Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer und Innenminister Roland Wöllner, sprachen wahlweise von einem "Anschlag" oder Angriff" auf die "kulturelle Identität aller Sachsen" oder "die sächsische Identität". Hätte nur noch gefehlt, dass die beiden geträllert hätten: "Wir sind das Volk - hollahihaho."

Als gebürtiger Leipziger, der kein Hochdeutsch beherrscht, habe ich an der Stelle absolut das Recht, zu widersprechen. Kunsthistorisch schmerzt mich der Verlust wie wohl alle Menschen im Land, die nicht völlig abgestumpft sind und Barock nicht für Damenunterwäsche halten. Der Gedanke, dass sich die Dresdner Sammlungen derart leicht beklauen ließen, ärgert mich sehr. Aber identifizieren tue ich mich mit den Klunkern garantiert nicht. Wenn schon Pathos, dann hätte ich mich gefreut, wenn Kretsche und Wölli "aller Deutschen" gesagt hätten, statt dem Verlust Lokalkolorit zu verpassen. Der Brand von Notre-Dame war ja auch keine "Pariser Tragödie", sondern eine, die ganz Frankreich berührte.

Ich habe einmal den Twitter-Kanal von Pegida durchgesehen. Keine Trauer, kein Bedauern. Der Raub wird allein mit einem hämischen Kommentar eines Ober-Peginesen über Kretschmers Aussagen bedacht: "Plötzlich ist ihm die geschichtliche Identität der Inländer wichtig. ER, der auf Zuwanderung setzt und zusammen mit Merkel offene Grenzen verteidigt." Puuh, wie langweilig und öde, jedes hässliche Ereignis auf Angela Merkel runterzubrechen. Da könnte ich kotzen. Man stelle sich vor, der Idiot, der die Vitrine zerhackte, hätte dabei eine IS-Fahne geschwungen. Die Peginesen würden Mahnwachen vor dem Grünen Gewölbe abhalten, auf Facebook "J'aime la voûte verte" oder "Je suis la voûte verte" verkünden und eine Online-Petition starten, das Grüne in Schwarz-Rot-Goldenes Gewölbe umzubenennen.

Auch das politisch andere Elbufer nervt mit seiner Verbissenheit. Dort heißt es: "Wenn jede Gelegenheit dazu genutzt wird, nationalistischen Mief zu bedienen, ist man in Sachsen. Und voran schreiten der CDU-Ministerpräsident und seine Clique." Nationalistischer Mief? Clique? Geht es denn kein bisschen kleiner und seriöser? Und da wundern wir uns, dass die Debattenkultur verkommt. Nervig sind aber auch Statements in den a-sozialen Medien, die von Kevin Kühnert sein könnten. Verlust? Ach was! "Der Schatz ist von August dem Starken, der hat das Zeug zusammengerafft, aber doch keinen Tag anständig dafür gearbeitet. Im Gegenteil, er hat das Volk beschissen." Einen absolutistischen Herrscher mit Maßstäben des 21. Jahrhunderts zu messen - naja. Ohne den König wäre Dresden heute ein Städtlein ohne Glanz und Touristen.

Leider keine Gräben

Das zeigt, wie tief die Gräben sind. Leider fehlte ein solcher zur Sicherung der Dresdner Schatzkammer, weshalb sich die Stadt überlegen sollte, Wassergräben vor dem Grünen Gewölbe zu ziehen und ein Elbschlösschenbrücklein hinüber zum Museum zu bauen. Denn Dresdner lieben Brücken. Das haben sie, borniert, wie Sachsen nun mal sein können, bewiesen, weshalb die Unesco der Stadt vor zehn Jahren den Titel "Weltkulturbe" aberkannte, was in Europa bis dahin noch nie passiert war. Egal, Touristen kommen trotzdem in Scharen, "kulturelle Identität" zählt nicht, wenn es darum geht, den Straßenverkehr fließen zu lassen.

Womit wir beim Thema versiffte Luft sind. In einem Fazit zum Wiederaufbau der Schlossanlage erklärte die Landesregierung vor einem Jahrzehnt anlässlich der Eröffnung des restaurierten Grünen Gewölbes: "Die Feinde der Kunst sind nicht nur Diebe und Vandalen; die größte, weil alltägliche Gefahr geht von verschmutzter und zu feuchter Luft sowie von der Tageslichteinstrahlung aus." Daher die Luftschleusen. Die waren nötig und leider wohl so teuer, dass kein Geld für dickeres Glas an den Vitrinen übrig war.

*Datenschutz

Nun sind 500.000 Euro Belohnung ausgesetzt. Keine Ahnung, was Panzerglas kostet. Aber eine halbe Million hätte bestimmt für die eine oder andere Vitrine gereicht. Hätte, hätte, Diamantenkette. "Wir werden nichts unversucht lassen, diesen Fall zu lösen", sagen die Ermittler. Das hoffen wir doch mal. Alles andere wäre ein Skandal. Der Polizei empfehle ich, sich ans Radio zu setzen und genau zuzuhören, wer was sagt. Dann kann der Staat die 500.000 Euro vielleicht behalten.

Sie kennen doch garantiert Benvenuto Cellini, oder? Genau, der italienische Bildhauer und Goldschmied, der die Saliera, eine Art Vorläufer des Salzstreuers, für den französischen König Franz I. schuf. Das ist jener Monarch, der Leonardo da Vinci engagiert, unfassbar viel Geld in Kunst gesteckt und auch keinen Tag gearbeitet hat. Das kostbare Gefäß war im Mai 2003 aus dem Kunsthistorischen Museum in Wien gestohlen worden. Der Dieb hatte es weitaus einfacher als die Fieslinge von Dresden. Das schon mal zur Ehrenrettung der Sachsen.

Im Juli 2004 war ein Experte für Alarmanlagen zu Gast im "Immobilientalk" des freien Wiener Radiosenders "Orange 94.0". Der Mann bescheinigte dem Museum, "sehr, sehr schlecht gesichert" gewesen zu sein. "Da möchte ich das Schlagwort Saliera sagen." Der Raub sei kein "bewundernswerter Akt" gewesen, sondern … Der Moderator unterbrach ihn und erklärte: "Dumm." Der Experte meinte: "Ja, aber nicht vom Einbrecher." Es war, was damals niemand wusste, ein Eigenlob. Der Studiogast - kein Araber oder Osteuropäer, sondern ein astreiner Österreicher - wurde eineinhalb Jahre später festgenommen. Er hatte die Saliera geklaut.

Also Sachsen: Hört mehr Radio! Ihr zahlt doch schließlich Rundfunkgebühren.

Quelle: n-tv.de

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