Leben

Die etwas andere Verbindung Die Blauen Sänger feiern das Leben

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Wer Lust hat, zu musizieren oder Theater zu spielen, ist hier willkommen.

(Foto: Die Blauen Sänger)

Trinken, Fechten, Traditionen - das Bild von Studentenverbindungen ist geprägt von konservativen Klischees. Dabei ist auch die Verbindungslandschaft vielfältig. Die Göttinger Blauen Sänger sehen sich als Gegenentwurf zu traditionellen Burschenschaften.

Bei einem Spaziergang durch das Göttinger Ostviertel fallen einem an den ausladenden Villen nicht nur Plaketten mit den Namen historischer Wissenschaftler auf. An manchen der großen Altbauten hängen auch altmodisch anmutende Flaggen und Wappen - es sind Verbindungshäuser. In der Planckstraße gibt es gleich drei davon: das verspielte Backsteingebäude der Sugambria Jena, die Trutzburg der Gotia Baltia und ganz am Ende im Düstere-Eichen-Weg das türmchenbewehrte Haus der Studentischen Musikvereinigung Blaue Sänger.

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Das Haus der Blauen Sänger besteht seit über 100 Jahren.

(Foto: Stefan Flöper/ Wikimedia Commons)

Wie in anderen Universitätsstädten gibt es auch in Göttingen viele Studentenverbindungen. Hier sind es mehr als 40. Dabei sind Burschenschaften nur jene Studentenverbindungen, die sich in ihrer Satzung konkret auf Deutschland als Nation beziehen. Sie gelten als besonders elitär, konservativ und sexistisch. Immer wieder ziehen sie Aufmerksamkeit auf sich, wenn sich die unter einem Dachverband vereinigten Verbindungen und Corps wie beim Treffen des "Bundes Deutscher Burschenschaften" in Szene setzen. "Es wird immer von Verbindungen gesprochen, dabei werden aber schlagende Männerbünde gemeint. Das wird nie aufgeklärt und so entstehen Vorurteile", erzählt Amelie Hartung, die bei den Blauen Sängern aktiv ist.

Die Blauen Sänger bezeichnen sich als Studentische Musikvereinigung und pflegen ein offenes Haus, zu dem jeder Zutritt hat, sofern er sich an die Regeln hält. Sie fechten nicht und tragen keine Mützen oder Bänder - ein Prinzip, das sie mit ihren zahlreichen Schwesterverbindungen im Sondershäuser Verband teilen. Als einer von gerade mal fünf gemischten Bünden in Göttingen sind sie auch in Deutschland immer noch die Ausnahme. "Als wir 1971 beschlossen haben, auch Frauen aufzunehmen, sind wir fast aus dem Dachverband geflogen!" berichtet Jürgen Wickboldt. Der frühere Neurochirurg ist Alter Herr der Blauen Sänger und immer noch stolz auf diese Entscheidung vor mehr als 40 Jahren. Denn bis dahin musste man, um in einer Verbindung aktiv werden zu können, nicht nur Student sein, sondern auch weiß und männlich. "Man kann einen Chor und ein Orchester aber nicht ohne Frauen führen!", sagt der betagte Cellist. "Zumal wir gemeinnützig sind und die Vielfalt in unserer Satzung steht. Das kann man nicht machen, indem man ein reiner Männerbund ist."

Ein Leben in Gemeinschaft

Wie die meisten Studentenverbindungen spalten sich auch die Blauen Sänger heute in zwei Vereine, die Aktivitas und den Philister-Verband. In der Aktivitas sind die aktiv Studierenden vereinigt, egal ob vorläufige Mitglieder, ältere Semester, Hausbewohner oder Externe. Im Philister Verband organisieren sich die Ehemaligen, auch Alte Herren und Hohe Damen genannt. Dieses System als Lebensbundprinzip zu bezeichnen, hält Wickboldt allerdings für antiquiert. "Es wird ja nicht mit Blut unterschrieben, und es war auch nie eine Zwangsfreundschaft." Er sieht es eher als Generationenvertrag, dem er sich auch heute noch verpflichtet fühlt. "Ich kann heute, wie bei einem umgedrehten Rentenvertrag dafür sorgen, dass andere sich auf die gleiche Weise ausleben können wie ich damals."

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Der Saal im Haus der Blauen Sänger ist Probenraum, Partylocation oder Konferenzort - je nachdem.

(Foto: Die Blauen Sänger)

Mit dem bis zu 90 Personen starken A-cappella-Chor und dem ähnlich umfangreichen Sinfonie-Orchester, die zu großen Teilen aus Nicht-Mitgliedern bestehen, führen die Blauen Sänger jedes Semester ein Festkonzert auf. Dazu kommen eine Theatergruppe, eine Big Band und viele kleinere Ensembles, die ebenfalls am Festwochenende ihr Können zeigen. Diese Gelegenheit lassen sich viele Freunde und Familienmitglieder, Musikliebhaber aus ganz Göttingen und natürlich die Blauen Sänger selbst nicht entgehen.

Das Herz der Blauen Sänger ist das seit über 100 Jahren bestehende Haus im Düstere-Eichen-Weg 26. Und auch wenn Musikfreunde immer willkommen sind, können Besucher speziell aus anderen Verbindungen nur hinein, so lange sie nüchtern sind, tagsüber kommen und ihre Bänder und Mützen ablegen. Den sogenannten Couleur-Besuch, bei der nach einem Bier bei einer anderen Verbindung gefragt werden kann, lehnen die Blauen Sänger ab.

Für Jan F., der auch "auf dem Haus" wohnt, machen gerade dessen Räume und Möglichkeiten einen großen Teil des Reizes des modernen Verbindungslebens aus. "Du lernst hier Verantwortung zu übernehmen, Projekte hochzuziehen und Sachen selbst in die Hand zu nehmen." In anderen Verbindungen werde eher die Akzeptanz von Hierarchiestrukturen vermittelt, so F. "Die sind bei uns so flach gehalten wie nur irgendwie möglich. Das macht in meinen Augen einen großen Unterschied."

Kampf gegen Vorurteile

Trotzdem muss Jan, der als ehemaliger Kunststudent mit zahlreichen Tätowierungen dem Klischee des Verbindungsstudenten kein bisschen entspricht, immer wieder mit Vorurteilen kämpfen. "Die Leute stehen uns misstrauisch gegenüber, also sind wir auch misstrauisch", berichtet er von der Rechtfertigungsposition, in der er sich immer fühlt. "Ich muss mir oft anhören, dass jemand mit unseren Strukturen ein Problem hat, mit unserer Art zusammenzuleben."

Oft wissen die Kritiker gar nicht so genau, womit sie eigentlich genau ein Problem haben. Trotzdem werfen sie die Blauen Sänger in einen Topf mit weniger liberalen Verbindungen und Burschenschaften. Diese kultivieren das Bild einer eingeschworenen Gemeinschaft und werden dafür häufig mit "Don't let your friends be Burschis"-Stickern und Farbbomben attackiert. Die landen heutzutage nicht mehr auf der denkmalgeschützten Fassade des Hauses im Düstere-Eichen-Weg.

Andere Vergleiche nehmen sie allerdings mit Humor. Zum Beispiel den mit den nach Geschlechtern getrennten "Fraternities" und "Sororities" aus US-amerikanischen Collegefilmen. Auch bei den Blauen Sängern wird gerne gefeiert und das gemeinsame Wohnen auf dem Haus hat auch schon mehr als eine Ehe und viele Kinder hervorgebracht. Trotzdem wundert es Amelie Hartung immer wieder, dass sich auch das Klischee hartnäckig hält, dass man als Neuankömmling in einer Verbindung erst einmal erniedrigt wird.

Mit Abba und Chilli sin carne

Im Haus der Blauen Sänger wohnen Teile der Aktivitas in einem Studentenwohnheim. Sie leben und kochen zusammen, feiern persönliche und professionelle Erfolge. Der immer wieder erweiterte Bau von 1904 ist aber ebenso Theaterwerkstatt und Musik-Labor. Wer Ideen hat, kann sie hier verwirklichen und findet zudem eine Gemeinschaft, in dem jeder und jede unterstützt und gefördert wird. Für einige ist es das erste Mal, dass sie diesen Rückhalt erfahren.

Die Idee der Studentenverbindungen wird oft als reaktionär angesehen, die Blauen Sänger verstehen sie als etwas Zukunftsweisendes, Lebendiges, das sich den gesellschaftlichen Realitäten immer wieder anpasst. Amelie Hartung leitet neben ihrem Studium den Chor, mit einer Mischung aus Liebe und Strenge, ohne die man keine 70 Sänger und Sängerinnen auf den richtigen Ton bringt. Für sie zählen vor allem die lebendige Gemeinschaft, in der Unterstützung und die Realisierung kultureller Projekte im Vordergrund stehen. "Du weißt, dass jeder Mensch hier ein Interesse an Musik oder Theater und an einem gemeinsamen Leben hat", sagt die 24-jährige Lehramtsstudentin. "Das ist etwas ganz Besonderes."

Quelle: n-tv.de

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