Leben

"In Vino Verena" über Sexismus Die Fantastereien alter, weißer Männer

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Ein Mann, der einem anderen anbietet, auf den Po seiner fast 30 Jahre jüngeren Freundin zu klapsen.

(Foto: TV Now)

Die jüngsten Auswüchse des deutschen Trash-TV präsentieren vor allem Männer, die sich stark fühlen, im Grunde aber vor allem eines sind: peinlich. Unsere Kolumnistin über Männer mit "Arschmagneten" und andere Verfehlungen.

"Wenn ich einer Frau an den Arsch packe, erwarte ich damit von ihr ganz klar eine Reaktion, ich erlaube mir zu failen. (…) Meine Hände sind Arschmagneten." So lautete sie, die Begründung eines Mannes namens Quentin Parker, der mit seiner Lebensabschnittsgefährtin, der Schauspielerin Jessika Cardinahl, im diesjährigen "Sommerhaus der Stars" teilnahm und kein Problem damit hatte, fremden Frauen an den Hintern zu fassen oder sie, in welcher schmierlappigen Art auch immer, zu begrabbeln. Die betroffenen Frauen: zu erschrocken, um den Lauch in die Schranken zu weisen.

Eins vorab, nicht, dass es hier zu Unstimmigkeiten kommt: Selbstverständlich haben nicht alle alten, weißen Männer "Arschmagneten", aber über jene, die welche haben, muss ich mir nach nunmehr fast vier Wochen Trash-TV-Betreuung mal kurz Luft verschaffen.

Treue Leser wissen, ich liebe Trash-TV - wenn es gut ist! Wenn es Spaß macht und die Sippe, der man gerade zuschaut, einem die kleine Voyeurismus-Seele erhellt. Schon viel länger als die "In Vino"-Kolumne hier schreibe ich über die Blüten und Auswüchse der oft belächelten deutschen Trash-TV-Landschaft. Nur sehr selten hat mein Fan-Herz dabei gelitten, wobei ich sagen muss, leiden ist vielleicht nicht das richtige Wort, aber wenn man diese oder jene Staffel zwei Wochen und länger betreut und Nacht für Nacht über der Kolumne brütet, dann kann das Energie kosten. Positive Energie. Bislang.

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Quentins Arschmagneten im Einsatz.

(Foto: TV Now)

Denn die neuerlichen Auswüchse des deutschen Trash-TV-Gartens sind jenseits von Eden. Damit meine ich nicht unbedingt die Formate selbst, auch wenn manche so schlimm und frauenfeindlich sind, dass selbst ich als Hartgesottene sie nicht schauen kann, nein, ich meine vielmehr die diversen Männer, die in derlei Formaten zunehmend agieren. Gutes Entertainment-Fernsehen ist oft leicht drüber, wie zum Beispiel das "Dschungelcamp". Das wahre Trash-Gold ist dabei wie eine Sternschnuppe: Für kurze Zeit erhellt und erheitert sie die Wohnzimmer und unsere Gemüter, bevor es am deutschen TV-Himmel wieder schummrig, gar finster wird.

"Hackt's bei dir?"

So finster wie die Meinungen und Ansichten einiger alter, weißer Männer, die unlängst in der Glotze ihr Unwesen trieben. Das kann man nun doof finden oder einfach nur nervig, im Grunde aber ist es vor allem eines: respektlos. Frauen und darüber hinaus auch jedem einzelnen Zuschauer gegenüber.

Ich bin jemand, der Menschen gern im Fernsehen beobachtet und sie studiert, natürlich nur in dem uns gegebenen, oft gescripteten Rahmen. Unter der Gürtellinie, Beleidigungen, das ist nicht mein Ding. ABER! Wenn ein Ü-60-Mann wie Quentin Parker im diesjährigen "Sommerhaus der Stars" meint, es sei okay, fremden Frauen aus purer Provokation an den Po zu fassen, dann frage ich mich nicht, ob der sprichwörtlich nicht alle Latten am Zaun hat, dann sagt mein Trash-TV-Herz nicht, hihi, nur Spahaaaß, dann denke ich, diesen Pimmelberger muss man auf der Stelle zur Seite nehmen und ihn wie Menowin fragen: "Hackt's bei dir?" Das, was du hier abziehst, ist in höchstem Maße übergriffig! Widerwärtig. Verabscheuungswürdig.

Und das Problem ist nicht aus der Welt, wenn Leute sagen: Selber schuld. Was guckste auch solche Formate, mach doch die Glotze einfach aus! Augenblick mal, denke ich dann, das kann, das darf nicht die Lösung sein! Das Problem liegt in den meisten Fällen nicht mal unbedingt bei den TV-Formaten selbst, die könnten oft sehr unterhaltend und amüsant sein. Das Problem liegt meiner Meinung nach vielmehr darin, wie sich einzelne Personen dort darstellen, agieren und äußern.

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Gerade das weibliche Geschlecht muss sich nicht wie billige Ware anbieten, weil es glaubt, das könnte der Durchbruch zur Prominenz sein. Bei derlei Anbiederung an die niedrigsten Instinkte, dem sicher wieder die Fantasterei eines alten, weißen Mannes zugrunde liegt, möchte ich vor Wut sofort anfangen zu saufen. Sex sells, Sex ist immer noch der Clickbait, jaha, ich verstehe das! Aber es ist so öde auf Dauer! Es ödet mich an, wenn junge Frauen sich selbst nur auf ihr Aussehen reduzieren, es ödet mich an, dass noch immer so viele Frauen glauben, sie bräuchten gut situierte, alte, weiße Männer, um Karriere zu machen.

Die armen, armen Männer!

Ich mag es, jedwedes menschliches Verhalten und den Grund für selbiges aufzudröseln wie ein altes Strickdeckchen. Es interessiert mich, wie und warum Menschen in bestimmten Reaktionen reagieren, wie sie reagieren. Das ist vielleicht auch ein bisschen naiv, aber ich vermute immer zuerst hinter allem mehr, als es auf den ersten Blick den Anschein macht. Aber manchmal ist da einfach wirklich nichts.

Der Mann einer Schauspielerin, die in den Achtzigerjahren ein Millionenpublikum erreichte, betatscht vor laufender Kamera fremde Frauen, mit denen er in Portugal urlaubt, und er verteidigt sein Verhalten lautstark mit: "Ich erwarte mir damit eine Reaktion von den Frauen." Jeder Mensch, dessen moralischer Kompass auch nur halbwegs im Lot ist, weiß, dass es sich dabei nur um eine saftige Backpfeife handeln kann.

Wandelnde "Arschmagneten", die keinerlei Einsicht haben, dass an ihrem Gebaren etwas falsch sein könnte - denn hey, man wird einer fremden Frau ja wohl noch an den Hintern grapschen dürfen - zeigen, wie wichtig Debatten wie #MeeToo waren, sind und sicher noch lange bleiben, obschon so mancher pikiert blökt, allmählich müsse ja auch mal wieder gut sein mit dem Männer-Bashing. Ach ja, die armen, armen Männer!

Gegen übergriffige Typen!

Es sind Männer, die mit großen Schritten auf die 50 zugehen, die den Hintern ihrer 18-jährigen Freundin im Fernsehen klapsen und ihre Kumpel fragen: "Willste auch mal?" Männer, die nicht mal merken, dass ihr Verhalten falsch ist, im Gegenteil, die sich auch noch damit rühmen, die Kinds-Freundin vorzuführen wie ein neues Auto. Männer wie die "Promi-Big-Brother-Legende" Zlatko, die respektloses Verhalten als coole Moves ansehen, die andere Menschen als "Stricher", "Fickfehler" und "Fotzen" bezeichnen, Männer, die vor Frauen lautstark ihre Flatulenz thematisieren und Männer wie der Bullshit-TV-Youtuber Chris, die diejenigen, die nah am Wasser gebaut sind, "Weicheier" und "Schlappschwänze", ergo: "Muschis" nennen. Muschis seien die Loser schlechthin.

Mooooment, denke ich mir da und frage mich, wie es um alles in der Welt nur so weit kommen konnte, dass dieses Wort so negativ konnotiert ist. Denkt von diesen Leuten überhaupt mal einer darüber nach, was Muschis für fantastische Leistungen vollbringen? Sie gebären Kinder, sie halten Schmerzen aus, die die ganzen Maulhelden da draußen sich nicht mal im Entferntesten vorstellen können. Muschis sind unglaublich. Sie sind schlicht und einfach Super-Heldinnen! Aus: "Ey, das ist so eine Muschi", müsste "Ey, das ist so ein Zlatko", "Quentin" oder "Wendler" werden. Für Muschis! Gegen übergriffige Typen!

Quelle: n-tv.de

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