Leben

Die postindustrielle Metropole Die Natur darf die Stadt zurückerobern

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Ein Projekt, das Mailand ergrünen ließ: "Bosco verticale".

(Foto: imago/imagebroker)

Der deutsche Landschaftsarchitekt Andreas Kipar verwandelt mit seinen grünen Strahlen die verrußten Industriestädte. Sein Labor hierfür war Mailand, die Metropole, in der er seit 30 Jahren lebt.

In den letzten Jahrzehnten rissen sich die großen Städte die "Star"-Architekten förmlich aus den Händen. Ob in Berlin, Wien, Mailand, London, Paris, jeder wollte sie, machte sie zum Markenzeichen nicht nur der neuen Skyline, sondern gleich der ganzen Stadt. Es schien fast schon, als wären Daniel Libeskind, Renzo Piano, Norman Foster, Jean Nouvel und Arata Isozaki überall gleichzeitig. Ihre Bauten schossen wie Pilze aus dem Boden.

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Landschaftsarchitekt Andreas Kipar.

(Foto: Andrea Affaticati)

Doch der Hype legt sich mittlerweile. Seit einiger Zeit geht es nicht mehr nur um die gläsernen, stählernen Kunstbauwerke, die sich allesamt imposant gen Himmel strecken. In vielen Städten beobachtet man einen Wandel. Immer mehr Grün gewinnt zwischen den Häusern Platz. Als würde sich die Natur langsam, aber unbeirrt, ihren Freiraum zurückerobern. Nicht, dass man die Meister der Architektur von Bord geworfen hätte, es wird weiter gebaut, der Wohnungsmangel ist überall groß. Nur es geht nicht mehr in erster Linie um sie, es geht nicht mehr nur ums Vertikale, sondern auch ums Horizontale. "Der Mensch sucht wieder den Kontakt zur Natur, zum Boden, zum Unebenen unter den Füßen. Wir beobachten gerade den Wandel von einer egomanen zu einer humanen (Städtebau-)Einstellung", erklärt Andreas Kipar bei einem Treffen mit n-tv.de in Mailand.

Der 58-jährige Landschaftsarchitekt stammt aus Gelsenkirchen, lebt aber seit 30 Jahren in Mailand. Hier hat er sein Architekturbüro LAND, mit Dependancen auch in Düsseldorf und im Schweizer Lugano. In Mailand hat er sein preisgekröntes Modell der "Raggi verdi" zuerst angewandt. Seine "Grünen Strahlen" verbinden die Grünflächen von der Stadtmitte ausgehend bis hin zu den Feldern um Mailand. Wobei der Großteil der grünen Freiräume erst in den letzten Jahren angelegt wurde. Mittlerweile hat sich der Grünflächenbestand der italienischen Wirtschaftsmetropole fast verdoppelt. "Manchmal sind es auch nur grüne Flecken oder ein Gebäude - wie der "Bosco verticale", der senkrechte Wald, mit Bäumen auf jeder Etage, die zusammen mit den größeren Grünflächen ein Kontinuum bilden".

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Das Porta Nuova Varesine in Mailand.

(Foto: LAND)

Wir treffen uns zum Frühstück im Cafe Radetzky nicht weit von Kipars Büro und dem neuen Wolkenkratzerviertel Porta Nuova. Er zeigt auf die Bepflanzung vor dem Eingang der Untergrundbahn, ein Blumenbeet mit einem Baum in der Mitte. "Es geht aber nie um Blümchen, um Ornament oder Dekor, sondern um ein Gefühl des Wohlseins, um einen Platz, wo man kurz aus dem städtischen Trubel aussteigen kann."

Weg vom Egomanen hin zum Humanen

Dieser Wunsch einer engeren Bezogenheit zur Natur zeichnet aber nicht nur die Mailänder aus. Wobei sich Mailand aber bestens als Labor geeignet hat. Als Kipar in den 80er-Jahren hier landete, präsentierte sich die Stadt als trostloses graues Bauagglomerat, mit unzähligen leerstehenden Fabriken und viel Brachland mitten in der Stadt. So sah es aber auch in vielen anderen Industriestädten aus, die mit den mittlerweile geschlossenen Fabrikgeländen nichts anzufangen wussten. "Freilich, es gab auch Unterschiede. In Deutschland wurden den Grünflächen schon immer mehr Platz eingeräumt als in Italien", erklärt Kipar.

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Der Krupp-Park in Essen.

(Foto: LAND)

Was wiederum mit einer stärkeren Naturverbundenheit der Deutschen zu tun habe und demzufolge mit der Romantik. Aber auch damit, dass während Vitruv schon im 1. Jahrhundert vor Christus die Baukultur beschrieb, "die Deutschen noch auf den Bäumen lebten", fügt er schmunzelnd hinzu. Und natürlich mit dem Erbe der Römer. Diese gründeten, im Gegensatz zu den geschlossenen Polis der Griechen, offene Civitas, die sich durch eine dichte Bebauung, also dem Primat der menschlichen Baukunst über die Natur, auszeichneten. Daher auch die bis heute währende Baudichte. In Mailand leben 8300 Einwohner pro Quadratkilometer, in München 4400.

Essen erstrahlt im Grün

Die meisten europäischen Großstädte zeichnet aus, dass ihr Bild in den letzten 100, 150 Jahren von der Industrialisierung geprägt wurde. Der urbane Raum wurde damals immer kantiger, autogerechter und menschenfeindlicher, hatte seinen Bewohnern außer Arbeit wenig zu bieten. Das galt auch für Essen, einst eine verrußte Kohlen-und Stahlmetropole, heute so lebenswert, dass sie die EU-Umweltkommission 2017 zur "Grünen Hauptstadt Europas" kürte. Im Video "Das Wunder von Essen" erinnert sich Kipar, wie die Stadt in seiner Kindheit aussah. Sie war zweigeteilt: da der triste Nordteil, dort der erholsame südliche Teil mit dem schönen Baldeneysee. Freilich, damals hätte er nie im Leben träumen können, selber eines Tages zu ihrer Regenerierung beizutragen.

Doch genau das ist geschehen. Anhand seines Mailänder Modells der "Grünen Strahlen" hat er in Essen die Verbindung innerstädtischer Grünzüge zwischen dem Ruhrtal und der Emscher entlang hergestellt. Vor einem Monat erhielten Kipar und sein Büro dafür, "für die deutsch-italienische Kooperation im Bereich Umwelt und grüne Stadt", wie es in der Motivation stand, auch den vom gleichnamigen deutsch-italienischen Wirtschaftsverband vergebenen "Mercurio Sonderpreis". "Was uns dabei besonders gefreut hat, ist, dass das Thema Landschaftsarchitektur jetzt in die wirtschaftliche Dimension miteinbezogen wird. Denn in einer grünen Stadt lebt es sich nicht nur besser, es arbeitet sich auch besser."

Das hat sicher auch damit zu tun, dass die Natur dem Menschen den Halt gibt, den die fortschreitende Digitalisierung und der Wandel im Arbeitsalltag ihm nimmt. Gegen diese Ängste hilft nur das Gefühl einer gewissen Bodenständigkeit, "Robustheit" wie es Kipar ausdrückt. "Das hat aber nichts mit Nostalgie, mit dem Bewahren wie einst des grünen Kleinods hinter Zäunen zu tun. Die Aufgabe der Landschaftsarchitekten ist heute, das Bestehende mit der Natur in Einklang zu bringen, grüne Adern einzupfropfen. Mal sind es ein paar Bäume auf einem Platz, mal ein rundes Fleckchen Grün, mal ein Park, mal eine ausgedehnte Grünfläche, alles miteinander verbunden, frei zugänglich und nutzbar". So wird die postindustrielle Stadt immer flüssiger. "Die Bedürfnisse an Freizeit, an zwischenmenschliche Beziehungen haben sich geändert. Wir leben in einer Sharing Society, in der der Wohnraum schrumpft, weswegen die Stadtbewohner mehr öffentlichen Freiraum brauchen. Und für diesen sind jetzt wir Landschaftsarchitekten verantwortlich."

Quelle: n-tv.de

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