Leben

Aus der Schmoll-Ecke Die beste Diät aller Zeiten

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Unser Kolumnist Thomas Schmoll bekennt sich zur Maßlosigkeit. Das Foto machte er in Vorfreude auf die Nachspeise am ersten Weihnachtsfeiertag.

Quelle: Thomas Schmoll

Weihnachten war auch schon 2017 das Fest der Liebe und Kalorienzufuhr. Unser Kolumnist hat ein Jahr lang alles versucht, um abzunehmen. Bis er merkte: Es ist schon wieder Weihnachten!

Leser dieses samstäglichen Kleinods stilistisch gekonnter und inhaltlich vorzüglicher Wortklingelei wissen, dass ich die Kolumne gerne dafür nutze, mein Innenleben zu beschreiben. Wie das so kurz nach Weihnachten aussieht, können Sie sich sicherlich vorstellen. Danke, aber machen Sie sich bitte keine Sorgen, es geht nicht um Depression. Mein Innerstes ist eine wilde Mixtur aus Unmengen von Fleisch toter Gänse, Rinder und Hühner sowie Rosenkohl, Rotkraut, Maronen, köstlichsten Soßen, Käse, Pralinen, Plätzchen, Lebkuchen, Schokolade und Weinen aus dem Chianti und von der Mosel. Ich war an den Feiertagen wieder einmal so vollgestopft, dass die Empfehlung meiner Therapeutin, "Herr Schmoll, Sie müssen sich vor Ihrer Familie öffnen", doch noch einen Sinn bekam: Ich dachte immer wieder an Kotzen.

Dazu müssen Sie wissen: Ich bin ein Extremist. Natürlich nicht im politischen Sinne. Ränder bedeuten mir nichts, abgesehen von den Enden eines echten Dresdner Christstollens vom Bäcker um die Ecke. Ich rede hier von Freizeitvergnügen aller Art außerhalb des parlamentarischen Raums. Was mir Spaß macht, betreibe ich in Übermaß. Und dazu zählt auch die Nahrungsaufnahme.

Essen ohne Ende

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Hier gönnt sich Schmoll umbrische Antipasti.

(Foto: Thomas Schmoll)

Ja, ich liebe es zu essen! Ich bekenne mich dazu, ein Stopfer zu sein. Ich mampfe ungemein gern, so dass meine Therapeutin absolut sicher ist, in meiner oralen Phase müsse etwas schiefgegangen sein. Ich kann mich nicht erinnern, es ist zu lange her. Vielleicht hatte ich als klitzekleiner Bub keinen Beißring und bin über dieses Defizit nie hinweggekommen. In der Ostzone gab es ja nichts. Und als die Mauer fiel, war ich schon zu alt für Beißringe.

So wurde ich also der Stopfer, der ich bis heute bin. Beim Essen finde ich kein Ende, bis nicht der letzte Knochen abgenagt, der letzte Tropfen Bratensoße aufgeschleckt ist und die letzte Krume Nürnberger Lebkuchen den Weg meines Darmtraktes gefunden hat. Die Rolle des kotzenden Fettsacks in Monty Pythons "Der Sinn des Lebens" hätte ich nicht übernehmen können. Ein letztes Pfefferminzplätzchen brächte mich nämlich nicht zum Platzen. In mich passt immer noch etwas hinein.

Doch Schluss damit. Seit Weihnachten versuche ich abzunehmen. Weihnachten 2017, wohlgemerkt. Selbe Familie, ähnliches Essen. Abnehmen ist verdammt schwer, sage ich Ihnen. Es war ein Katastrophenjahr voller Verlockungen, Versuchungen und Selbstgeißelungen, da sich der erhoffte Erfolg nicht einstellte. Ich verabscheute mich für die Schwäche, dem Ruf des guten Essens immer wieder gefolgt zu sein. Dafür hatte ich permanent schlechte Laune. Mein soziales Umfeld schrumpfte deutlich schneller als mein Gewicht. Ich habe Freunde angeblafft, weil sie mich ungebeten zum Essen einluden: Das macht ihr doch absichtlich, damit ich nicht abnehme, ihr Satansbraten!

Die Suche nach der richtigen Diät

Das schlimmste Martyrium war aber die Suche nach der richtigen Diät. Es war eine Odyssee. Mehr als 30 Millionen Einträge gibt es bei Google unter dem Suchbegriff "Diät". Man klickt in eine x-beliebige Seite und blickt zwei Sekunden später auf Wesen, die eine erfolgreiche Diät hinter sich haben. Ich glaube, diese Leute kommen nie zum Essen, weil sie permanent in der Fitnessbude rumhampeln und anschließend in die Sauna gehen, um Yogaübungen zu absolvieren, um Körper und Geist fit zu halten, wie das heutzutage so schön heißt. Sport und Yoga. Das fehlte mir gerade noch.

Ich staunte über all die Experten, die zu wissen glauben, was wir Moppelchen denken. Eine Hellseherin von "Fit for Fun" schrieb nach einem Blick in ihre Glaskugel: "Wieder einmal haben Sie sich vorgenommen, Ihre Figur bis spätestens zum Sommer so zu verbessern, dass Sie sich gern und mit reichlich nackter Haut präsentieren können." Ganz schön clever von der Hellseherin, das Jahr des erwähnten Sommers nicht mit anzugeben. Überhaupt stimmte das ja alles gar nicht. Ich will mich nicht "verbessern", sondern schlank werden wie ein Italienisches Windspiel. Schon gar nicht möchte ich nackte Haut präsentieren, da würde ich nur Frauen und Kinder erschrecken.

Fettverbrennung und "Schmoll braten"

Überall las ich von Fettverbrennung, die leider nichts mit Schmorbraten zu tun hat. (Die Autokorrektur wollte daraus "Schmoll braten" machen. Das hättest du wohl gern, du blöde Technik. Nix da!) Dummerweise habe ich es mit der Fettverbrennung übertrieben und mir eine brennende Kerze an die Wampe gehalten. Keine zwei Sekunden habe ich das ausgehalten.

Irgendwann stieß ich auf die "Steinzeitdiät". Bei der, verriet mir das hammerkluge Portal gesundheit.de, "sind nur solche Lebensmittel erlaubt, die auch schon unseren Vorfahren in der Steinzeit zugänglich waren". Eine Nachfrage im Supermarkt ergab, dass Mammutfleisch seit einigen Tausend Jahren nicht mehr lieferbar sei. Blieben also nur noch Nüsse, Muscheln, Samen, Beeren, Wurzeln, Fisch und Wasser. Sie hätten das Gesicht der Polizisten hoch zu Ross sehen sollen, als ich versuchte, im Berliner Tiergarten die Wurzel einer alten Eiche auszubuddeln. Ich musste mit aufs Revier, wo mir Kaffee und Kuchen angeboten wurde, was ich allein aus Gründen des Einschleimens an- und zu mir genommen habe.

"Wer soll denn davon satt werden?"

"Instyle" verkündet auf seiner Website: "Die ketogene Diät verbrennt Fett wie keine andere". Yes! Freundlicherweise lieferte die "Instyle"-Crew gleich Essensideen für eine Woche mit. Unter "Snack" standen da Kostbarkeiten wie "Chips aus Grünkohl", "10 Gramm Mandeln", "3 Apfelscheiben mit Tahin" und "Apfelscheibe mit 2 Löffeln Erdnussbutter". Am Ende der Woche hatte ich mehr als einen halben Apfel über. Den konnte ich ja nun schlecht an bedürftige Models spenden oder in den Biomüll werfen. Also habe ich ihn gegessen, die ketogene Diät abgebrochen, mich mies gefühlt und zur Selbstbestrafung die ZDF-"Küchenschlacht" gesehen, wo Cornelia Poletto gerade fragte: "Apfelscheibe mit zwei Löffeln Erdnussbutter - wer soll denn davon satt werden?"

Als ich die "16:8-Diät" entdeckte, war ich voller Euphorie. Bei der "kannst du während 8 Stunden essen, dann wird 16 Stunden gefastet", heißt es im Internet zur Erklärung. Super! Endlich passte eine Diät voll zu meinem Lebensrhythmus. Von da an schlief ich 16 Stunden und aß die übrigen 8. Erfolg stellte sich nicht ein. Dafür gingen meine Einnahmen aus beruflicher Tätigkeit stark zurück.

Nur essen, nicht anfassen!

Irgendwann im Herbst 2018 entdeckte ich die Diät, die neue Hoffnung versprach: Iss nur das, was du nicht anfassen kannst! Das wirkte. Allerdings bekam ich schon bald riesigen Hunger und behalf mir mit einem Trick, die strenge Regelung des Nicht-Anfassens zu umgehen. Ich nahm haufenweise Suppe zu mir. Die kann man ja nicht so richtig anfassen, gleitet sie einem doch durch die Hände.

Um mich dem Thema auch intellektuell zu nähern, widmete ich mich Richard Balaton, einem - wie mir scheint - völlig zu Recht vergessenen französischen Philosophen, der es noch nicht mal zu einem Wikipedia-Eintrag gebracht hat. Ich führe das auch hier nur an, damit der Leser merkt, wie klug ich bin. Balatons Hauptwerk lautet "La soupe jaune de la France ou pourquoi le vrai sens de la vie réside dans les cuisses de grenouille", also "Frankreichs gelbe Suppe oder warum in Froschschenkeln der wahre Sinn des Lebens liegt". Man muss es gelesen haben, möglichst im Original. Ich gab nach fünf Seiten auf, weil ich nur Campingplatz-Französisch beherrsche: "Une nuit. Une tente. Une personne." Also tippte ich Seite für Seite bei "Google translate" ein, um bald danach zu erfahren, dass Suhrkamp das grandiose Werk in seiner Reihe "Action Nouvelle Crème Brûlée" in der Übersetzung von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel, die kürzlich Raymond Queneaus "Stilübungen" wunderschön ins Deutsche übertrugen, 2019 herausbringen will.

Die Suppen hingen mir bald zum Halse raus, weshalb ich Ende November auf das bewährteste Mittel zum Abnehmen setzen wollte: Liebeskummer! Dann geht es einem so scheiße, dass man nichts mehr hinterkriegt. Den bekommt man aber nur, wenn man in Reichweite einer Frau kommt, was bei mir quasi unmöglich ist so, wie ich aussehe. Ein fataler Kreislauf, der nur für Frust sorgt, weshalb ich Weihnachten 2018 wieder alles in mich reinstopfte, was mir unter die Augen kam. Auf ein Neues!

Quelle: n-tv.de

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