Leben

"Kein Tag für eine Lehrpredigt" Ein Pfarrer und die "Weihnachtschristen"

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Im Weihnachtsgottesdienst ist man selten allein.

(Foto: picture alliance / dpa)

Zu Weihnachten zieht es viele Menschen zum Gottesdienst, die sonst kaum etwas mit Religion am Hut haben. Pfarrer Kaspar Plenert heißt diese "Weihnachtschristen" herzlich willkommen, auch wenn ihre Erwartungen ihn herausfordern.

n-tv.de: Das ganze Jahr über sind die Kirchen leer, am Weihnachtsabend müssen zusätzliche Stühle aufgestellt werden. Macht Sie das als Pfarrer ärgerlich?

Kaspar Plenert: Nein, mich ärgert es nicht und viele meiner Kollegen mittlerweile auch nicht mehr. Ich freue mich eher, dass die Menschen zu uns kommen, und dann wollen wir ihnen auch einen schönen Tag bereiten und mit ihnen dieses wunderbare Fest feiern.

Ist denn Heiligabend eine Gelegenheit, eine Tür für diejenigen zu öffnen, die mit Kirche nicht mehr so viel am Hut haben?

Ja, aber eher durch guten Inhalt. Das ist nicht der Tag, an dem der Pfarrer eine Lehrpredigt halten sollte.

Sondern?

Es ist eher der Tag, an dem man sich auf die Botschaft konzentrieren sollte: Dieses wunderbare Faszinosum, dass Gott selber Mensch geworden und damit die Liebe auf die Erde gekommen ist. Und natürlich zu fragen, was das bedeutet: Dass das eben nicht eine Frage von Macht und Gewalt war, sondern, dass alle voller Vorfreude und Liebe unterwegs waren. Die Hirten, die sich zusammen auf den Weg gemacht haben zum Kind in der Krippe, genauso wie die Heiligen Drei Könige. Das kann man sehr gefühlsbetont rüberbringen und muss nicht stupide die Weihnachtsgeschichte nach Lukas runterrattern.

Pfarrer müssen ja jeden Sonntag predigen, ist die Weihnachtspredigt da noch etwas Besonderes?

Ja, schon. Es ist schwieriger, weil das Thema jedes Jahr das Gleiche ist. Daran ändert sich ja nichts. Im Lauf des Jahres kann man tagesaktuelle Dinge in die Predigt einfließen lassen. Dazu kommt, dass zu Heiligabend ganz andere Menschen in den Bankreihen sitzen als im Rest des Jahres. Da kennt man die Gottesdienstbesucher, weiß etwas von ihnen, trifft sie auch sonst in der Gemeinde und weiß dann auch, was sie anspricht. Zu Heiligabend ist die Gruppe viel heterogener, die Erwartungen sind auch vielfältiger.

Gibt es einen definierten theologischen Inhalt, der trotzdem vermittelt werden muss?

Ich denke, niemand würde darauf verzichten, zu sagen, dass Gott Mensch geworden ist. Das ist und bleibt die Geschichte, wie Jesus auf die Welt gekommen ist. Egal, wie groß die gewünschte familiäre Heimeligkeit ist, für die Menschen an diesem Tag in die Kirche kommen: Es geht eben nicht um das wunderbare Beschenktwerden mit den neuesten Errungenschaften der Technik. Oder um den größten Braten. Theologisch geht es darum, wie Gott eine Herberge bei uns Menschen gefunden hat.

Jeder wird trotzdem schon mal eine Weihnachtspredigt erlebt haben, bei der der Pfarrer die Gemeinde ordentlich zusammengestaucht hat. Können Sie das verstehen?

Ich kann verstehen, dass die Chance verlockend ist, weil die Hütte endlich mal gerammelt voll ist. All das, was man an eigenem Groll und eigener Unzufriedenheit angesammelt hat, drängt dann nach oben. Weil alle anderen Predigten und Gottesdienste ja auch gut vorbereitet sind und es schön wäre, wenn viele Menschen dabei wären. Aber das Zurechtweisen der sogenannten "Weihnachtschristen" widerspricht natürlich der Botschaft des Tages, die wir da vermitteln wollen.

Wann haben Sie Ihre Predigt geschrieben?

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Kaspar Plenert ist Pfarrer der Erlösergemeinde in Berlin-Tiergarten.

(Foto: Evangelische Kirchengemeinde Tiergarten)

Erst nach dem vierten Advent und dann ist es wie bei jeder Predigt. Ich beschäftige mich inhaltlich mit dem Thema und hoffe auf Inspiration. Dann ist es einfach Handwerk, wie jedes Schreiben eines Textes. Ich habe den Anspruch, dass jede Predigt gut sein soll. Aber an diesem Tag ist die gefühlte Fallhöhe höher, wenn die Kirche voller ist. Aber das ist ja nur eingeredet, weil einem auch drei Leute sagen können, dass die Predigt schlecht war.  

Es gibt ja jede Menge Gottesdienste zu Weihnachten, klassische, aber auch Krippenspiele, in denen die Weihnachtsgeschichte nachgespielt wird. Welcher ist Ihnen denn der liebste?

Privat bin ich 23-Uhr-Gänger.

Warum?

Weil es für mich die Möglichkeit ist, Teil der Gemeinde zu sein und ich einfach mitfeiern kann. Meist ist dann auch die Kirche schon wieder leerer, weil es eine viel bewusstere Entscheidung ist, um diese Zeit in die Kirche zu gehen.

Und beruflich?

Bei den Krippenspielen bin ich aufgeregter, weil ich da ja nicht die Hauptarbeit und -verantwortung habe, sondern die Kinder und Jugendlichen oder wer auch immer es macht. Da bin ich dann mehr bei denen und gar nicht so sehr bei der Gemeinde. Aber wer nur einmal im Jahr in die Kirche geht und Kinder hat, der kommt natürlich eher zum Krippenspiel.

Wie oft müssen Sie in diesem Jahr ran?

Ich habe zwei Krippenspiele und einen Predigtgottesdienst.

Viele Menschen kommen einfach in den Weihnachtsgottesdienst, weil dort zusammen gesungen wird. Welche Rolle spielt das für Sie?

Für mich als Privatperson finde ich das auch immer wunderbar und schön. Es ist ja auch einfach etwas lauter, weil mehr Menschen da sind. Wenn ich Weihnachtsgottesdienst mache, bin ich manchmal ein bisschen traurig, weil gar nicht so viele mitsingen. Aber für viele ist das Singen einfach der wirkliche Anfang von Weihnachten. Deshalb kommen sie ja in die Kirche. Das hat ja nicht nur etwas mit Traditionen zu tun. Und wenn eine ganze Kirche voller Menschen zusammen mit der Orgel Weihnachtslieder singt, das ist einfach wunderbar.

Mit Kaspar Plenert sprach Solveig Bach

Quelle: ntv.de