Leben

Aus der Schmoll-Ecke Ein nicht ganz dichter Dichter für die Grünen

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Der Kolumnist würde auch nicht gleich auf einem Denkmal bestehen, im Bild Goethe und Schiller.

(Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild)

Wer den Vorschlag eines Bundestagspoeten macht, wird nur mehr als eine Woche später von Katrin Göring-Eckardt empfangen. Wer sich bei ihr um den Posten bewirbt, bekommt keine Antwort. So hat es jedenfalls unser Kolumnist erlebt. Was sagt das über die Politik?

Geschätztes Publikum, was haben Sie nur für ein Dusel, jeden Samstag entweder die Kolumne meiner sehr geschätzten Kollegin Verena-Maria Dittrich oder meiner Vieligkeit - ich bin keine Wenigkeit! - lesen zu können. Aber dieses Mal haben Sie noch viel mehr Glück als sowieso. Es gleicht einem Wunder, dass ich es geschafft habe, diesen neusten Beitrag zur Kritik der reinen Unvernunft zu verfassen. Denn eigentlich fehlt es mir an Zeit.

Ich befinde mich nämlich gerade im Trainingslager, genau gesagt: im Höhentrainingslager. Ich möchte die hohe Kunst des Dichtens auf ungeahnte Höhen bringen. Hier ist eine Kostprobe meiner Fähigkeiten, ein, wie ich finde, gelungenes Gedicht. Gedacht ist mein Erstling für einen Freitagmorgen im Bundestag, bevor die fleißigen Abgeordneten in ihre Wohnorte zurückkehren.

Bitte tun Sie nicht verzagen, einmal müssen Sie noch tagen - Dann können Sie nach Hause fahn, natürlich mit der Eisenbahn - Damit das Klima ist geschützt, weil das dem ganzen Volke nützt!

Zack, und schon kann Tino Chrupalla dem nächsten Kinderreporter wenigstens ein einziges Beispiel deutscher Dichtkunst nennen. Nun ahnen Sie es schon: Jawoll, ich möchte Parlamentspoet werden. Und wie Sie sehen, habe ich, um mich bei den Grünen einzuschleimen, den Klimawandel und die Abkehr vom Auto zum Thema meines Opus 1 gemacht, wobei es gut möglich ist, dass uns bis zu meinem Amtsantritt im Bundestag der Strom ausgeht und keine Bahn mehr fährt. Dann können wir uns damit trösten, dass wir keinen Atommüll mehr produzieren. Alles hat seinen Energiepreis.

Auf Weh und Wunden gute Salbe! Auf groben Klotz ein grober Keil! Auf einen Schelmen anderthalbe!

Ich bin ein Schelm und bereit für die Dresche. Obwohl ich es ernst meine! Ich habe eine Mail an die "sehr geehrte Frau Göring-Eckardt" geschrieben, wobei ich in der Anrede davon ausging, dass sie ihr bei Geburt zugewiesenes Geschlecht akzeptiert. In meiner elektronischen Post verwies ich auf meine jahrzehntelange Schreibtätigkeit, aber auch darauf, dass ich von Einwanderern abstamme. Mein Opa war Österreicher, meine Oma und meine Mutter stammten aus Pommern. "Ich hoffe, das ist divers genug", schrieb ich und fragte. "Wo kann ich meine Bewerbung hinschicken?"

Ja, der Plan ist verrückt

Leider habe ich keine Antwort erhalten - fast zwei Wochen sind nun rum. Das spricht für eine gewisse Ungleichbehandlung von In-Deutschland-Wohnenden, wie Bürger neuerdings politisch korrekt genannt werden müssen, weil man aus Bürger nicht Bürgernde machen kann, da die Verwechslungsgefahr mit Bürgenden enorm wäre und Bürgende nun mal etwas anderes sind als In-Deutschland-Wohnende. Zurück zum Thema. Ich finde es erstaunlich: Wer den Vorschlag für einen Parlamentspoeten macht, erhält wenige Tage später Audienz bei der Vizepräsidentin des Bundestages, während ein freundlicher Bewerber in spe nicht mal eine Antwort bekommt, wohin er seine Unterlagen samt Textproben (siehe oben) schicken soll.

Aber ich gebe zu, mein Plan ist verrückt. Meine Chancen sind marginal, das poetische Sprachrohr des Parlaments aller In-Deutschland-Wohnenden zu werden. Mich dünkt, meine Mail hinterließ den falschen Eindruck, ich wäre ein nicht ganz dichter Dichter. Die drei Urheber der Idee, den Posten des Parlamentspoeten zu schaffen, denken außerdem an "eine junge, türkischstämmige" Dichterin. Nach zwei Jahren käme "ein jüdischer Autor" infrage, wiederum "zwei Jahre später eine Schriftstellerin aus Ruanda", danach "ein syrischer Dichter, Musiker, Maler". Von Sachsen ist da nicht die Rede. Ich bin kein Betroffener, kein Unterdrückter, keine Frau, sondern ein alter weißer Mann, obendrein Atheist. Pech gehabt.

Die Kommission, die den Poeten bestimmen wird, soll nach dem Willen der drei Petitenten so besetzt sein, "dass sie unser Land wirklich repräsentiert: so divers wie nur irgend möglich". Damit sind Denis Scheck und Elke Heidenreich schon draußen, zumal beide den Genderstern gerne verglühen lassen würden. Ob da ein gebürtiger Ostzonaler wie ich zum Zuge käme? Garantiert nicht. Meine Herkunft und alles andere passen nicht. Da brauchen sich die Grünen und ihre Mitstreitenden nicht zu wundern, dass sich der eine oder die andere In-Deutschland-Wohnende von der Politik nicht mehr mitgenommen fühlt, dass die Spaltung immer tiefer wird.

Kunst dient seit Jahrhunderten auch dazu, den Regierenden die Meinung zu geigen oder zu dichten. Heute haben viele ihrer Protagonisten den Anspruch, woke zu sein, Haltung zu zeigen, alimentiert vom Staat auf der richtigen Seite zu stehen sowie Lieder und Gedichte über den Klimawandel und andere Apokalypsen zu verfassen, frei nach Christian Morgenstern: "Es gibt für Unzählige nur ein Heilmittel - die Katastrophe."

Die Phantomin der Oper

"Eine starke Kultur und ein wertschätzender Umgang mit unserer Sprache sind essenziell für jede offene Gesellschaft", meint Frau Göring-Eckardt. Starke Kultur und Politik? Wenn ich mich recht entsinne, stellen die Grünen mit Claudia Roth die Staatsministerin für Kultur im Kabinett von Olaf Scholz. Beide sind gerade öffentlich nicht wahrnehmbar. Er ist das Phantom der Berliner Republik, sie ist die Phantomin der Oper.

Ja, Sprache ist essenziell. Ich bin sehr gespannt, wie die Parlamentspoeten den Genderstern in der Dichtkunst verwirklichen, wie sie ihn mitsprechen, damit sich von den Versen jede und jeder angesprochen fühlt. Gebannt warte ich auf den Wortlaut der Ausschreibung für den Job, ob sich der Bundestag an Freiburg ein Beispiel nimmt. Stellenanzeigen versieht die Stadt im Breisgau künftig mit dem Zusatz (a) für "alle". Berufsbezeichnungen gibt es nur noch in der weiblichen Form, also gesucht wird nicht mehr eine "Lehrer_in", sondern eine "Lehrerin (a)". Denn Freiburg liebt - genau wie ich - alle Menschen, unabhängig von Geschlecht, sexueller Orientierung, Behinderung, Alter, Herkunft oder Religion. Statt solcher Kriterien zählen für die Stadtverwaltung Talent, Können und Einsatz, wie die Kommune verkündete.

Was umgekehrt heißt, dass bisher "Talent, Können und Einsatz" eher eine untergeordnete Rolle spielten. Kein Wunder, dass Heerscharen von Baden-Württembergern nach Berlin ziehen, darunter offenbar Freiburger, die die Probezeit im öffentlichen Dienst nicht bestanden haben und nun in der Bundeshauptstadt Wahlen organisieren und Flughäfen planen.

"Bundestag sucht Poetin (a) - Geschlecht, sexuelle Orientierung, Behinderung, Alter, Herkunft oder Religion sind nicht entscheidend. Wichtig sind Talent, Können und Einsatz." Wäre das die Ausschreibung, würden meine Chancen steigen, "Parlamentspoetin (a)" zu werden. Ich hätte aber eine Bedingung. Ich würde darauf bestehen, dass jedes Mal, bevor ich eines meiner Werke rezitiere, das "Kaiserquartett" von Joseph Haydn gespielt wird, zumindest der zweite Satz, der "Poco Adagio", also "etwas langsam", vorgetragen werden muss. Das passt zu mir, aber auch zu Deutschland - und seiner neuen Fortschrittskoalition. Es lebt die Kunst!

Quelle: ntv.de

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