Leben

Neben Licht auch viel Schatten Ein wenig entzaubert: die Humboldts

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Ein ungleiches Brüderpaar: Wilhelm und Alexander von Humboldt (v.l.)

(Foto: links: Her Majesty Queen Elizabeth II 2019, rechts: Privatsammlung)

In Deutschland haben sie einen gewissen Star-Status erreicht: der Bildungsreformer Wilhelm von Humboldt und sein Bruder Alexander, der Forschungsreisende. Aber anhand von Marmor-Krokodil und Goldsand lässt sich auch eine nicht ganz so heldenhafte Geschichte erzählen.

Hat das antike Krokodil aus weißem Marmor eine Zunge oder nicht? Alexander von Humboldt schaut der Tierskulptur tief in den geöffneten Rachen, als er 1805 seinen Bruder Wilhelm in Rom besucht und durch das Vatikanische Museum läuft. Erst kurz zuvor ist er von seiner Amerikareise zurückgekehrt. Dort hat er bei der Sektion eines Krokodils dessen Anatomie in Hinblick auf die Atmung erforscht und gezeichnet. Sein Vergleich überführt nun die antiken Bildhauer: Sie haben vergessen, dem Reptil eine Zunge zu verpassen.

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Das zungenlose Krokodil ist eines der Höhepunkte der Ausstellung.

(Foto: Deutsches Historisches Museum / David von Becker )

Anders als Alexander ist Wilhelm von Humboldt nicht dafür bekannt, dass er Körperstudien anfertigt, Steine und Pflanzen sammelt. Er katalogisiert etwas anderes: die Sprachen der Welt und deren Schriftsysteme. Und genau deswegen kann auch er sich für ein Tier begeistern, genauer gesagt für den "Heiligen Ibis". Denn der Vogel ist eines der Zeichen der ägyptischen Hieroglyphen, die Wilhelm zu dechiffrieren versucht.

Nicht noch eine Heldengeschichte

In Deutschland sind die Humboldts heute so etwas wie Superstars der Wissenschaftsgeschichte. Wilhelm, geboren 1767, gilt als Politiker mit diplomatischem Geschick und vor allem als Bildungsreformer, der Menschen aller Schichten den Zugang zu Bildung ermöglichen wollte. Sein zwei Jahre jüngerer Bruder Alexander, dessen 250. Geburtstag in diesem Jahr viel Aufmerksamkeit erregte, bereiste als forschender Abenteurer die Welt. Wie ein Besessener sammelte er Tausende naturkundliche und kulturelle Objekte, verlor nie das große Ganze aus dem Blick und beschrieb das verletzliche Band, das Mensch und Natur verbindet. Ihr visionärer Weitblick und ihr globales Denken brachte beiden Brüdern den Ruf ein, ihrer Zeit voraus zu sein.

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4000 Seiten seiner in Leder gebundenen Reisetagebücher füllte Alexander von Humboldt während seines Aufenthaltes in Amerika.

(Foto: bpk / Staatsbibliothek zu Berlin / Carola Seifert)

Viele Heldengeschichten ranken sich daher um die "Pioniere der Moderne". Noch eine will die Ausstellung "Wilhelm und Alexander von Humboldt" im Deutschen Historischen Museum in Berlin daher nicht schreiben. Bénédicte Savoy und David Blankenstein möchten die Brüder vielmehr als historische Persönlichkeiten ihrer Zeit um 1800, einer Epoche großer Umbrüche, kritisch betrachten. Anhand von 350 Objekten werfen die beiden Kuratoren Schlaglichter auf wichtige Themenfelder im Leben der Brüder.

Der Grundstein ihres Gelehrtentums, Forscherdrangs und Wissensdursts, wofür die Humboldts heute bewundert werden, wurde schon in Kindertagen gelegt. Die Brüder wuchsen in einem privilegierten Berliner Umfeld auf, ihr Privatunterricht folgte einer Pädagogik im Sinne der Aufklärung - weniger Religion, mehr "Welt" und Experiment in der Natur. Davon zeugen Zander, Steinbeißer und Stichling, die Alexander um 1780 aus dem Tegeler See fischte und die nun als Feuchtpräparate in zylindrischen Gläsern ruhen, sowie eine selbstgezeichnete Karte mit allen Kontinenten von Asien bis Amerika, ergänzt durch das Planetensystem.

Wilhelm, der Sesshafte? Nicht wirklich

Als etwa 20-Jährige erlebten die Brüder die Französische Revolution und machten die Erfahrung, dass sich eine Gesellschaft grundlegend verändern kann. Die Umwälzungen weckten Wilhelms Interesse für Staatstheorie und er nahm ab 1814 am Wiener Kongress und damit der Neuordnung Europas teil. Der Stuhl, auf dem er damals saß - mit goldenem Stoff bezogen und mit dem Wappen der Familie Humboldt bestickt - ist in der Ausstellung zu sehen.

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Ein baskischer Sattel, genannt "Cacolet", war zu Pferd ein beliebtes Transportmittel.

(Foto: Musée Basque et de l'histoire de Bayonne)

In der Regel gilt Wilhelm als der Sesshafte der beiden Brüder. Doch die Kuratoren fördern in Sachen Mobilität Überraschendes zutage. Während sein Bruder 8000 Kilometer durch Amerika reiste, legte Wilhelm ganze 9000 Kilometer in Italien, Frankreich und Spanien zurück. Dafür stehen ein baskischer Doppelsattel und ein Gemälde, das eine kleine Familie auf einem Bergpfad in den Pyrenäen zeigt - möglicherweise Wilhelm, seine erstgeborenen Kinder und seine schwangere Frau Caroline, mit der er insgesamt acht Töchter und Söhne hatte und eine offene Beziehung führte.

Eines der größten Objekte der Ausstellung ist ein Pferdekopf der Quadriga auf dem Brandenburger Tor, der im Zuge von Napoleons europäischem Kunstraubzug nach Paris transportiert wurde. Der Kopf stehe für "die erste große Restitutionsdebatte" der Geschichte, so Savoy. Und in der spielten die Humboldt-Brüder ganz unterschiedliche Rollen: Alexander half dabei, Kunstwerke nach Paris zu bringen, Wilhelm wiederum setzte sich für deren Rückgabe ein.

Wissenschaft trifft Macht

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Dieses Lama stammt vermutlich aus der Hand von Alexander von Humboldt.

(Foto: bpk / Kupferstichkabinett, SMB / Jörg P. Anders)

Viele der beeindruckenden Objekte zeugen von Alexanders Sammelleidenschaft. Gepresste Pflanzen und unterschiedliche Gesteinsarten sind zu sehen. Außerdem Tagebücher, Briefe und Zeichnungen, zum Beispiel die eines etwas unbeholfen porträtierten Lamas. Auch die letzten drei erhaltenen Instrumente, die Alexander mit nach Amerika nahm, liegen in einer der Vitrinen: ein Sextant, ein Teleskop und ein künstlicher Horizont. Ursprünglich hatte er 75 modernste Messwerkzeuge dabei.

Einige Exponate, wie eine Goldsand-Probe, stehen sinnbildlich für die oftmals enge Verknüpfung von Wissenschaft und Macht. Denn Alexanders Forschungen lieferten auch Material für Europäer, die jenseits des Atlantiks nach neuen Geschäftsmöglichkeiten suchten. So hielt er zum Beispiel die Routen fest, auf denen Rohstoffe in Südamerika transportiert wurden.

Ein bekanntes und gleichzeitig fragwürdiges Objekt fehlt in der Ausstellung aus ethischen Gründen: der Atures-Schädel. "Armes Volk, selbst in den Gräbern stört man deine Ruhe!", kommentierte Alexander von Humboldt und raubte den Kopf dennoch aus einer Begräbnisstätte des ausgestorbenen indigenen Stammes am Orinoco.

Ohne Kolonialismus keine Reisen

Einen prominenten Platz hingegen hat das eingangs erwähnte Krokodil, das erstmals außerhalb Italiens zu sehen ist, und auch ein präparierter Ibis ist unter den Exponaten. Die Geschichten, die sich mit ihnen erzählen lassen, haben einen nicht unwichtigen Subtext: Ohne koloniale Strukturen hätten die Biografien der Humboldts wohl ein bisschen anders ausgeschaut. Alexander konnte nur in Amerika forschen, weil er eine Erlaubnis des spanischen Königs besaß. Und Wilhelm, der Europa nie verlassen hat, profitierte davon, dass andere Reisende Informationen zu unterschiedlichen Sprachen mitbrachten.

Ohne ihre Leistung im Geringsten zu schmälern, holen Savoy und Blankenstein die Humboldts ein wenig von ihrem hohen Sockel. Denn sie zeigen das ungleiche Brüderpaar, wie sie selber formulieren, "als Europäer, als Zeugen der Aneignung der Welt, als Akteure politischer, wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Reibungsprozesse, die neben Licht auch viel Schatten warfen".

Die Ausstellung "Wilhelm und Alexander von Humboldt" ist bis zum 19. April 2020 im Deutschen Historischen Museum zu sehen.

Quelle: n-tv.de

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