Leben

Die Dinge des Lebens Happy Weihnukkah? Hauptsache happy!

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Feste der Liebe - was will man mehr?

(Foto: imago/Uwe Steinert)

Ich habe einen Text gelesen, in dem eine Kolumnistin beklagt, dass einem alle "Frohe Weihnachten" wünschen, obwohl gar nicht jeder Weihnachten feiert. Ich kann an fast nichts anderes mehr denken seitdem. Und Sie lesen nun "Die Dinge des Lebens" statt der "One Woman Show".

Neulich habe ich einen Text gelesen, in dem eine Kolumnistin sich darüber mehr oder weniger beschwert hat, dass momentan alle einem "Fröhliche Weihnachten" wünschen würden, obwohl doch gar nicht jeder Weihnachten feiert. Und dass "wir" jetzt nur darauf hingearbeitet haben, dass "wir" Weihnachten zu Hause unterm Baum sitzen können und uns Gänse in den Rachen stopfen, als ob es keine anderen Probleme oder Religionen gäbe. Irgendwie habe ich, als Freizeit-Christin, mich angegriffen gefühlt. Denn ich feiere grundsätzlich sehr gerne. Auch jedes Fest der anderen. Vor allem mit "den anderen". Und wenn Weihnachten dran ist, dann ist Weihnachten dran.

Ich dachte darüber nach wie es wäre, wenn ich in Israel wohnen würde und mir keiner seit September ein "Frohes Fest" wünschen würde. Und wie ich eventuell Chanukkah verpasst hätte, einfach, weil ich dazu neige, auch Geburtstage zu vergessen. Oder was wäre, wenn ich in Kairo leben würde? Ich wüsste - so meine Vermutung - hundertprozentig, wann das Zuckerfest ist, aber ich würde trotzdem nicht alle anderen Feiertage aus dem EffEff kennen. Oder wissen, was ich da sagen soll. Oder lieber nicht sagen sollte, und zu wem. Wenn ich länger in Kairo leben würde, dann würde ich natürlich versuchen, diese Feste auf dem Zettel zu haben und mitzufeiern. So wie meine arabische Ex-Familie, die immer Weihnachten mitgefeiert hat. Wegen der Kinder, und weil sie eh alle immer gern zusammen waren. Und weil auch die Läden zu hatten und alle Zeit füreinander hatten. Warum also nicht arabische Weihnachten unterm Baum mit ordentlich Baklava?

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So THIS is Christmas!! Wie John Lennon schon vor langer Zeit wusste.

(Foto: imago images/Everett Collection)

Oder in Thailand? Ich meine, da merkt man es jetzt höchstwahrscheinlich total deutlich, dass Weihnachten auf jeden Fall anders läuft als sonst, weil kein Tourist kommt. Die Weihnachtsflüchtlinge müssten ja zwei Woche in strenge Quarantäne, und das will nun auch wieder keiner, wenn er nur zwei Wochen Urlaub hat, um vor der Familie zu flüchten. Ich würde das also mal so hinnehmen, wenn mir woanders keiner etwas wünscht am 24.12., denn ich wäre ja woanders (!), wo man eben andere Feste feiert. Ich würde übrigens vor allem versuchen, diese Feste der anderen zu meinen zu machen. Das wäre im Hinblick auf die Völkerverständigung, die Toleranz und die Erziehung der Kinder zu multikulturellen Wesen geradezu essenziell für mich. Aber das ist Typsache.

Ich will jetzt gar nicht abwerten, was die Kolumnistin mit jüdischen Wurzeln, in Berlin lebend, die ich sehr schätze, da geschrieben hat, denn wenn sie das so fühlt, dass sie sich irgendwie genervt oder ausgeschlossen oder überrumpelt fühlt, dann hat das sicher seine Berechtigung. Aber ich denke so viel darüber nach seitdem - was ja grundsätzlich gut ist. Meine jüdischen Freundinnen haben mir versichert, dass sie mir verziehen haben, dass ich ihnen dieses Jahr nicht rechtzeitig Happy Chanukkah gewünscht habe, einfach, weil so viel zu tun war noch gegen Jahresende. Ich gehöre zu denen, die - glaub' ich jedenfalls - mehr gearbeitet haben als sonst, nicht weniger. Meine jüdischen Freundinnen mussten jedenfalls auch zwei Mal in den Kalender gucken für ihre eigenen Feiertage. Sonst haben wir gern zusammen gefeiert, denn Weihnachten + Chanukkah = Weihnukkah. Jetzt also Coronachten.

A Mensch

Zurück zu Weihnachten, dem Fest der Liebe. Und der Familie. Und der Verwandten. Es ist schon komisch, dass sich dieses Jahr alle dermaßen crazy nach ihren Verwandten sehnen, die sie sonst das ganze Jahr nicht treffen wollen. Mit denen nun nicht unter dem nadelnden Tannenbaum zu sitzen scheint ja mittelschwere Depressionen auszulösen. Aber so ist er, der Mensch - er will immer das, was er nicht haben kann. Und so ist es eben auch zu Weihnachten. Wenn die, bei denen Weihnachten gefeiert wird, endlich verstanden haben, in welcher Form und mit wie vielen sie feiern dürfen, dann ist ja vielleicht noch ein Plätzchen am Tisch der "Heiligen Kern-Familie" frei, und dann könnte man einen einsamen Freund oder eine andersgläubige Freundin mit einem Kind unter 14 (oder 12?) einladen. Alles schon da gewesen, verrückt! So etwas macht schließlich a Mensch aus, wie meine jüdischen Freunde und Freundinnen sagen. Dieses Jahr bei mir jedoch eher nicht, denn der gefährdete Opa wird extra aus dem Heim geholt, und der hat just den letzten Corona-Ausbruch dort überlebt und wird nun geschont.

Wenn ich da also unterm Baum hocke, die Geschenke verteile - und entgegennehmen - dann verspreche ich hoch und heilig, an alle zu denken, denen es nicht so gut geht! Und alle, die nicht Weihnachten feiern oder den Chanukkah-Stress schon hinter sich haben: Ich weiß es zu schätzen, dass es mir gut geht! Wir haben wegen Corona (eigentlich wegen Homeoffice) jetzt immerhin endlich einen Hund, einen sehr begrünten Vorgarten, blitzeblanke Fenster, die Bude tipptopp aufgeräumt, grandiose Homeoffice-, Homeschool- und HomeUni-Arbeitsplätze und alle originalverpackten Gesellschaftsspiele gespielt, die wir je geschenkt bekommen haben. Es geht mir gut! Danke. Aber trotzdem darf dieses besch***ne Jahr 2020 sich nun dem Ende entgegen neigen. Danke, aber nein danke. Ich freu' mich auf 2021, mit Ihnen, liebe Lesende!

Quelle: ntv.de