Leben

One Woman Show Hohoho? Hahaha!!

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Goodbye, Deutschland? Wohl eher nicht. Wieder nicht.

(Foto: imago images/ZUMA Press)

Süßer die Glocken nie klingen als zur Weihnachtszeit? Also, bei mir klingelts nur im Kopf. Holen Sie sich Weihnachten zurück! Entziehen Sie sich! Ziehen Sie sich aus statt an, backen Sie, gehen Sie nur einen Tag oder gar nicht einkaufen! Machen Sie den Wahnsinn zum tieferen Sinn!

Was bleibt von Weihnachten, wenn der Geschenkepapierberg erstmal im Altpapiercontainer gelandet ist? Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig … ich höre, wie Sie denken! Ja, Sie fragen sich jetzt, was bleibt: Haben Sie sich letztes Jahr wirklich genug gefreut, als die liebe Tante Ihnen ein Geschenk überreicht hat? Oder wird sie spätestens Ostern lauthals lamentieren, was für ein undankbarer Nichtsnutz - schon immer! - Sie sind? Dass der Schal, den Sie besagter Erbtante, die so gerne feuchte Küsschen verteilt, geschenkt haben, vom Markt auf Mallorca und gar nicht von Louis Vuitton war, hat sie hoffentlich nicht bemerkt mit ihren schlechten Augen und ihrer Phobie, so etwas Primitives wie einen Markt überhaupt zu betreten. Und dass Sie "Kalten Hund" hassen und von Wiener Würstchen mit Kartoffelsalat Kopfsausen bekommen, das hätten Sie ihr vor 30 Jahren sagen müssen - so werden Sie diese leckeren Speisen noch vorgesetzt bekommen, bis einer von Ihnen ins Gras beißt. Und gerade stehen die Chancen nicht schlecht, dass Sie das sind, obwohl Sie viel jünger sind als Ihre Tante. So kann es nicht weitergehen, und bevor Sie nun am 31. Dezember 2019 wieder mit einem Glas Schampus in der einen und einem Böller in der anderen Hand auf irgendeiner verdammten Straße bei Nieselregen stehen und fremden Leuten um den Hals fallen, um ihnen mit Tränen in den Augen ein herzliches "Prosit Neujahr" ins Ohr zu schnäuzen, denken Sie doch lieber HEUTE SCHON mal darüber nach, was Weihnachten für Sie ausmacht. Und wie 2020 aussehen soll.

Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen

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Weihnachten ohne mich ist doch blöd ...

(Foto: imago images/Cavan Images)

Traditionen sind grundsätzlich gut, es drängt sich zu Weihnachten geradezu auf, sie fortzuführen. Ich zumindest mache das so, nicht immer freiwillig. Wenn man über 39 ist und nur zweimal Weihnachten nicht mit seinen Eltern gefeiert hat, dann ist man eine gute Tochter, oder? Einmal, weil der Mann einen verlassen hat und man überhaupt keinen Bock auf diesen Friede-Freude-Eierkuchen-Dreck hatte, einmal, weil man einfach nicht in der Nähe war. Wurde jahrelang nachgetragen, ist inzwischen - aus vielerlei Gründen - aber vergessen. Ich habe also fast kein einziges Weihnachten mit der Heiligen Familie verpasst, weil: "Sabine, ich bitte dich, es könnte Omas letztes Weihnachten sein." Oma war ein echt zäher Knochen und wurde weit über 90. Meine Großmutter verzieh mir mein Fernbleiben, mein Vater nicht, er schmollte wochenlang.

Jetzt, im Nachhinein verstehe ich das, ich will meine Töchter auch um mich haben und fürchte mich vor dem Tag, an dem sie mir sagen werden, dass sie etwas Besseres vorhaben. Dass sie mit ihrem Freund ALLEINE feiern wollen. Oder noch schlimmer: Bei SEINER FAMILIE. Obwohl, da könnte ich mich dann ja irgendwie noch reinwanzen, Weihnachten ohne mich ist schließlich blöd, hat mir mein Vater ja jahrelang eingebläut.

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Was da wohl drin sein mag?

(Foto: imago images/ZUMA Press)

Das peinlichste Weihnachten war einmal, und das sehe ich inzwischen vollkommen anders, jenes Weihnachten, an dem ein Freund von mir … ach, von vorn. Am Weihnachtsabend, ich muss 17 gewesen sein, klingelte es an der Haustür, man wollte gerade die jüngeren und überflüssigerweise auch die älteren Kinder dazu nötigen, irgendetwas "Schönes" darzubieten, ein Gedicht oder ein Lied, damit auch klar wurde, dass Geschenke nie einfach so nebenbei und für umme verteilt werden, da klingelt es also. Vor der Tür stehen zwei Schulfreunde und drucksen herum, sie hätten eine Lieferung für mich. Sie tragen ächzend das riesige Paket herein, und als ich mir gerade ausmale, was wohl in dem Karton sein könnte - eine Vespa, ein Gutschein für einen USA-Flug in übertriebener Verpackung - da hüpft mein guter alter Freund Hans aus der Kiste - "Taddaaa! Merry Christmas, Babe!" ruft er, "hier ist dein Geschenk." Und während ich noch in Erwartungshaltung verharre und auf "das Geschenk" warte, jubeln meine Eltern und der Rest der buckligen Verwandtschaft: "Das ist ja mal eine lustige Idee, sich selbst zu schenken!" Ich versinke vor Pein im Boden, die beiden Träger treten verlegen von einem Fuß auf den anderen, nach Sekunden der Schreckstarre bewege ich mich auf Hans zu und "bedanke" mich: "Schade, dass ihr schon gehen müsst", komplimentiere ich die drei Typen vor die Tür, denn das könnte sonst lange dauern, meine Eltern fanden es immer toll, mit "den jungen Leuten" zu feiern.

Verzeih' mir, Hans, das war nicht nett von mir. Zum Glück sind wir noch immer befreundet, dein Name wurde von der Redaktion geändert und nur einige wenige noch lebende Zeitgenossen werden sich an diesen Auftritt erinnern. Inzwischen hast du andere Auftritte, komponierst Film-Musik und wirst hin und wieder dafür ausgezeichnet (totale Untertreibung, aber Understatement ist inzwischen deine Art) und ich wollte in diesem weihnachtlich angehauchten Text nur mal danke sagen. Denn es ist eine schöne und vollkommen nicht-materielle Episode, die ich mit diesem Fest der Liebe verbinde.

Nie verstritten schlafen gehen

In dem Jahr, in dem meine Mutter im Sommer starb, wollte ich, dass sie Weihnachten bei uns ist. Mehr als alles andere. Ein Wunsch, den mir keiner erfüllen konnte, nicht mal mein Mann, der mir sonst jeden Wunsch von den Augen abliest. Das macht ihn nicht schlechter, machte mich nur realistischer. Ich habe dann, da ich keine Gedichte mehr aufsage und besser auch keine Lieder singe, für die Familie aus dem Tagebuch meiner Mutter vorgelesen. Ich durfte es lesen, sie hatte es mir gegeben. Für jeden in der Familie war etwas dabei und wir haben ein bisschen gelacht und auch ein bisschen geweint. 2008 habe ich ihr das leere Buch geschenkt, sie hatte neun Jahre, es zu füllen. Es beginnt mit: "Am 18. März 1940 wurde ich geboren" und es endet damit, dass sie 2017 viel zu früh gestorben ist, ohne ein einziges graues Haar, dafür mit unendlich vielen Plänen, der größten Liebe zu ihren Enkeln, einer schier unendlichen Geduld und der dringenden Bitte, die Zeit gut zu nutzen und nie verstritten schlafen zu gehen.

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So sah das damals aus.

(Foto: imago stock&people)

Sie hatte mehr Witz als ich ihr lange zugestand ("1943 wurde mein Bruder geboren, ich nannte ihn "Dicker", denn er war es"), meine Mutter erinnert sich in ihrem Tagebuch an die Literatur, die sie liebte, an ihren Stoffpudel, um den die Enkel stritten, als sie klein waren, und ja, natürlich gab es in ihrer Kindheit so gut wie keine Geschenke zu Weihnachten. Ananas in der Dose war DER heiße Scheiß und als das Kaninchen aus dem Stall ihres Großvaters kurzerhand zum Festmahl umfunktioniert wurde, hungerte sie lieber, als den süßen Hoppler zu essen.

Als sie meinen Vater kennenlernte, war meine Mutter "solo", schreibt sie. Meine Lieblingsstelle in den Aufzeichnungen - neben den Notizen zum schönsten Tag im Leben meiner Mutter (meine Geburt, dreieinhalb Jahre sollte ich ein glückliches Einzelkind bleiben) - ist diese: "Es war in einem Freizeitheim am Wannsee. Er war ein junger Mann mit roten Ohren, der sich immer in der Küche bei den Mädchen aufhielt und uns dann mit kleinen Witzen zum Lachen brachte." Natürlich kenne ich diese Witze inzwischen in- und auswendig, denn mein Vater ist mittlerweile dort angekommen, wo man denkt, dass man jeden Witz zum ersten Mal erzählt, und nun erzähle ich sie in Ermangelung eigener Witze. Ich werde immer an das erste Weihnachten ohne meine Mutter denken, und ich werde es gut in Erinnerung behalten, weil es warm zwischen uns Restlichen war.

Ich werde auch dieses Jahr die Erste von uns in der Kirche sein und Plätze am Nachmittag freihalten, während mein Bruder die Sippe einsammelt. Wir werden uns wieder vornehmen, zur Mitternachtsmesse mit den Freunden zu gehen und dann doch bei ihnen zu Hause enden, weil es viel gemütlicher ist, da weiterzutrinken als in der letzten Kirchensitzreihe, wenn es dunkel wird und besinnlich sein soll. Ich kann es kaum erwarten. Was ich geschenkt bekomme, ist mir egal*. Ich verschenke dieses Jahr Zeit. Der Rat meiner Mutter lautete: "Erfüll' dir deine Wünsche, so lange du lebst!" Mach' ich, Mama, versprochen.

* Das stimmt nicht ganz: Sollte mir jemand die CD von Robbie Williams unter den Baum legen, auf der er mit Helene Fischer "Santa Baby" singt, dann kann ich für nichts garantieren. Die schlechteste Version eines der schönsten Weihnachtslieder könnte mich zum Terroristen machen.

Quelle: ntv.de