Leben

Salz des Internets In der Zauberwelt der ASMR-Videos

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Erst ein Haarekämmen-Video auf Youtube - und dann gute Nacht.

(Foto: imago images/Westend61)

Wir sind alle rund um die Uhr erreichbar und Entspannung ist Gold wert. Natürlich gibt's da was aus dem Internet. Die Jagd danach treibt bisweilen bizarre Blüten, die sich unsere Autorin heimlich in die Vase stellt.

Seit Kurzem lenke ich meine ungesunden Obsessionen in neue Bahnen, Youtube sei Dank! Ich habe eine völlig neue Videokategorie entdeckt, die mich wahnsinnig glücklich macht und mich gleichzeitig dümmlich starrend zurücklässt. Das Zauberwort ist nämlich nicht mehr Dankeschön, sondern ASMR. Die nicht besonders attraktive Abkürzung steht für "Autonomous Sensory Meridian Response" und lässt nicht einmal im Ansatz erahnen, welche Zauberwelt hinter dieser sperrigen Bezeichnung steht.

Machen wir uns nichts vor: Die Zeiten sind hart und wer von uns kann nach einem vollgepackten Tag voller mittelschwerer Katastrophen schon gut schlafen? Also ich nicht. Deswegen suche ich im Internet nach Entspannung, die mich die angespannte Nachrichtenlage und den lauten Nachbarn von oben drüber vergessen lässt.

Ich habe wirklich schon alles probiert, um mich von den üblichen "99 Problems", die Jay-Z so weltgewandt besingt, abzulenken. Ich habe gelernt, wie man vorteilhaft sein Gesicht konturiert und so locker zwei bis drei Jahre aus der gestressten Mimik zaubert, ich habe heranwachsenden Youtube-Größen dabei zugesehen, wie sie ihren DM-Einkauf liebevoll ansabbern und alle Katzenvideos der Welt habe ich wahrscheinlich bereits mehrfach abgefeiert. Selbst die in schlechter Qualität und seltsamem Format. Ich kenne keine Schmerzgrenze mehr, was .gifs angeht.

Abstoßend! Oder doch anziehend?

Ich gebe sogar zu, dass ich in einer sehr dunklen Phase meines Dasein stundenlang dabei zusah, wie zwei wirklich gewöhnungsbedürftige Typen, die nicht mal besonders sympathisch waren, im Rahmen eines PC-Spiels Wildschweine jagten und sich dabei unentwegt anschrien, als ginge es dabei um Leben und Tod. Digitale, schlecht animierte Wildschweine. Auf Umwegen entdeckte ich dann das: Privatpersonen mit unverschämt guten Mikrofonen filmen sich dabei, wie sie in die Kamera flüstern, Köpfe massieren oder lange Haare bürsten. So weit, so creepy.

Als ich das erste Mal auf ASMR-Videos stieß, war ich zugleich angezogen und mehr als abgestoßen. Vor lauter Aufregung schaute ich gleich eine halbe Stunde dabei zu, wie eine rotblonde Frau die Haare einer von der Kamera abgewandten Frau mit Bioöl behandelte und dabei im grenzdebilen Flüsterton jeden Schritt kommentierte. Das war der Beginn einer großen Liebe.

Die ersten Videos fühlten sich noch wunderbar verboten an. So als würde man heimlich Pornos schauen. Und tatsächlich verwechselt man schnell die seltsame Intensität der Handlungen mit Anzüglichkeit. Eine Variante des ASMR-Videos täuscht einen Arztbesuch vor, wahlweise mit einem "relaxing ear cleaning". Offensichtlich gibt es also Menschen, die ein Arztbesuch entspannt. Wenn das nicht nach Spaß klingt, weiß ich auch nicht. Die Oberkategorie nennt sich Personal Attention. Offensichtlich etwas, was Menschen dringend brauchen, aber nicht bekommen können.

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Teebeutel sind nicht nur zum Überbrühen da.

(Foto: imago/CHROMORANGE)

Ich habe sogar schon mein persönliches Kryptonit gefunden und ich kann es nur empfehlen: Das sogenannte "Tapping", das hauptsächlich darin besteht, dass mit den Fingerspitzen auf Alltagsgegenständen rumgetrommelt wird. Es klingt genauso abwegig, wie entspannend es tatsächlich auf mich wirkt. Mein Lieblingsvideo dauert fast genau eine Stunde und versetzt mich jedes Mal in den Zustand der Tiefenentspannung. Eine etwas überschminkte Britin mittleren Alters breitet da ihren Teevorrat vor der Kamera aus und klopft nacheinander zuerst Verpackung und dann Teebeutel leicht mit ihren frisch manikürten Fingernägeln ab. Dazu liest sie halb flüsternd die kurzen Werbetexte samt Inhaltsstoffen vor. Der feuchte Traum, von dem ich keine Ahnung hatte, dass ich ihn jemals träumen würde.

Das ist einfach zu viel, da geben selbst meine ruhelosen Beine den Geist auf. Es kribbelt angenehm unter der Schädeldecke und die Wirbelsäule hinunter. Das perfekte Spa-Erlebnis für Menschen mit Sozialphobien und Waschzwang. Völlig keimfrei und wunderbar übergriffig zugleich. Ich weiß: Das alles sagt wahrscheinlich mehr über mich aus, als uns allen lieb ist, aber ganz ehrlich: Whatever keeps you warm at night, oder eben sleepy.

Lukrative Flüsterei

Jetzt könnte man denken, besser geht nicht, aber wissenschaftlich ist die Wirkung dieser Videos kaum belegbar. Man kann halt schlecht Daten von Menschen sammeln, die nur ungerne aus dem Haus gehen und sich im Internet von fremden Leuten in aufwendig produzierten Videos Worte ins Ohr hauchen zu lassen. Will man wahrscheinlich auch lieber nicht. Ist ja schon ziemlich seltsam sowas. Für alle, die aber noch von einer Karriere als Youtube-Star träumen: Bitte. Gern geschehen! Wenn man gut flüstern kann, kann man auch seine Videos monetarisieren. Tada! Alle gewinnen bei ASMR-Videos, versprochen! Ich weiß, liebe Leser, es klingt seltsam, aber wer nicht die gleichen kribbligen Gefühle erlebt wie ich, kann wenigstens herzhaft über die Entspannungsvideos lachen. Das soll ja auch gut fürs Gemüt sein.

Die überschminkte Britin und ich haben übrigens in letzter Zeit eine zugegebenermaßen einseitige, aber dafür sehr intensive Freundschaft geschlossen. Daher weiß ich auch schon, dass ihre Lieblingstrigger Zellophanfolie und frisch aufgeschäumter Rasierschaum sind. In den akustischen Orgasmushimmel kommt man da aber nur mit leistungsstarken Kopfhörern, da mache ich mir keine Illusionen. Ich gebe die Hoffnung trotzdem nicht auf, dass wir auch im echten Leben eines Tages mal ganz entspannte Freunde werden.

Quelle: n-tv.de

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