Leben

In Vino Verena "Let's talk about Porno!"

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Schon auf den Handys Halbwüchsiger kursieren Filmchen, die Ronny hätten erblassen lassen.

(Foto: imago/Revierfoto)

Wussten Sie, dass Pornos inzwischen ein Drittel des Internets ausmachen? Unsere Autorin fordert: Wir müssen mehr über Pornos sprechen und den Kindern erklären, was sie da überhaupt konsumieren.

In den späten Achtzigern - es war noch DDR - und ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen, da gab es in der Schule mal Riesen-Ärger wegen Ronny. Es war nicht so, dass der Ärger an sich etwas Besonderes war, wegen Ronny gab es ständig Stunk, mal, weil er frech zur Russischlehrerin war, mal, weil er im Schulgarten Erdbeeren klaute oder gegen den frisch gestrichenen Schulzaun pinkelte. Irgendwas war immer - Ronnys Besuch beim Rektor war keine Seltenheit.

Doch eines Tages übertraf Ronny alles.

Es war Hofpause und eine ganze Kinderschar versammelte sich um den Stressbolzen mit dem Lausbuben-Gesicht. Von Sekunde zu Sekunde wurde die Traube größer. Alle gackerten und feixten, manche liefen rot an. Ronny hatte Porno-Bilder mit in die Schule gebracht!

Es sprach sich rum wie ein Lauffeuer, jeder wollte unbedingt einen Blick auf die Schwarz-Weiß-Fotos erhaschen, auf denen eine nackte Frau und ein nackter Mann, wie wir es nannten, "schweinische Sachen" machten. Einer sagte, das seien Porno-Bilder.

P O R N O - das war eine Sensation, fast so spektakulär wie ein Westpaket zu Weihnachten! Jedes Kind, das schon mal am Wochenende nachts nach dem Toilettengang heimlich durch die Küchen-Durchreiche gespäht und einen Blick auf das elterliche TV-Thriller-Programm erhaschen konnte, wusste, dass da manchmal Szenen kamen, in denen die Erwachsenen so Erwachsenensachen machten.

Und diese beiden Leute auf Ronnys Fotos, die bumsten mal auf dem Esstisch, mal auf dem Teppich und - was alle verwirrte - mal im Handstand. Es waren natürlich nur Posen, aber das wussten wir ja damals noch nicht! Ronny sonnte sich in der neugierigen Horde aus staunenden Gesichtern und quittierte Fragen wie: "Woher hast du die Bilder?" "Wer is'n das?" oder "Sind das deine Eltern?" mit süffisantem Schweigen. Die Sexbildchen waren mindestens von der 4a bis zur 7b gegangen, ehe sie ein piefiger Lehrer einkassierte und uns den ganzen Spaß versaute. Wir hassten diesen Lehrer dafür mindestens zehn ganze Schulstunden lang.

Kein Schweinkram für Kinder!

Die Eltern mussten umgehend zum Elternabend antanzen, wo ihnen gesagt wurde, dass sie mit uns doch bitte "über den Vorfall" sprechen sollten. Daraufhin nahm mich mein Vater zur Brust und sagte, das sei Schweinkram und nichts für Kinder, Ronnys Eltern hätten 'ne Schelle verdient, die Fotos so rumliegen zu lassen.

Heute, in Zeiten des Internets, ist der Zugang zu Pornos ein Kinderspiel, ein paar Klicks und schon sehen 9-Jährige verwirrende Dinge, die weder etwas mit authentischem Sex noch mit ehrlichen Emotionen zu tun haben. Das ist ein Problem. Denn durch den Konsum dieser Mainstream-Pornos, die meist von Männern gemacht werden, erhalten Kinder eine vollkommen falsche Vorstellung dessen, was ein Sexualleben überhaupt ist und wie es sich - im gesunden Fall - anfühlen sollte.

Die sexuelle Komplexität in diesen Filmen ist, wie wir alle wissen, meist auf ein absolutes Minimum reduziert, dabei ist der Porno an sich nicht das Problem, sondern, wie er gemacht ist. Ethische Pornos? Pornos von Regisseurinnen, vielleicht sogar von Feministinnen? Pornos, in denen die Frau nicht auf ihr Geschlecht reduziert und hart von einem oder mehreren Typen penetriert wird, sondern Pornos mit Handlungsstrang? All das gibt es und über all das müssen wir, müssen Eltern mit ihren Kindern sprechen! Am besten so früh wie möglich, denn Kinder sind neugierig. Wenn man bedenkt, dass allein Pornos ein Drittel des gesamten Internets ausmachen, wird sich kaum vermeiden lassen, dass der Nachwuchs früher oder später auf Sexfilme stößt.

Ich erinnere mich noch ganz genau, dass es meinem Vater etwas unangenehm war, als er mit mir über "den Vorfall" sprach und wie er mit den Augen rollte, als ich ihn fragte: "Meinste, das auf den Fotos waren Ronnys Eltern?" … Und: "Macht ihr auch Handstand?" Aber er hat mit mir geredet, auch wenn er meine Mutter danach angemeckert hat, weil die seiner Meinung nach bei der Handstandfrage blöde grinste und sich zu wenig einbrachte.

Kinder sind ja nicht blöd, die merken, wenn den Eltern etwas unangenehm ist. Aber lieber so, als gar nicht reden. Sexualtherapeuten raten verstärkt, Kinder auf Pornos und deren Konsum anzusprechen. Der Leitfaden "Let's talk about Porno" (Jugendsexualität, Internet und Pornografie) ist nur einer von inzwischen einigen guten Ideengebern für Eltern.

Tatsächlich nämlich ist es vielen mehr als unangenehm, dem eigenen Kind zu erklären, dass es weder etwas mit Erotik noch mit aufrichtigem, gleichwertigem Sex zu tun hat, wenn Frauen erniedrigt werden und nur zur Befriedigung des Mannes dienen.

Standpauken, Moralpredigten, Verbote - all das wird nur eines bringen: dass die Kids heimlich weiter konsumieren. Im Durchschnitt schauen Jugendliche im Alter von 14 Jahren das erste Mal Pornos, viele sind weitaus jünger. Porno-Konversation ist also die beste Aufklärung.

Mädchen sollen immer "Ja" sagen

Wir müssen den Kids erklären, dass sexistische, chauvinistische, oft homophobe und frauenverachtende Pornos nichts mit richtigem Sex zu tun haben. Sogar Leute, die selber Pornos produzieren, wie die schwedische Porno-Regisseurin Erika Lust, sagen: "Die Kinder müssen erfahren, dass Pornos nicht das wahre Leben sind."

Junge Leute, so Lust, seien frustriert, weil sie schon Pornos gesehen haben, bevor sie überhaupt das erste Mal Sex hatten. Sie würden versuchen, das Gesehene zu reproduzieren und wären dann enttäuscht. "Die Jungs, weil sie keine Sexmaschinen sind und die Frauen, weil sie ihre ganze Energie da reinsteckten, den Mann zu befriedigen."

Klingt alles beängstigend, irgendwie. Hat die Porno-Industrie wirklich einen so großen Einfluss darauf, wie Teenager ihren ersten Sex wahrnehmen? "Ja", sagt die US-amerikanische Sexualpädagogin Natascha Singh - "vor allem, wenn Eltern schweigen und den Kopf in den Sand stecken", im Sinne von: Mein Kind ist brav, mein Kind guckt sowas nicht.

Singh hatte zuvor mehr als 200 Schüler über ihre Vorstellung von einer sexuellen Beziehung befragt. Die Antworten: haarsträubend. "Die meisten sagten, dass Jungen immer anfangen sollten und Mädchen immer 'Ja' sagen sollten, um die Gefühle der Jungen nicht zu verletzen."

Die Jugend von heute

"Unsere Kinder", so Jackson Katz, Pädagoge für die Prävention sexueller Gewalt, "sind den Launen einer gewinnorientierten Industrie unterworfen, die keinerlei Rücksicht auf ihre emotionale oder sexuelle Gesundheit nimmt."

Zumindest der Sexualpädagoge Andreas Ritter beruhigt ein wenig: "Die Jugend von heute", sagte er im Juli 2017 im Deutschlandfunk Kultur, "sei definitiv nicht sexuell verwahrlost, Untersuchungen zeigen, dass (...) sie nach wie vor mit 16, 17 Jahren Sex erleben, und (...) Spitzenreiter beim Thema Verhütung sind. Da ist also ein weitgehend verantwortungsvoller Umgang mit Sexualität."

Und den brauchen wir in dieser pornösen Welt mehr denn je.

Übrigens: Ronnys Schweinkram-Fotos gelten seit ihrer Einkassierung als verschollen. Seitdem wurden viele Legenden gesponnen. Eine davon besagt, nach dem Vorfall wären wochenlang vermehrt Krankenwagen ausgerückt, weil etliche Personen bei dem Versuch eines Handstandes einen Hexenschuss davontrugen.

Spekulationen, wonach es sich bei den Nackten auf den Fotos um Ronnys Eltern gehandelt haben soll, konnten nie bestätigt werden.

Quelle: n-tv.de

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