Leben

Aus der Schmoll-Ecke Merkel ist am Insektensterben schuld

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Thomas Schmoll kämpft jetzt mit gegen das Insektensterben.

(Foto: picture alliance/dpa)

Unser Kolumnist hat sich zum pazifistischen Insektenschützer gemausert, der keiner Fliege etwas zuleide tut. Dafür züchtet er - moralisch überlegen - Fruchtfliegen und präsentiert eine steile These, warum die Kanzlerin den Insektenschwund zu verantworten hat.

Geschätzter Leser, wie doch die Tage verrinnen! Dieser blöde Spruch, je älter man wird, desto schneller vergeht die Zeit, ist leider sehr wahr. Schon wieder sind vier Wochen rum, ich sitze auf dem wenig sommerlichen Balkon, notiere einen Satz, arbeite ihn um, verwerfe ihn abermals und zittere mich so zum Ende dieses kleinen Ergusses aus meiner kruden Gedankenwelt.

Sie müssen verstehen, ich befinde mich gerade in einer Verarbeitungsphase früherer traumhafter oder traumatischer Erlebnisse. Auch wenn Sie es eigentlich nichts angeht, kann ich Ihnen mitteilen, Fortschritte zu machen, was an meiner grandiosen Analytikerin liegt, die immer die richtigen Fragen zu Mutter und Vater stellt. Ich glaube, dass es so, wie es gekommen ist, eines Tages auch vergehen wird. Aber das ist noch nicht so weit. Ich lasse hier einmal offen, was genau vergehen wird. Nicht, weil ich es Ihnen nicht erklären möchte, sondern weil ich es selbst (noch) nicht weiß, was es ist. Ich lass mich überraschen.

Ansonsten bin ich gut leistungsfähig. Mir geht es sehr gut. Ich trinke viel, arbeite im Sitzen und empfange gerade keine Staatsgäste. Militärische Ehren sind eh nicht mein Ding. Aber vor allem bin ich der festen Überzeugung, dass ich erstens um meine Verantwortung als Kolumnist weiß. Und zweitens dürfen Sie davon ausgehen, dass ich auch als Mensch - und nicht nur als Kolumnist - ein großes persönliches Interesse daran habe, dass ich, abgesehen von meiner Psyche, kerngesund bin. Niemand muss sich Sorgen machen. Oder doch. Aber nicht um mich, sondern ums Weltgeschehen.

Nehmen wir zum Beispiel das Insektensterben. Ich arbeite wie jeden Sommer nonstop auf dem Balkon und staune, dass dieses Jahr die Insektenvielfalt auf ein nie da gewesenes Minimum gesunken ist. Fliegen und Mücken kommen nur selten zu mir hinauf in den zweiten Stock. Ihre Zahl geht beinahe gen null und entspricht damit bereits die meiner zweibeinigen Besucher (Menschen). Die wenigen Insekten, die sich doch in meine Wohnung begeben, töte ich im Gegensatz zu früher nicht mehr.

Ich habe mich angesichts drohenden Artenschwunds zum pazifistischen Insektenschützer gemausert. Zum Leidwesen des Roten Kreuzes und möglicher Straßenverkehrsunfallopfer stelle ich meinen nackten Körper bewusst nur noch Mücken als Blutspender zur Verfügung. Damit sich die Insekten wohlfühlen, habe ich mir auf die Brust "Bedient euch, ich teile gern" sowie "mosquitos welcome" tätowieren lassen. Seither bekomme ich Hassmails, was ich aber im Interesse der Insekten in Kauf nehme.

Kein Leben ohne Fruchtfliegen

Den Biomüll bringe ich schon seit Wochen nicht mehr weg, damit die Fruchtfliegenpopulation in meiner Wohnung, die sich erfreulich auf alle Zimmer ausgebreitet hat, nicht in Gefahr gerät. Ohne die possierlichen Tierlein möchte ich nicht mehr leben.

Im Supermarkt gebe ich mich moralisch überlegen, stelle mich vor die Sprühflasche mit der Aufschrift "Insektenentferner" und dem Hinweis "geeignet für Scheiben, Scheinwerfer sowie alle Lack-, Chrom- und Kunststoff-Oberflächen", trauere um die toten Insekten, schüttele den Kopf und denke: "Sauberkeit? Geht es denn immer nur um uns Menschen?" Die studentische Hilfskraft, die gerade das Waschmittelregal auffüllt, sieht sich bemüßigt, mir zuzulächeln, als hätte sie meine Botschaft nicht vernommen. Ja, lächle es meinetwegen weg. Bald ist sowieso Schluss mit der bunten Welt der Insekten. Dann kannst du einpacken!

An der Kasse protestiere ich lautstark gegen das "Insektenspray", das "schnelle Wirkung" verspricht "sogar gegen nicht direkt sichtbare Insekten". Also unsichtbare Insekten? Klingt sehr geheimnisvoll. Die sind sicher von den Außerirdischen auf die Erde geschickt worden, um irgendetwas Mieses zu tun. Vielleicht planen sie Terroranschläge auf Hersteller von Insektenspray- und Unkrautvernichter, was die Bayer-Aktionäre hart trifft. Man weiß es heutzutage nie. Aber ich werde mich trotzdem hüten, gegen die unsichtbaren Gäste etwas zu tun. Dann wäre ich kein pazifistischer Insektenschützer mehr. Ich tue keiner Fliege etwas zuleide.

Lebensmittel lieben, aber Insekten töten. "So nicht", sage ich in Gedanken zu der dicken Verkäuferin, die einen Artikel nach dem anderen über den Scanner zieht und am Ende fragt: "Haben Sie eine Deutschland-Card?" Der Ansatz dieser Karte ist mir zu nationalistisch. Mit der Verkäuferin fange ich keine Diskussion darüber an, weil sie zu tun hat. Dabei hätte ich gerne gefragt: Warum heißt Ihre doofe Karte nicht EineWeltCard? Wäre ich bei Twitter, würde ich sofort den Hashtag "Deutschlandcardumbenennen" starten. Aber mir fehlt es an Zeit, mich anzumelden. Meine Fruchtfliegen brauchen mich dringender.

Womit wir wieder beim Insektensterben wären. Vor wenigen Tagen habe ich mit einem von mir sehr geschätzten Freund und Kollegen über Uschi von der Leyen diskutiert. Anders als ich fand mein Freund Angela Merkels Strategie überzeugend. Erstmals wird eine Frau EU-Kommissionspräsidentin, dann noch eine Deutsche und enge Vertraute der Kanzlerin - und obendrein ist Herr Macron auch noch zufrieden, weil Uschi doch so gut Französisch kann. Dann sagte mein Freund: "Merkel hat mal wieder mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen."

Da ging mir sofort ein Licht auf. Es muss das Licht einer Insektenfalle gewesen sein. Mir wurde schlagartig klar: Merkel ist am Insektensterben schuld oder wenigstens mitschuldig. Wenn sie laufend, wie mein kundiger Freund sagt, mehrere Fliegen mit einer Klappe totschlägt, führt das über Jahre hinweg zu einer enormen Reduktion an Insekten. Sicher will sie die Tiere loswerden, um noch mehr Platz für Flüchtlinge zu schaffen. Typisch Merkel.

In diesem Zusammenhang müsste man auch einmal "Das tapfere Schneiderlein" neu deuten. Von wegen Held. Die Märchengestalt war womöglich Vorreiter der Insektenausrottung. Steckt der Typ gar mit den Bilderbergern, der Atlantikbrücke und der Kanzlerin unter einer Decke? Bin ich hier einer Weltverschwörung auf die Spur gekommen? Stopp! Ich mach mal lieber Schluss an der Stelle. Sonst heißt es bald, der Schmoll sei nicht nur irre, sondern ein irrer Verschwörungstheoretiker. Denn ich muss zugeben: Beweise für meine steile These habe ich nicht. Andererseits: Wer braucht heutzutage im Glaubenskrieg noch - gar wissenschaftliche - Beweise? Sie etwa?

Quelle: n-tv.de

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