Leben

Wider besseres Wissen Nachhaltig leben, aber ohne Moralkeule?

ntvde_Teaserbilder_1_16zu9.jpg

Nachhaltigkeit spielt auch beim Einkaufen eine große Rolle.

Ein nachhaltiger Lebensstil ist derzeit ein riesiger Trend. Doch zwischen Einstellungen und Entscheidungen klafft manches Mal eine immense Lücke. Warum ist es so schwer, wirklich ressourcenschonend zu handeln?

Täglich fällt jeder Mensch etwa 20.000 Entscheidungen, dazu gehören auch die vermeintlich kleinen Dinge des Lebens: Einweg- oder Mehrweg-Becher, Plastiktüte oder Stoffbeutel, Fleischgericht oder vegetarisches Essen? Dass Einstellungen und Werte nicht immer mit dem persönlichen Verhalten übereinstimmen, nennt man in der Wissenschaft "Attitude Behaviour Gap".

Die Verhaltensökonomin Verena Utikal von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg hat dafür gleich mehrere Erklärungen: "Es ist einfach ein Unterschied, ob ich etwas gut finde oder ob ich das selber mache. Wenn es darum geht, dass jeder seinen Teil dazu beiträgt, und selber darunter leiden muss, ist das schwierig", erklärt sie.

Die Deutschen, die derzeit so deutlich und so oft wie nie über Nachhaltigkeit und ressourcenschonende Lebensweise reden, sind gleichzeitig ein Volk der Fleischesser und leben beim CO2-Verbrauch auf großem Fuß. Die Supermarktregale sind prall gefüllt mit günstigem Fleisch aus Massentierhaltung, das im Überfluss produziert wird. Und bei vielen Deutschen steht fast täglich Fleisch auf dem Speiseplan. Laut dem deutschen Ernährungsreport 2018 essen 30 Prozent der Bundesbürger jeden Tag Fleisch und Wurst. "Insgesamt trägt die Ernährung jährlich mit rund 1,57 Tonnen an klimarelevanten Emissionen pro Person zu den Treibhausgasemissionen durch privaten Konsum bei", heißt es in der Studie. Der Fleischkonsum pro Kopf geht in Deutschland seit Jahren nur geringfügig zurück. Es ist nur einer von vielen Punkten, der offenbart, wie wenig ressourcenschonend die deutsche Gesellschaft handelt und konsumiert.

imago90778776h.jpg

Bio in einer Kunststoffhülle: Gut oder schlecht? Nachhaltig oder nicht? Keine leichte Frage.

(Foto: imago images / PicturePoint)

Es allerdings auch nicht leicht, immer die nachhaltigste Entscheidung zu treffen. Manchmal lauern Fallen, erklärt Utikal am Beispiel einer Gurke: "Es ist besonders schwierig, wenn die Bio-Gurke in Plastik eingeschweißt ist und die konventionelle ohne Verpackung verkauft wird. Für den Konsumenten ist es dann anstrengend, eine Entscheidung zu treffen." Es sei viel einfacher, ein gutes und nachhaltiges Leben zu führen, wenn einem jemand dabei hilft. Hinzu komme noch, dass Menschen nach einer bestimmten Anzahl von Entscheidungen am Tag entscheidungsmüde seien und infolgedessen einfach "dichtmachen" würden.

Im Supermarkt lauern weitere Schwierigkeiten: Schließlich verbirgt sich hinter einem Bio-Siegel nicht immer der gleiche Qualitätsstandard, weil es unterschiedliche Siegel gibt. Darüber hinaus gibt es nicht nur das Schlagwort "bio", sondern auch "regional". Bei allen Beschreibungen ist es für den Kunden nicht immer ersichtlich, was in der jeweiligen Situation die beste nachhaltige Entscheidung wäre. Die weiterführende Information kostet Zeit.

Abwägung, Kosten, Engagement und Aufwand

Wenn sich Verbraucher erst einmal für eine nachhaltige Variante entschieden haben, hat das persönliche Konsequenzen: "Mehr Geld für Biolebensmittel ausgeben und weniger schnell Autofahren - so etwas tut weh", sagt die Wissenschaftlerin. Es sei eine Abwägung von Kosten und Zeitaufwand. Verhaltensveränderungen brauchen demnach auch entsprechendes Engagement. Dieses Prinzip gilt beispielweise auch bei Plastiktüten. Seitdem diese Geld kosten, sinkt deren Verbrauch im Einzelhandel. Hier war das entscheidende Kriterium, dass etwas, was es zuvor gratis gab war, nun einige Cent kostete.

*Datenschutz

Die Faulheit der Konsumenten, ihre  Lebensverhältnisse zu verändern, beschäftigt längst die Wissenschaft. So setzt sich auch Klaus Hahlbock, Professor und langjähriger Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, kritisch mit großen Lücke zwischen Wissen, Einstellung und Verhalten auseinander. In seinem neuen Buch "Kein Leben ohne Vielfalt" schreibt er von Maßlosigkeit und dass man "wider besseres Wissen handele": "Wir verbrauchen, verschwenden, vermüllen und vergiften unsere eigene Zukunft. Zwar wissen wir um den dabei angerichteten Schaden, verschließen aber die Augen davor." Jede Entscheidung - ob an der Fleischtheke oder beim Kauf von Plastiktüten - offenbare die Widersprüchlichkeit der Menschen.

Doch Verhaltensweisen können sich nach Meinung von Verena Utikal ändern. Dafür müssen zunächst neue Routinen antrainiert werden. "Neue Gewohnheiten etablieren sich erst nach etwa sechs Wochen", sagt die Verhaltensökonomin. Wer nachhaltig leben will, muss das demnach als eine alltägliche Gewohnheit etablieren, sodass man beim Einkaufen gar nicht nachdenken muss.

Gesellschaftliche Rahmenbedingungen für die "Ökoroutine"

Nach Auffassung des Umweltwissenschaftlers Michael Kopatz muss sich allerdings noch einiges mehr ändern. Jeder soll selbst seine sogenannte Ökoroutine leben und in den Alltag integrieren. Kopatz plädiert aber in seinem Buch "Schluss mit der Ökomoral" auch dafür, für gesamtgesellschaftliche Veränderungen zu kämpfen. So sollten sich Bürger in Vereinen und Verbänden engagieren und Druck auf die Politik ausüben. Die Ökoroutine solle demnach für jeden Bürger - ob arm oder reich - selbstverständlich sein. "Wir dürfen unser Einkaufsverhalten nicht mit Politikgestaltung verwechseln", schreibt er.

ANZEIGE
Schluss mit der Ökomoral!: Wie wir die Welt retten, ohne ständig daran zu denken
EUR 20,00
*Datenschutz

In seinen "Zehn Geboten zur Ökoerlösung", wie er sie augenzwinkernd nennt, bringt er diese Forderung auf den Punkt: "Du rettest die Welt nicht durch den Kauf von Bioprodukten oder persönlichen Verzicht. Du musst das System verändern." Dementsprechend spielen für Kopatz beide Aspekte eine wichtige Rolle. Für ihn "beginnt das Konzept der Ökoroutine nicht in den Köpfen, sondern bei der Infrastruktur".

Ökologisches Handeln soll demnach durch Rahmenbedingungen begünstigt werden. Beispielsweise wenn der Ausbau von Straßen gestoppt und das gesparte Geld in die Stärkung der Bahn investiert würde. Auch beim Thema Ernährung würden alle davon profitieren, wenn die Landwirtschaft von der Politik dazu gezwungen werde, von konventioneller Produktion auf bio umzustellen. Kopatz' Mantra lautet: Ökologisches Handel fängt zwar beim Individuum an, doch auch der gesamtgesellschaftliche Rahmen muss stimmen, damit niemand die Moralkeule schwingt und Nachhaltigkeit und ein ressourcenschonendes Leben selbstverständlich sein kann.

Quelle: n-tv.de