Leben

Oldschool oder Comeback? Nachtzüge könnten Wiedergeburt erleben

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Ab 2022 "auf Schiene": So sehen die neuen Nachtzüge der ÖBB aus.

(Foto: ÖBB)

Reisen mit dem Nachtzug werden als klimafreundliche Alternative zum Billigflieger immer beliebter. Doch abgesehen von den österreichischen Nightjets ist das europäische Nachtzug-Angebot noch eher spärlich. Woran liegt das und können Nachtzug-Fans auf bessere Zeiten hoffen?

Mit der Bahn zu verreisen, war für Florian lange Zeit selbstverständlich. In den Ferien fuhr er quer durchs Land, um seinen Vater zu besuchen oder mit Freunden in die Niederlande ans Meer, einmal reiste er mit seiner Freundin per Nachtzug von Berlin nach Paris. "Das hat ewig gedauert, war aber toll!" Der Höhepunkt war eine Klassenfahrt in die Ukraine, mit dem Zug auf die Krim. "Wir haben zwei Tage im Zug gewohnt und geschlafen, konnten zwischendurch aussteigen und sind dem Ziel langsam nähergekommen. Ein Riesen-Abenteuer", erinnert er sich. "Die Fahrt war fast das Beste an der ganzen Klassenfahrt."

Wenn Florian vom Bahnfahren spricht, klingt das nach Nostalgie und Romantik. Die Reise-Realität sieht heute ganz anders aus. Billigflieger haben die Bahn auf der mittleren Distanz zwischen den europäischen Metropolen längst abgelöst. Der letzte Nachtzug zwischen Berlin und Paris fuhr 2014, kurz nach Florians Urlaub. "Das fand ich damals richtig schade", erinnert er sich. Zwei Jahre später stellte die Bahn ihr Nachtzuggeschäft aus wirtschaftlichen Gründen ganz ein.

"Ein schwerer Fehler"

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Enge Wagen, klapprige Betten, zu sechst im Abteil: Allzu viel Komfort gab es in den jahrzehntealten Liegewagen der DB nicht.

(Foto: dpa)

Für den ehemaligen Grünen-Politiker Michael Cramer war das ein "schwerer Fehler". Er hat im Berliner Abgeordnetenhaus und im Europaparlament 30 Jahre lang Verkehrspolitik gemacht und ärgert sich über unfairen Wettbewerb: "Auf jedem Streckenkilometer in Europa gibt es für jede Lokomotive eine Maut, den Trassenpreis. Der Luftverkehr dagegen zahlt keine Kerosinsteuer und keine Mehrwertsteuer."

Dadurch sei die Bahn unterm Strich immer im Nachteil: "Eine Bahnfahrt von Berlin nach Brüssel dauert dreimal so lang und ist dreimal so teuer und der Staat kassiert noch Mehrwertsteuer. Beim Flieger sagt derselbe Staat: Fliegen muss billig bleiben, das Geld will ich nicht. So zwingen wir die Leute in den Flieger, obwohl er umweltschädlich ist."

Cramer fordert ein Umdenken: "Wir brauchen eine Mobilitätswende". Damit ist er nicht allein, in Zeiten von "Flugscham" und Fridays For Future wird die Bahn als klimafreundliches Verkehrsmittel attraktiver. Das geht so weit, dass der Autokonzern VW am Berliner Hauptbahnhof dafür wirbt, mit dem Zug zur Firmenzentrale nach Wolfsburg zu fahren. Und die niederländische Airline KLM bittet ihre Kunden, "verantwortungsvoll" zu fliegen und zu überlegen: "Könnten Sie alternativ die Bahn nehmen?"

"Umwelt-Reisende" wollen nicht fliegen

Die Verkehrsforscherin Enrica Papa von der britischen Westminster-Universität schreibt im Online-Magazin "The Conversation" von einer neuen Typologie von Reisenden. "Environmental traveller" lebten so umweltbewusst wie möglich und das bedeutet auch, möglichst selten zu fliegen. Florian findet sich in dieser Beschreibung wieder: "Fliegen ist für mich eigentlich gar nicht mehr drin. Vielleicht noch einmal im Jahr, aber dann mit schlechtem Gewissen."

Das Problem ist: Selbst diese "Umwelt-Reisenden" nehmen am Ende trotzdem oft das Flugzeug, schreibt Papa. Es geht eben schneller und ist billiger. Cramer kennt die Argumente, lässt sie aber nur ungern gelten. Denn schließlich seien die Fahrtzeiten der Nachtzüge absichtlich so getaktet, dass man nicht mitten in der Nacht am Ziel ankommt und ausschlafen kann.

Auch das Preis-Argument weiß er zu entkräften: "Wenn ich morgens um 10 Uhr in Wien einen Termin habe, dann müsste ich entweder am Abend vorher anreisen oder um 6 aufstehen, um den Flieger zu kriegen und dann noch vom Flughafen in die Stadt fahren", rechnet er vor. "Wenn ich mich aber Abends in den Nachtzug setze, kann ich lesen, gut zu Abend essen, schlafen und frühstücken, bin dann rechtzeitig da und habe die Kosten für Hotel und Flughafentransfer gespart."

Klingt überzeugend, ist aber laut einer Studie der Universität Delft für viele Geschäftsreisende trotzdem keine Option, 40 Prozent der Befragten würden nicht auf das Flugzeug verzichten. Potenzial und steigende Nachfrage sehen die niederländischen Forscher vor allem im Freizeitbereich.

Nightjets sind profitabel

Doch selbst wenn immer mehr Menschen mit der Bahn verreisen wollen: Das Angebot ist dünn. Wer heute Europa auf Schienen erfahren will, muss sich an die Österreichischen Bundesbahnen halten. Die ÖBB betreiben das größte europäische Nachtzugnetz, mit Verbindungen von Hamburg bis nach Rom, von Düsseldorf bis nach Warschau. Zuletzt wurde die Verbindung Wien - Brüssel nach 16 Jahren wieder in Betrieb genommen, Wien - Amsterdam soll bis zum Jahresende folgen.

Für die ÖBB sind die Nightjets ein Erfolg: Sie generieren fast ein Fünftel des Umsatzes im Fernverkehr, die Fahrgastzahlen steigen seit Jahren, gut anderthalb Millionen Kunden zählten die ÖBB 2019. Ein Nischengeschäft mit Wachstumsmöglichkeiten, in das die Österreicher investieren. 13 neue Züge sind bestellt, ab 2022 sollen sie "auf Schiene sein".

Neue Züge könnten die Nachfrage weiter ankurbeln. Denn in den teilweise jahrzehntealten Schlafwagen muss man auf Komfort oft verzichten. FDP-Verkehrspolitiker Oliver Luksic ist überzeugt: "Gerade im gehobenen Segment ist Komfort für Reisende ausschlaggebend und der Nachtzug mit Schlafwagen eine attraktive Alternative zum Flugzeug."

LunaLiner ist ein Traum für Bahn-Fans

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Ein Traum für Bahn-Fans: Das Netz des LunaLiners.

(Foto: Bahn für Alle)

Um das Nachtzugangebot attraktiver zu machen, sind aber vor allem mehr Verbindungen dringend nötig - für ein Streckennetz, das die Idee der europäischen Integration erfahrbar macht. Wie so ein Nachtzugsystem aussehen könnte, hat das Bündnis "Bahn für Alle" schon 2016 mit dem LunaLiner gezeigt. Der ist ein Traum für alle Eisenbahn-Freunde, mit Verbindungen quer durch Europa, einem gemeinsamen Fahrplansystem und einheitlichen Preisen. Realität wird der LunaLiner aber wohl nie werden.

Ein gemeinsames EU-Projekt scheitert vor allem am Unwillen der Mitgliedstaaten, sagt Michael Cramer: "Gegen die nationalen Bahngesellschaften ist die EU machtlos. Für Investitionen gibt es eine Kofinanzierung der EU. Aber wenn ein Land sagt, das finanzieren wir nicht, kann die EU das gar nicht durchsetzen."

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Die DB setzt auf Zusammenarbeit mit den ÖBB - eigene Nachtzüge sind nicht geplant.

(Foto: picture alliance / Wegscheider/Ö)

Immerhin tut sich auf nationaler Ebene langsam was: Der "Guardian" schreibt, dass die schwedische Bahngesellschaft Statens Järnväga (SJ) für 2022 oder 2023 eine Verbindung zwischen Köln und dem südschwedischen Malmö plant. Die Strecke Stockholm - Hamburg sei ebenfalls eine Option, außerdem Verbindungen nach Brüssel, Basel, Berlin und Frankfurt sowie in die britische Hauptstadt London.

Von dort rollt jetzt auch wieder ein Nachtzug nach Schottland, der "Caledonian Sleeper" verbindet die Stadt an der Themse mit Glasgow, Aberdeen und Edinburgh, 150 Millionen Pfund hat die schottische Bahngesellschaft ScotRail in neue Züge investiert. Auch die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) denken darüber nach, wieder mehr Nachtzüge rollen zu lassen.

Ein Zeichen setzen

Bei der Deutschen Bahn übt man sich derweil in Zurückhaltung. Verkehrsminister Scheuer ist zwar "prinzipiell offen" für einen Wiedereinstieg ins Nachtzuggeschäft. Eigene Züge wird die DB aber auf absehbare Zeit wohl nicht betreiben, sie setzt wegen des "schlechten Kosten-Nutzen-Verhältnisses" eher auf eine Zusammenarbeit mit den Österreichern und eine Unterstützung etwa mit Personal, Lokführern oder Triebwagen.

Michael Cramer ärgert das, er wünscht sich Subventionen, Investitionen und mehr politischen Willen: "Es ist doch auch ein Zeichen! Jetzt reden alle über Klimaschutz, aber die machen nichts", ruft er aufgebracht. "Wenn ich den Nachtzug attraktiv und günstig mache und das Fliegen wenigstens so teuer, wie es wirklich ist, dann wären die Passagierzahlen ruckzuck verdoppelt."

Mehr Verbindungen und attraktive Preise, das steht auch auf Florians Reise-Wunschzettel ganz oben. "Mit dem Zug nach Schweden fände ich auf jeden Fall spannend!" Auf die Deutsche Bahn kann er da nicht zählen, "aber immerhin gibt es ja die ÖBB", sagt er schulterzuckend. Die nächste Reise ist jedenfalls schon geplant: Im Mai fährt er von Berlin nach Wien, einen Freund besuchen. Natürlich mit dem Nachtzug.

Quelle: ntv.de