Leben

Der Denglische Patient Our English is good, or?

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Merkels "Ach so" sagt mehr als eine ganze Rede.

(Foto: imago images/photothek)

Da ja eh keiner so genau weiß, was denn diese kleinen deutschen Wortpartikel wie wohl, eben oder gar so bedeuten, können wir damit die Welt total verwirren: mal auf Deutsch, mal auf Englisch. Sogar die Bundeskanzlerin macht mit!

"Ach ja!" "Ach nee!" "Ach wirklich?" - wer die Gelegenheit und die Geduld hat, einmal genau hinzuhören, wenn Angela Merkel spricht, stellt leicht fest, dass sie eine große Vorliebe hat: für die kleinen Füllwörter, die es im Deutschen zahlreich gibt: "tja", "ja", "halt", "wohl", "eben", "mal", "aber", "doch", "echt", "ach" und einige mehr. Sie können alles bedeuten - von gar nichts bis ganz viel.

Neulich zum Beispiel, als Merkel während einer Pressekonferenz gefragt wurde, ob Donald Trump sie verz… habe.
Merkel (mit ernster Miene): "Was hätte er mich?"
Reporterin: "verzaubert"
Merkel (mit süffisanter Miene): "Ach so."

Während die Videoaufnahmen von der Szene sofort um die Welt gingen, dauerte es eine Weile, bis die Korrespondenten Merkels "Ach so" gedeutet und übersetzt hatten. In der englischen Sprache waren später drei Varianten zu lesen:

1. "Oh!"
2. "I see!"
3. "Ah, ok."

Ich war unterdessen von einer vierten Variante überzeugt: Merkels "Ach so" war wie ein gut gespielter Witz, den man ja nie wirklich in eine fremde Sprache übersetzen kann. Selbst in unserer Sprache ist die Geschichte kaum lustig oder verständlich, wenn man nicht auch Merkels Mimik gesehen hat.

Klein und gemein

Zugleich ist Merkels gesprochene Sprache beispielhaft für einen bestimmten deutschen Stil, Sätze zu formen - Sätze, die reich mit Wörtern bestückt sind, die sich kaum oder gar nicht übersetzen lassen. Menschen, die nicht mit der deutschen Sprache groß geworden sind, kann das sehr leicht den letzten Sprachnerv rauben.

Ich denke etwa an ein flüchtig dahingesagtes "halt":
- So ist er halt, der Donald.
Ein resignatives "doch":
- Donald zu überzeugen hat doch keinen Zweck!
Ein bestimmtes "eben":
- Dann müssen wir ihn eben ignorieren!
Ein selbstbewusstes "vielleicht":
- Der ist vielleicht ein Spinner!
Ein trotziges "eh":
- Der hat eh Probleme.

Mein englischer Freund Joe, der als Journalist für die "Financial Times" viele Gespräche in Deutschland führen muss, hat regelrecht Angst vor solchen Sätzen. Sie sind für ihn wie ein vermintes Gelände, das seinen Arbeitsalltag in einen anstrengenden Deutschtest verwandelt. Er erklärt, warum:

"Ich verstehe, wenn etwas keinen Zweck hat. Doch was bedeutet 'doch keinen Zweck': Spricht etwas dagegen? Ich verstehe, wenn etwas ignoriert werden soll, aber warum 'eben'? Liegt das nicht in der Vergangenheit? Ich verstehe, dass jemand ein Spinner ist, aber warum wird das mit 'vielleicht' wieder infrage gestellt? Und ich verstehe, wenn jemand Probleme hat - aber seine Eheprobleme interessieren mich nicht!"

Wenn ich Joe zuhöre, kommt mir ein Gedanke, den ich zwar noch nirgendwo gelesen habe, aber der mir auf Anhieb einleuchtet: Die kleinsten Wörter sind stets die gemeinsten! Schließlich ist es ja tatsächlich so, dass wir unsere großen Launen, Ziele und Hintergedanken mit kleinen Wörtern betonen und würzen, die für sich genommen so unbedeutend sind, dass sie von Linguisten bezeichnenderweise "Partikel" genannt werden. Dass einige dieser Partikelchen gar nicht die Bedeutung haben, die man vermuten möchte, wenn man "eben", "einmal", "wohl", "aber" oder "vielleicht" hört, macht sie so unheimlich frustrierend. Und gefährlich …

Es geht auch verständlich

Denn als Muttersprachler müssen auch wir aufpassen, wenn wir mit unseren kleinen Partikeln in die Welt ziehen und sie - umgekehrt - zum Beispiel in die englische Sprache übersetzen. Ist dabei der Partikelfilter nicht richtig eingestellt, outen wir uns schnell als Denglische Patienten und fabrizieren unverständliche Sätze wie diese:

- You understand my English, or? (für "Du verstehst mein Englisch, oder?")
- Listen once! (für "Hör mal zu!")
- I go home already (für "Ich gehe schon mal nach Hause")

Da uns viele Sätze mit Partikeln in anderen Fällen auch einfach nur vor Rätsel stellen, weil uns völlig unklar ist, wie man zum Beispiel "gar", "wohl" oder ein betonendes "ja" übersetzen soll, möchte ich diese Kolumne mit einer Liste praktischer Übersetzungen beenden:

- So ist er halt, der Donald: That's just how Donald is.
- Es hat doch/eh keinen Zweck: It doesn't work anyway. It is useless. There's no point (in doing …)
- Dann müssen wir ihn eben ignorieren: Then we just have to ignore him. We have to ignore him, it can't be helped.
- Donald ist vielleicht ein Spinner: He's quite a weirdo.
- Donald ist ja wohl verrückt: I guess Donald is crazy. He must be crazy.
- Donald hat eh Probleme: He has got problems anyway.
- Donald schau ja gerne Fernsehen: As we all know he likes to watch TV.
- Donald macht ja (eh), was er will: He does what he wants anyway
- Es wird wohl regnen: It looks like rain. It's probably going to rain.
- Donald wird wohl die Wahl verlieren: It looks likely that Donald will lose the election.
- Ich verstehe rein gar nichts: I don't understand a word. I understand absolutely nothing.
- Du verstehst mein Englisch, oder? You understand my Englisch, don't you?
- Hör mal zu! Listen!
- Ich gehe schon mal nach Hause: I go home now.
- Angela Merkel will doch noch gar nicht in Rente gehen: She doesn't want to retire yet.
- Tschüss erstmal! Bye for now!

Falls Ihnen weitere Beispiele einfallen, schreiben Sie mir.

Quelle: ntv.de