Leben

60 Jahre mehr als Verhütung "Pille gibt Frauen Hoheit über ihr Schicksal"

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Zwischen 40 und 60 Millionen Pillennutzerinnen weltweit gibt es heutzutage.

(Foto: imago/PhotoAlto)

Im Juni 1960 wird die erste Antibabypille in den USA als Medikament zugelassen. Bis heute ist es neben dem Kondom das weltweit am meisten genutzte Verhütungsmittel. Erfunden wurde die Pille vor allem für die Bedürfnisse von Männern, sagt der Medizinhistoriker Florian Mildenberger. Doch bis heute profitieren gesellschaftlich die Frauen von dieser Erfindung.

ntv.de: Warum hat man sich bei der Erforschung von hormoneller Verhütung auf Frauen konzentriert?

Florian Mildenberger: Für Männer kam ein Eingriff in ihr Genital nicht infrage, weil die Forscher ja alle Männer waren. Außerdem gab es bereits das Kondom, das nur niemand benutzt hat. Man hat angenommen, dass Männer sich austoben müssen. Ihnen wurde auch bei der Übertragung von sexuellen Krankheiten keine Verantwortung zugewiesen. Dafür bekamen die sündigen, bösen Frauen die Schuld, die die armen Männer verführen.

Welche Rolle spielten bei diesen Überlegungen Abtreibungen?

Dass Frauen Abtreibungen haben, war ein wesentlicher Punkt für die Entwicklung der Pille. Natürlich lag die zugewiesene Verantwortung dafür allein bei den Frauen. Der Gedanke dahinter war: Dem muss man vorbeugen. Das macht man am besten, indem man den Frauen ein Instrument in den Körper setzt, um die Zeugung zu verhindern.

Es gab ja aber auch schon vorher Verhütungsmethoden.

Ja, es gab schon seit dem späten 19. Jahrhundert das Mensinga-Pessar. Dabei wurde eine Kappe in den Körper eingesetzt, um den Befruchtungsvorgang zu verhindern. Das war aber erstens teuer und zweitens kam es dabei immer wieder zu Verunreinigungen und Infektionen. Das Kondom gab es auch, wurde aber nicht gern genutzt. Dann gab es Scheidenspülungen, die immer wieder zu Verätzungen führten. Als dann in den 1920er Jahren der Hormonrummel einsetzte, sah man darin die ideale Möglichkeit, zu verhüten.

Heißt das, man wollte Frauen helfen?

In erster Linie wollte man Männer vor der Zahlung von Alimenten schützen. Aber dafür musste man die Frauen vor dem Ergebnis von Zeugungen bewahren. So konnte man den Sex bewahren und alle glücklich machen.

Warum wurde die erste Pille dann gegen Menstruationsbeschwerden zugelassen, wenn es doch eigentlich um Verhütung ging?

Das hat natürlich mit der Sittenpolitik der 1950er Jahre zu tun. In der ganzen westlichen Welt wurde alles, was mit sexueller Befreiung und Selbstbestimmung zu tun hatte, mit dem Kommunismus, Werte- und Sittenverfall gleichgesetzt. Deswegen mussten diese Präparate mit einer anderen Indikation beworben werden, auch wenn jeder wusste, was gemeint war. Schon seit den 1920er Jahren wurde in Zeitungsannoncen "Hilfe bei Menstruationsbeschwerden" angeboten. Jeder wusste, dass damit Hilfe bei Abtreibungen gemeint war. Insofern war es geradezu genial, die Pille als Mittel gegen Menstruationsbeschwerden zu bewerben. Denn insgeheim wusste jeder, was gemeint war. Und offiziell wurde es nicht so genannt, man konnte also den moralischen und gesetzlichen Vorgaben der Gesellschaft Genüge tun.

Haben denn die Frauen auf die Pille gewartet, auch wenn diese moralischen Abwertungen damit verbunden waren?

Selbstverständlich. Es gab eine hohe Zahl von Abtreibungen in Deutschland, aber auch in ganz Westeuropa. Das war seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts eine Riesendebatte, dass Ärzte, aber auch Hebammen und Kurpfuscher sehr viel Geld mit Abtreibungen verdient hätten. Genaue Zahlen gibt es dazu natürlich nicht. Es wurde befürchtet, dass die Frauen durch unprofessionell gemachte Abtreibungen unfruchtbar würden. Außerdem war die Sorge vor einer möglichen Schwangerschaft natürlich einem erfüllten Sexualleben nicht zuträglich. Untersuchungen aus den 1960er Jahren zeigen, dass bestimmte Krankheitsbilder in der Gynäkologie weitgehend verschwanden. Das waren vor allem psychosomatische Krankheiten wie Neuralgien, Nervosität, Rückenschmerzen, Verspannungen oder Schmerzen im Genitalbereich, die viel mit der Furcht vor einer ungewollten Schwangerschaft zu tun hatten. Die Pharmafirmen haben das meist als Nebeneffekt der Hormongaben erklärt. Aber die Wahrheit ist meiner Meinung nach, dass die Frauen Sex jetzt viel entspannter sehen konnten.

War die Entwicklung denn 1960 abgeschlossen?

Abgeschlossen war sie mit der Markteinführung noch nicht. Denn Mitte der 1960er Jahre stellte sich heraus, dass die Dosierung der Hormone in der Pille etwas zu hoch war. Es kam zu Nebenwirkungen. Mögliche Krebsrisiken wurden diskutiert, die "perfekte" Pille ist ja erst seit Anfang der 1970er Jahre auf dem Markt. Seitdem ist die Dosierung weitgehend gleich. Die ersten Jahre waren die Frauen - böse formuliert - "Versuchskaninchen der Pharmaindustrie". Vor der Markteinführung wurde die Pille in den Slums auf Puerto Rico getestet. Es ist auch durchaus möglich, dass die Schering AG die Pille schon 1945 hatte. Denn der Kieler Gynäkologe Carl Clauberg hat im KZ Auschwitz intensiv an weiblichen Häftlingen Tests vorgenommen. Eine Anti-Baby-Pille passte nur ideologisch nicht zur "Rassenhygiene"-Politik der Nazis.

Mit der Einführung der Pille sind in der Geschichtsschreibung zwei Punkte verbunden: die sexuelle Revolution und der Pillenknick. Hat diese Sichtweise noch Bestand?

Es gab sexuelle Freiheit insofern, als für Männer das Kondom endgültig wegfiel. Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre stieg demzufolge auch die Zahl der Geschlechtskrankheiten. Das liegt aber vielleicht nicht unbedingt daran, dass alle nun viel promiskuitiver unterwegs waren, sondern eher am Verzicht auf das Kondom, das durch die Pille für die Verhütung unnötig geworden ist. Insofern ist es eine sexuelle Befreiung für den Mann. Für die Frau ist vor allem wichtig, dass sie nicht länger Angst hat, schwanger zu werden. Was den Pillenknick angeht, gibt es natürlich die Wirkung, dass weniger Kinder zufällig geboren werden. Die jetzt geborenen Kinder sind eher Wunschkinder, die DDR hat ja die Pille auch nicht als Anti-Baby-Pille, sondern als "Wunschkindpille" beworben. Man konnte jetzt zielgerichtet steuern, wann man schwanger werden möchte und wann nicht. Aber auch die Statistik verbessert sich in den 1960er Jahren erheblich. Es könnte also auch durchaus sein, dass das, was wir als Pillenknick sehen, schon vorher stattgefunden hat, aber statistisch nicht erfasst wurde. Durch die Pille gab es einen nahe liegenden Grund, bestimmte Entwicklungen bei den Geburtenraten zu erklären. Es gab seit den 1950er Jahren eine tief sitzende Angst der Konservativen und der Kirchen, dass ihnen die Kontrolle über das Sexualleben der Menschen entgleitet.

Inzwischen wird die Pille auch kritisch gesehen, unter anderem, weil die Verantwortung für die Verhütung damit bei den Frauen liegt.

Natürlich. Für den Mann gab oder gibt es ja die Sterilisierungsoperation, die durch die erzwungenen operativen Eingriffe der Nazis absolut negativ besetzt waren. Man muss es trotzdem im Kontext der Zeit sehen. Als die Pille eingeführt wurde, war die Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft riesig. Damit ging eine unfassbare moralische Verurteilung als "Schlampe" einher. Ein unehelich geborenes Kind war eine Katastrophe. Frauen sollten als Jungfrauen in die Ehe gehen oder wenigstens so erscheinen. Wer ledig schwanger wurde, wurde gesellschaftlich diskriminiert, oft auch von den Familien ausgeschlossen. Es gab keine Gleichstellung von ehelichen und unehelichen Kindern. Auf einmal war es möglich, sexuellen Genuss zu haben und vordergründig den Konventionen zu genügen. Das Zeichen der Unsittlichkeit entfiel. Je weiter sich diese moralischen Bewertungen entspannten, desto mehr Kritik an der Pille gab es.

Viele Frauen möchten mittlerweile gern wieder auf die Pille verzichten. Sind wir schon in einer neuen Phase, in der es wieder um Verhütung ohne Pille geht?

Ich finde diese Diskussion sehr problematisch. Denn die Pille war ursprünglich die Möglichkeit, die Abtreibung zu verhindern. Und der Diskurs beinhaltet noch immer diese beiden Punkte. Sicher könnte man heute auf die Pille verzichten, aber man könnte dann eben darüber nachdenken, Abtreibungen wieder einzuschränken. Das passiert beispielsweise in konservativen Kreisen in den USA. Deshalb ist es aus meiner Sicht nicht richtig, nur die Gefährlichkeit des Medikaments in den Mittelpunkt zu stellen.

Aus Ihrer Sicht hat die Pille noch immer auch gesellschaftliche Vorteile für Frauen?

Auf jeden Fall. Wenn die Mädchen aus migrantischen Familien, aus rechten Subkulturen oder aus zutiefst christlichen geprägter Sozialisation mit 15 oder 16 Jahren zum Arzt gehen und sich die Pille verschreiben lassen können, dann ermöglicht es ihnen eine Emanzipation vom Elternhaus. Da spielt sehr viel mehr mit hinein als nur selbstbestimmter Sex. Es geht darum, die Hoheit über das eigene Schicksal zu behalten. Wenn sie mit 15 oder 16 schon schwanger werden, dann wird das niemals gelingen. Die Diskussionen gegen die Pille werden oft von Frauen geführt, die diese Probleme nicht haben und auch nicht sehen. Ich nenne sie die FDP-Politikerinnen unter den Feministinnen. Die Pille ist keine Abtreibungsvermeidung mehr, sondern ein Emanzipationsinstrument, das gerade den unteren Schichten die Steuerung ihres eigenen Lebens ermöglicht, und zwar gerade den Frauen.

Mit Florian Mildenberger sprach Solveig Bach

Quelle: ntv.de