Leben

In Vino Verena Putins Privatkrieg gegen die freie Welt

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Millionen auf der Flucht: Ein ukrainischer Soldat bringt ein Kind in Sicherheit.

(Foto: IMAGO/ZUMA Wire)

Seit dem 24. Februar 2022 ist er wieder da, der Schrecken des letzten Jahrhunderts. Ein Angriffskrieg im Herzen Europas. Wladimir Putin dreht das Rad der Zeit zurück und zerstört jahrzehntelang erkämpfte Errungenschaften an einem Tag.

Wandel durch Handel beziehungsweise Wandel durch Annäherung war lange Zeit ein gültiges Motto, um politischen Systemen gegenüberzutreten, die mit dem eigenen nicht ganz auf der gleichen Schiene fahren. Wirtschaftliche Verflechtungen waren eine Zauberformel, um das Schreckgespenst des Krieges aus Europa, wenn nicht sogar eines Tages, aus der Welt zu verbannen. Aus Geschäftspartnern werden Freunde, aus Freunden irgendwann Familie und am Ende geht eine harmonische sich gegenseitig achtende Weltgemeinschaft aus dem ganzen Wirrwarr hervor, die dann endlich auch die Bezeichnung vereinte Menschheit verdient.

Es schien eine gute Idee, ein Traum, der am 24. Februar 2022, als Kremlchef Putin einen Angriffskrieg gegen die Ukraine begann, nicht nur platzte, sondern regelrecht zersplitterte - in unzählige Teilchen. Binnen weniger Stunden schleuderte Putin die europäische Innen- und Außenpolitik um Jahrzehnte zurück in die Zeit des Kalten Krieges, schlimmer noch, selbst die Androhung eines nuklearen globalen Overkills stand plötzlich im Raum.

Das Gleichgewicht Europas wankt

Jetzt, zwei Wochen nach dem ersten Schrecken ob eines Szenarios, das für die meisten Europäer bisher nur Teil ihres Geschichtsunterrichtes war, mischen sich Wut und Unverständnis unter die anfängliche Ohnmacht. Fragen werden laut: Was hat man kontextuell im Hinblick auf Wandel durch Handel übersehen? Was wurde falsch gemacht? Wurde man hinters Licht geführt oder liefen wir gar sehenden Auges ins Chaos? Wenn wir ehrlich sind, müssen wir uns eingestehen, dass alles stimmt.

Im Taumel um Möglichkeiten und der Gier nach mehr Wohlstand, mehr Märkten und permanentem Wachstum haben Staaten und Firmen, die es eigentlich besser wissen, jede Vorsicht und jede Mahnung über Bord geworfen. Alles, was Geld in die eigene Kasse bringt, dabei auch noch weniger Unkosten verursacht, wurde gemacht. Im Idealfall kungelte man schließlich auch noch auf politischer und wirtschaftlicher Ebene miteinander und schacherte sich gegenseitig Posten, Beziehungen und Netzwerke zu.

Jeglicher Anstand und die Verantwortung den eigenen Wählern und Bürgern gegenüber spielte dabei ebenso wenig eine Rolle, wie die Erkenntnis, das man so auch das soziale und politische Gleichgewicht Europas ins Wanken bringt.

Die lupenreinen Demokraten

Wenn Despot X und Machthaber Y von vertrauenswürdigen Personen als "lupenreine Demokraten" angepriesen werden, was soll denn da schon schiefgehen, redeten wir uns viel zu lange ein. Frei nach dem Motto: Schließlich sitzen am Kopf des langen Tisches auch nur Menschen, die am Ende des Tages ein stetig wachsendes Bankkonto haben wollen. Krieg? Den will doch niemand, schon gar nicht: "lupenreine Demokraten!"

Stellvertreterkriege, bei denen Hundetausende Menschen sterben, ganze Landstriche völkerrechtswidrig annektiert werden, nimmt man achselzuckend hin, denn: Hey, Hauptsache der Rubel rollt! Sich mit Öl- und Gaslieferungen von lupenreinen Demokraten abhängig zu machen, all das wird in Bezug auf günstig erwirtschafteten Wohlstand, man kann es nicht anders sagen, eben in Kauf genommen. Menschenrechtsverletzungen und Kriegstreiberei korrelieren mit Wirtschaftsinteressen? Egal! Wozu gibt es Scheuklappen?

Europa ist aus seinem Dornröschenschlaf erwacht

Ein Krieg im Herzen Europas ist in vollem Gange. Jeder, der kann, versucht zu helfen. Mit Lebensmitteln, Unterkünften, Spendengeldern und im Falle der Bundesregierung jetzt sogar mit Waffen. Europa ist aus seinem wirtschaftlichen Dornröschenschlaf erwacht. Geschäfte mit Unrechtsregimen und Despoten waren noch nie eine gute Idee, auch nicht in Friedenszeiten. Doch der Schaden ist angerichtet. Wladimir Putin führt seinen Privatkrieg gegen die gesamte freie Welt. Es wird von Großmachtphantasien und Jahrhundertdenken gefaselt. Begriffe wie: gut und böse werden in die Diskussion geworfen, während wir fröhlich weiter Rohstoffe aus Ländern importieren, dessen Führungen der Demokratie feindlich gegenüberstehen. Das ist sie par excellence - die schöne neue Welt.

Der Begriff Zwickmühle wird dem Ganzen nicht gerecht, denn ein Ausweg scheint nicht in Sicht. Vielleicht schaffen es die weltweiten Sanktionen gegen Russland Putin zum Einlenken zu bewegen, vielleicht wird auch dem Machthaber im Kreml bewusst, dass die reale Umsetzung seiner nuklearen Drohungen auch das Ende von Mütterchen Russlands bedeuten würde. Und vielleicht aber erkennen die russischen Soldaten, dass sie nur für den Stolz eines fehlgeleiteten Mannes töten und sterben. Bis dahin zahlen die Ukrainer den Preis, viele mit ihrem Leben.

Ich beende meine Kolumne mit einer Strophe eines Songs der deutschen Rockband "Ton Steine Scherben" aus dem Jahre 1972: "Ich hab' geträumt, der Krieg wär vorbei. Du warst hier und wir waren frei. Und die Morgensonne schien. Alle Türen waren offen, die Gefängnisse leer. Es gab keine Waffen und keine Kriege mehr. Das war das Paradies. Der Traum ist aus!"

Quelle: ntv.de

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