Leben
Mittlerweile gibt es einige Konzerne, die ihre Mitarbeiter bei der Planung eines Sabbaticals unterstützen.
Mittlerweile gibt es einige Konzerne, die ihre Mitarbeiter bei der Planung eines Sabbaticals unterstützen.(Foto: imago/Westend61)
Freitag, 04. Mai 2018

Raus aus der Komfortzone: Sabbatical-Wunsch, und nun?

Von Sonja Gurris

Aus dem Alltag auszubrechen und den Stresspegel herunterzufahren, sind gute Gründe für eine berufliche Auszeit. Das Sabbatical kostet aber nicht nur Überwindung - auch die Absprache mit der Firma ist wichtig. Wer es schafft, kann sein Leben verändern.

Nicole Bittger will raus. Sie arbeitet viele Jahre im Personalbereich. Doch das reicht ihr irgendwann nicht mehr. "Als ich 2012 neben meinem Vollzeitjob das Studium in Wirtschaftspsychologie startete, wusste ich, dass ich dieses Mal eine größere Motivation brauchen würde, um die Doppelbelastung durchzustehen", erklärt sie im Gespräch mit n-tv.de.

Nicole Bittger unterwegs in Grönland.
Nicole Bittger unterwegs in Grönland.(Foto: Nicole Bittger_PASSENGER X)

Sie nimmt sich 2016 eine Auszeit von sechs Monaten, reist durch Japan, China, Niederlande, Belgien, Frankreich, Schweiz und Grönland. Doch der Entschluss war nicht einfach. "Die Idee einer Weltreise schwirrte mir im Kopf. Immer wieder verwarf ich sie", sagt Bittger. "Schlussendlich hat mir mein Freund den letzten Anstupser gegeben und mich ermutigt, das Sabbatical zu machen."

Sabbatical ist eine andere Bezeichnung für eine berufliche Auszeit - und stammt vom Schabbat ab, der auf die jüdische Tora zurückgeht. Der Schabbat ist für praktizierende Juden der "Tag des Ruhens". Ein Sabbatjahr soll dazu dienen, neue Energie zu sammeln, eine Neuorientierung zu ermöglichen und frische Denkanstöße zu setzen. Dabei muss ein Sabbatical nicht unbedingt ein Jahr andauern, sondern kann auch auf ein paar Monate begenzt sein.

"Wir sind alle ersetzbar"

Solche bewussten, längeren Unterbrechungen vom Arbeitsalltag bleiben für viele Menschen unerfüllte Träumereien. Laut einer Studie im Auftrag von Wimdu würden 43 Prozent der Deutschen gerne eine Auszeit vom Job nehmen. Doch gerade die Finanzierung macht vielen Sorgen, so dass die Mehrheit schließlich auf die Umsetzung ihres Sabbatical-Wunsches verzichtet.

Nicole Bittger war klar nach ihrer Rückkehr in den Job schnell, dass sie wieder weg möchte - noch mehr reisen und sich verändern. Sie kündigt nach elf Jahren im Unternehmen und macht das Thema Reisen zu ihrem neuen Beruf. Bittger fokussiert sich auf ihren Blog "PASSENGER X", reist fünf Monate durch Südamerika und postet Reisetipps. "Grundsätzlich habe ich die Erfahrung gemacht, dass sehr viele Menschen über ein Sabbatical nachdenken, sich aber nicht so recht trauen", meint Bittger. "Aber wir sind alle ersetzbar, auch wenn man das manchmal nicht gerne hören mag."

Eigeninitiative ist gefragt

Datenschutz

Mittlerweile gibt es einige Konzerne - wie etwa BMW und die Deutsche Bank, die ihren Mitarbeitern spezielle Möglichkeiten für Auszeiten anbieten. BMW-Sprecher Jochen Frey erklärt das im "Manager Magazin" mit einem "höheren Wunsch nach Flexibilität und Individualität". Das Unternehmen könne durch Sabbaticals vorübergehend Personalkosten sparen, ohne qualifzierte Mitarbeiter entlassen zu müssen. Jeder unbefristet angestellte Mitarbeiter von BMW mit einem Jahr Betriebszugehörigkeit hat die Möglichkeit für eine Auszeit. Die Dauer beträgt ein bis sechs Monate.

Selbst einige kleinere Unternehmen bieten Arbeitnehmern die Möglichkeit für ein Sabbatical. Wer mit seinem Wunsch nach einer Auszeit der erste Mitarbeiter in seinem Unternehmen ist, muss allerdings erst einmal einen sogenannten Auszeit-Vertrag erarbeiten. Soll die persönliche Pause bis zu zwölf Monate dauern, können Arbeitnehmer in der Regel unbezahlten Urlaub nehmen.

Machbar ist aber auch, ein geeignetes Teilzeitmodell mit dem Arbeitgeber zu vereinbaren. Dann bekommt der Reisende während des Sabbaticals weiterhin einen Teil seines Gehalts ausgezahlt und ist zudem versichert. Einen gesetzlichen Anspruch auf eine solche Regelung haben Arbeitnehmer allerdings nicht. Jeder, der mit dem Gedanken an eine Auszeit spielt, sollte dennoch das Gespräch mit seinem Arbeitgeber suchen - egal, ob es ein offizielles Programm gibt oder nicht.

Ängste gehören dazu

Nicole Bittger hat sich mit ihrem Arbeitgeber auf unbezahlten Urlaub geeinigt. Eine Pause im Job zu machen bedeutet aber auch, die Komfortzone zu verlassen, sagt sie. "Ich bin zum allerersten Mal allein gereist. Deshalb hatte ich Sorge, dass ich Heimweh bekommen würde, überfordert wäre, vielleicht auch aufgrund von Sprachbarrieren Probleme haben würde. Tatsächlich waren sämtliche Ängste überflüssig."

Für die Berlinerin hat die lange Reise zu großen Veränderungen geführt. Jobwechsel, Selbstständigkeit und viele neue Erfahrungen sind das, was bleibt. "Das Reisen tat mir wirklich gut, hat mich noch mutiger und unbeschwerter gemacht", sagt Bittger. "Was mich früher aufgeregt hat, lässt mich heute kalt." Mit diesem Wissen will sie nun auch anderen Arbeitnehmern helfen, denen noch der entscheidende Impuls für die Realisierung ihres Traums fehlt.

Gemeinsam mit Bloggerin Claudia Sittner hält sie Vorträge und berät Menschen, damit sich möglichst viele von ihnen den Traum vom Teilzeitausstieg erfüllen können. Zudem bieten die beiden Frauen im Netz ihre Hilfe an und teilen Erfahrungsberichte von anderen Sabbatical-Insidern in den sozialen Medien. Nicole Bittger hat vor allem eine klare Botschaft: "Traut euch. Es lohnt sich. Ihr werdet viel sehen und erleben - und erfahren, was das mit euch machen wird".

Quelle: n-tv.de