Leben

Maestro der Modestickerei Signor Pino lässt Haute Couture funkeln

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Signor Pino sorgt bei vielen Haute-Couture-Kleidern für das Tüpfelchen auf dem I.

(Foto: Andrea Affaticati)

Ohne seine Pailletten- und Perlenenstickereien wäre so mancher Modedesigner verloren. Seit über 60 Jahren führt Pino Grasso sein renommiertes Mailänder Atelier, in dem funkelnde Stoffkaskaden entstehen. n-tv.de hat den Maestro in seinem Studio besucht - und gestaunt.

Pino Grasso ist ein stämmiger, temperamentvoller Herr, dem man seine 88 Jahre nicht ansieht. Seine herzliche Art und die Leidenschaft, die er an den Tag legt, sind ansteckend. Keine Spur von Allüren. Und das, obwohl er seit über sechs Jahrzehnten in der Modebranche mitmischt. Signor Pino ist ein besonders wichtiges Mitglied in dieser Glanz- und Glitzerwelt, das kann man nicht anders sagen. Denn ohne sein Mailänder Stickerei-Atelier "Pino Grasso Ricami", würde es so manches vielbestaunte Haute-Couture-Kleid von Valentino oder Versace nicht geben.

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Kaum ein großes Modehaus, für das Signor Pinos Stickerei-Atelier nicht arbeitet hat.

(Foto: Andrea Affaticati)

"Pino Grasso Ricami" ist die feinste Adresse für Mode-Stickerei in Italien und wurde mehrmals auch in Frankreich ausgezeichnet, wo das Kunsthandwerk hohes Ansehen genießt. "Dass die Stickerei für die Modehäuser schon immer in Mailand zu Hause ist, wissen die wenigsten" erklärt Signor Pino bei einem Treffen mit n-tv.de in seinem Atelier. Bekannt sind zwar auch die Stickereien aus Florenz und Burano, aber die produzieren nicht für Modemacher.

Pailletten passend zur Lackkommode

In Signor Pinos Atelier werden Roben jeder Art sowie Schuhe und Taschen zu Kunstwerken. Mal sind es Blumendekos, mal optische Verführungen, mal glitzernde Kaskaden, mal meterlange gestickte Pfauenschwänze: Eine bunte Vielfalt bestehend aus Pailletten, feinsten Kupferfäden, bunt schillernden Kristallen oder Steinen. "Eigentlich kann man alles verwenden, auch Holzstäbchen, es kommt darauf an, was der Kunde im Sinn hat", erklärt Signor Pino. Was aber nicht heißt, dass sich die Arbeit der Stickerei darauf beschränkt, die von den Stilisten vorgegebenen Dekorationen und Muster eins zu eins auf den Stoff zu übertragen. Ganz im Gegenteil.

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In einem reichbestickten Kleid können gut und gerne 1000 Arbeitsstunden stecken.

(Foto: Andrea Affaticati)

Der Modedesigner hat zwar seine Vorstellung von dem, was er möchte, doch umsetzen müssen es Signor Pino, seine Tochter Raffaella und die Mitarbeiter. Einmal kam Valentino, mit dem er lange zusammengearbeitet hat - "ein ausgesprochen liebenswerter Mensch, und noch dazu in diesem Handwerk bewandert" - mit folgender Bitte zu ihm: Er wollte ein Tailleur mit Pailletten derselben Farben wie die chinesische Lackkommode bei ihm zu Hause. "Das war eine echte Herausforderung, die Pailletten haben wir extra anfertigen lassen" erinnert er sich. Wichtig sei es dabei, sich die Idee des Kunden zu Eigen zu machen. "Da kommt unsere Kreativität ins Spiel."

Eigentlich wollte Signor Pino nach dem Gymnasium Medizin studieren. Er hatte auch schon ein Jahr die Uni besucht und ein paar Examen abgelegt. Doch ihm war schnell klar, dass er sich mit dem Schmerz der Patienten sehr schwer tun würde. Da kam ihm sein engster Schulfreund zu Hilfe. Dessen Eltern hatten eine Stickerei, von der er selber aber nichts wissen wollte. Also fragte er Signor Pino, ob er nicht Lust hätte, in das Unternehmen einzusteigen. Für Pino kam der Vorschlag völlig überraschend, hörte sich aber verlockend an.

Mode statt Medizin

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10.000 Stickmuster füllen die Regale im Atelier von Signor Pino.

(Foto: Andrea Affaticati)

Er entschloss sich für ein Sabbatical. In diesem Jahr besuchte er Stickerei-Werkstätten in und um Mailand, von denen es damals, Ende der 50er-Jahre, viele gab, und befasste sich gründlich mit den Materialien. Schließlich fuhr er nach Paris, die Hauptstadt der Haute Couture, und lernte dort Alfred und Alexandre Gaydan kennen, die Meister der Stickerei. Er sah sich die Produktionsstätten von Lecocq Riou und Rech an, die für ihre Pailletten berühmt waren "und hatte zudem das Glück die Bekanntschaft von François Lesage zu machen". Schon beim Namen Lesage strahlt er über das ganze Gesicht. Der Vater von Lesage jr., Albert, hatte das Glück, mit dem Pionier der französischen Haute Couture, dem Briten Charles Frederick Worth ins Geschäft zu kommen, erzählt Signor Pino.

Gerne würde man Herrn Pino weiter über diese zwei Genies schwärmen lassen, aber es geht ja um ihn. Um sein Lebenswerk, um die von seinem Atelier angefertigten Kreationen für Mode-Ikonen wie Ferrè, Versace, Armani, Bottega Veneta, Emilio Pucci, Givenchy, Tom Ford, Vionnet.

Stickerei von der Pike auf

Als er aus Paris zurückkehrte, ging Signor Pino zu den Eltern seines Freundes und sagte ihnen: "Versuchen wir es also." Das war am 29. Oktober 1958 und er gerade einmal 22 Jahre alt. Als Erstes lernte er selber das Sticken: "Für mich war es wichtig, den Beruf von der Pike auf zu beherrschen." Zehn Jahre später übernahm er die Stickerei, heute hat er zwanzig Mitarbeiter, vornehmlich Frauen. Einige davon waren blutjung, als sie zu ihm kamen und haben mittlerweile selber erwachsene Kinder.

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Vor dem Sticken kommt das Stanzen.

(Foto: Andrea Affaticati)

Das Atelier ist nicht weit vom Stadtzentrum entfernt im Erdgeschoss eines eher unscheinbaren Wohnhauses aus den 60er-Jahren. Im Zimmer mit dem großen Zeichentisch liegen Skizzen und Stickvorlagen. Bevor sich die Stickerinnen an die Arbeit machen, werden die Skizzen auf eine Papiervorlage übertragen und dann mit Hilfe einer kleinen elektrischen Maschine gestanzt. "Das ist die einzige Maschine, die wir hier verwenden, alles andere machen wir per Hand mit einfachen oder Crochet Nadeln", erklärt Signor Pino. Nach dem Stanzen kommt die Vorlage auf den Stoff und wird mit einem talkartigen Puder vorsichtig abgestaubt. Die Farbpigmente müssen durch die kleinen Löcher und Schnitte in den Stoff eindringen. Jetzt erst sind die Stickerinnen an der Reihe. In einem anderen Raum arbeitet eine Frau an einem Stoff in einem Stickrahmen, zwei weitere fädeln Perlen ein. Ein reichbesticktes Kleid kann bis zu 1000 Arbeitsstunden fordern.

Der Besuch geht dem Ende zu. Es bleibt noch die Zeit, sich das Archiv im Untergeschoss anzusehen. Auf Regalen, die fast bis zur Decke reichen, sind über 10.000 Stickmuster aufbewahrt. Im Untergeschoss hat seine Tochter Raffaella eine Stickereischule eröffnet. Der Nachwuchs bleibt aus und auch seine vier Enkelkinder hätten kein Interesse, sagt Signor Pino, während sein Blick über die Fotos mit seinen Kreationen schweift. Es ist Zeit, sich zu verabschieden. Davor aber noch eine letzte Frage: Gibt es ein Kleid, das er als sein Meisterwerk bezeichnen würde? "Nein, denn man hat immer das Gefühl, da und dort hätte man es besser machen können." Aber das sei auch gut so, denn wäre man vollends zufrieden, gäbe es keinen Ansporn mehr.

Quelle: ntv.de