Leben

Die Auswirkungen auf die Psyche Social Distancing ist für manche anstrengend

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Technik kann den menschlichen Kontakt nur teilweise ersetzen.

(Foto: imago images/Hans Lucas)

Zu Hause bleiben und Abstand halten ist angesagt. Das soziale Leben steht bei vielen Menschen wegen der Coronakrise still. Doch kann Social Distancing auch negative psychologische Auswirkungen haben? Ein Sozialpsychologe gibt Antworten.

Manche versetzt das Coronavirus in Angst und Schrecken, andere sind von dem Thema mittlerweile nur noch genervt. Doch ein paar Regeln gelten für alle Menschen zurzeit: So darf man beispielsweise nur noch mit einer Person, die nicht der eigenen Familie zugehörig ist, vor die Haustür gehen. In der Öffentlichkeit soll mindestens 1,5 Meter Abstand zu den Mitmenschen gehalten werden. Alle, die sich in Quarantäne befinden, haben es noch schwerer: Sie dürfen ihr Haus überhaupt nicht mehr verlassen und müssen in den meisten Fällen jegliche sozialen Kontakte meiden. Aber leidet die Psyche nicht früher oder später unter diesen strengen Maßnahmen?

Johannes Ullrich, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Zürich, glaubt, dass die meisten Menschen mit den Regelungen eine Zeit lang gut zurechtkommen werden: "Das ist ein großes Experiment, dessen Ausgang wir nicht vorhersagen können, aber Menschen sind unglaublich anpassungsfähig und können mit Einschränkungen umgehen, wenn sie den Sinn darin erkennen", sagt er im Interview mit ntv.de. Im Gefängnis müssen Menschen schließlich auch, teils mehrere Jahre, mit Freiheitsbeschränkungen und wenig Kontakt zur Außenwelt klarkommen.

Social Distancing über einen längeren Zeitraum kann jedoch für einige Menschen problematisch werden. Dazu gehören extrovertierte Personen mit einem großen Freundeskreis und Hobbys, die meist mit anderen stattfinden. "Für diese Menschen ist das eine größere Einschränkung. Es könnte sein, dass sie schneller damit Probleme haben. Sie produzieren womöglich Konflikte, halten sich nicht an Regeln oder geraten in eine anhaltende schlechte Stimmung", sagt Ullrich.

Aber ein größeres Risiko für ernsthafte psychische Probleme besteht laut dem Sozialpsychologen für einsame Personen: "Ähnlich wie bei Firmen, die vor der Epidemie bereits wirtschaftliche Probleme hatten, sind Menschen, die Schwierigkeiten mit und in sozialen Beziehungen haben, stärker betroffen. Ihnen werden hier Möglichkeiten genommen, diese Beziehungen zu festigen oder zu reparieren", warnt er.

Können soziale Medien den menschlichen Kontakt ausreichend ersetzen?

Wegen Ausgangssperren und anderen Einschränkungen stehen das gute alte Telefon, aber auch soziale Netzwerke wie Whatsapp, Instagram oder Facebook bei den meisten Menschen zurzeit ganz oben auf der Beliebtheitsskala.

Doch selbst, wenn man sich zum Dinner per Videochat verabredet, ist das kein vollständiger Ersatz für den Austausch von Angesicht zu Angesicht, wie Ullrich betont: "Wenn die Technik funktioniert, können auf verschiedenen Kanälen Informationen ausgetauscht werden, aber es fehlt die Offenheit für ungeplantes gemeinsames Erleben der Situation. Es gehört schon sehr viel mehr zum sozialen Dasein, das nicht mit der Technik abgebildet werden kann", sagt Ullrich.

Das ist natürlich nicht verwunderlich. Auch Berührungen, wie Händeschütteln, Umarmungen oder Küsschen, die ebenso ein grundlegendes Bedürfnis des Menschen sind, kann selbst die beste Technik nicht ersetzen. Sie kann jedoch eine Zeit lang helfen, Einsamkeitsgefühle zu bekämpfen und im Austausch mit anderen zu bleiben. "Man sollte sich aktiv bemühen, den Face-to-face-Kontakt zu ersetzen. Das erfordert eine Umstellung und Bereitschaft tolerant zu sein mit den anderen, die das genauso lernen müssen", betont Ullrich. Dabei ist der Austausch per Videocall oder Telefon geeigneter, mit Freunden und Familie in Verbindung zu bleiben, als das Chatten über Facebook oder Twitter.

Quelle: ntv.de